Kolumne

Penalty vor der Verlängerung

An der WM in Brasilien gilt jetzt: Gewinnen oder nach Hause fahren. Aus wirtschaftlicher und spielerischer Sicht wäre dabei eine Regeländerung angebracht: Ein Penaltyschiessen vor der Verlängerung.
30.06.2014 01:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Penalty vor der Verlängerung
Bild: ZVG

Bei der Fussballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien hat am Wochenende mit den ersten Achtelfinalpartien die „heisse Phase“ begonnen. Nachdem in der Gruppenphase noch auf Punktekonto und Torverhältnis geschielt und entsprechend taktiert wurde, gilt jetzt nur noch eins: gewinnen oder ausscheiden!

Es gibt kein Unentschieden mehr. Gespielt wird solange bis ein Sieger feststeht. Ist ein Spiel nach der regulären Spielzeit noch nicht entschieden, geht es in die Verlängerung. Steht auch nach der Verlängerung noch kein Sieger fest, fällt die Entscheidung im Penaltyschiessen.

Penalty: Wirtschaftlicher Segen

Aus wirtschaftlicher Sicht ist das Penaltyschiessen ein Segen. Die Einschaltquoten erhöhen sich jedes Mal markant, wenn es zum Penaltyschiessen kommt. Aus sportlicher Sicht gibt es hingegen eine Reihe von Nachteilen. Erstens verliert der Fussball beim Penaltyschiessen seinen Charakter als Mannschaftssport. Es kommt zum Duell zwischen Goalie und Schützen. Zweitens wird das Penaltyschiessen für den Verlierer häufig zur Tragödie. Drittens bezeichnen viele das Penaltyschiessen als Lotterie, bei der nicht die bessere, sondern die glücklichere Mannschaft gewinnt. Deshalb versuchen gerade schwächere Teams spätestens in der Verlängerung, durch eine defensive Spielweise das Penaltyschiessen zu erreichen.

Um diesen Nachteilen entgegenzuwirken, wurde bereits mehrfach gefordert, das Penaltyschiessen nicht erst nach, sondern bereits vor der Verlängerung durchzuführen. Die Verlängerung wird dann trotzdem gespielt und das Ergebnis des Penaltyschiessens gilt nur dann, wenn die Verlängerung unentschieden endet.

Gemeinsam mit dem tschechischen Mathematiker Petr Stehlik haben die beiden australischen Ökonomen Liam J.A. Lenten und Jan Libich in einem Beitrag für das Journal of Sports Economics anhand von 3815 Spielergebnissen die Auswirkungen dieser Regeländerung untersucht. Dabei unterstellten die Forscher, dass sich die Vorverlegung des Penaltyschiessens auf den Spielverlauf der Verlängerung genauso auswirkt wie ein frühes Tor in der Verlängerung.

Eindeutige Ergebnisse

Die Ergebnisse sind eindeutig! Die Wahrscheinlichkeit, dass durch die Regeländerung in der Verlängerung mehr Tore fallen, beträgt fast 70 Prozent. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass in der Verlängerung überhaupt Tore geschossen werden, um knapp 60 Prozent.

Das Vorziehen des Penaltyschiessens hat also mehrere Vorteile. Erstens steigen die Einschaltquoten, weil auf jeden Fall ein Penaltyschiessen stattfindet. Zweitens ist das Penaltyschiessen aber nicht zwangsläufig spielentscheidend. Drittens fallen in der Verlängerung mehr Tore. Deshalb würde ich eine entsprechende Regeländerung begrüssen.