Kolumne

Kosten-Nutzen der Terrorbekämpfung

Die hohen Ausgaben zur Terrorbekämpfung rentieren nicht. Terroranschläge kosten weniger als deren präventive Bekämpfung.
13.10.2014 10:19
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Kosten-Nutzen der Terrorbekämpfung
Bild: ZVG

Vermutlich haben Sie sich beim Sicherheitscheck am Flughafen auch schon einmal die Frage gestellt, ob die enormen Sicherheitsausgaben zur Vermeidung von Terroranschlägen wirtschaftlich sinnvoll sind. Rechtfertigt der erzielte Nutzen die verursachten Kosten?

Auf den ersten Blick ist man dazu verleitet, alles zu rechtfertigen, was zur Vermeidung von Leid und Tod dient. Bei dieser Argumentation übersieht man allerdings, dass wir nur ein begrenztes Mass an Ressourcen zur Verfügung haben und damit niemals alles Leid dieser Welt bekämpfen können. Wir müssen unsere begrenzten Mittel also dort einsetzen, wo sie den grössten Nutzen bringen. Die Mittel, die wir zur Terrorbekämpfung einsetzen, können wir nicht mehr zur Krebsforschung, zur Virusbekämpfung, für die Alten- und Krankenpflege oder zur Linderung der Hungersnot einsetzen.

Vor diesem Hintergrund sind John Muller von der Ohio State Universität, USA, und Mark G. Stewart von der Universität Newcastle, Australien, der Frage nachgegangen, ob sich die Massnahmen lohnen, die infolge der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA zur Terrorbekämpfung eingeleitet wurden. Die Ergebnisse ihrer Kosten-Nutzen-Analyse, die in der Sommerausgabe des Journal of Economic Perspectives erschienen ist, sind ernüchternd.

Bei ihren Berechnungen beziffern sie zunächst die Kosten, die durch die zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen nach dem 11. September in den USA angefallen sind, auf 75 Milliarden Dollar pro Jahr. Dieser Wert ist sehr vorsichtig geschätzt und berücksichtigt nur die öffentlichen Ausgaben, nicht aber die privaten Aufwendungen und die sogenannten Opportunitätskosten, die beispielsweise infolge des Zeitverlustes vor Sicherheitskontrollen entstehen.

Anschliessend untersuchen Muller und Stewart den potenziellen Nutzen dieser Sicherheitsmassnahmen. Dieser Nutzen entspricht den Kosten, die ein Terroranschlag verursacht hätte, der infolge der getroffenen Sicherheitsmassnahmen verhindert wurde.

Um entsprechende Vergleichswerte zu haben, werden im dritten Schritt die Kosten unterschiedlicher Arten von Terroranschlägen berechnet. Da die meisten Terroranschläge aufgrund ihrer begrenzten Auswirkungen nur sehr geringe Kosten verursachen, konzentrieren sich Muller und Stewart auf spektakuläre Anschläge mit umfangreichen Folgekosten. Beispielsweise betrugen die Kosten des Anschlags auf den Boston-Marathon (2013) rund 500 Millionen Dollar, weil dieser Anschlag neben drei Toten, hunderten Verletzten und grösseren Sachschäden vor allem hohe indirekte Kosten verursachte. Hierzu zählen nicht nur die Kosten, die die viertägige Verfolgungsjagd auf die Terroristen verursachte, sondern auch die Wirtschaftseinbussen, die infolge von Reiseausfällen nach Boston und vorübergehenden Geschäftsschliessungen im Tatortgebiet verursacht wurden.

World-Trade-Anschlag kostete 200 Milliarden Dollar

Die direkten und indirekten Kosten der Zuganschläge von Madrid (2004) und der U-Bahnanschläge von London (2005) mit 191 bzw. 52 Toten und hunderten Verletzten werden auf jeweils 5 Milliarden Dollar beziffert. Der Anschlag auf die Türme des World Trade Centers vom 9. September 2001 verursachte direkte und indirekte Kosten von insgesamt 200 Milliarden Dollar. Darin enthalten sind Kosten der verlorenen Menschenleben (20 Milliarden), der Sachschaden (30 Milliarden) und Einbussen des US-amerikanischen Bruttoinlandsproduktes (70 bis 140 Milliarden).

Die zusätzlichen Ausgaben zur Terrorbekämpfung seit dem 11. September 2001 in Höhe von jährlich 75 Milliarden Dollar lohnen sich demzufolge nur, wenn hierdurch jährlich mindestens 150 Anschläge wie beim Boston Marathon (2013) oder jährlich mindestens 15 Anschläge wie in Madrid (2004) und London (2005) oder alle drei Jahre ein Anschlag wie am 11. September 2001 verhindert werden.

Seit dem 11. September 2001 gab es in den USA insgesamt 54 Fälle, in den islamistische Terroristen entweder Anschläge planten oder durchführten. Dabei wurden 19 US-Amerikaner getötet, 16 durch Schusswaffen und drei durch selbstgebastelte Bomben. Ohne die zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen seit dem 11. September 2001 wären es vermutlich mehr Anschläge gewesen. Muller und Stewart halten es aber für unwahrscheinlich, dass diese verhinderten Anschläge so hohe Kosten verursacht hätten, dass hierdurch die Ausgaben der zusätzlichen Sicherheitsmassnahmen wirtschaftlich gerechtfertigt würden. Es wäre wirtschaftlich sinnvoller, den Umfang der Terrorbekämpfung auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren und die frei werdenden Mittel für andere Massnahmen zur Verringerung menschlichen Leids einzusetzten.

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.