Kolumne

Skandinavische Illusion

Eine Untersuchung zweier Wirtschaftswissenschafter zeigt, dass die angeblichen Vorteile des skandinavischen Wohlfahrtstaats ins Reich der Fantasie gehören.
05.09.2016 14:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Professor für Services- und Operationsmanagement, institut für Betriebswirtschaftslehre, Universität Zürich (Feb. 2011)
Professor für Services- und Operationsmanagement, institut für Betriebswirtschaftslehre, Universität Zürich (Feb. 2011)
Bild: ZVG

Die skandinavischen Länder gelten für viele als Vorbild eines idealen Wohlfahrtsstaates. Die hohen Steuern, die umfangreichen Transferleistungen, die generöse Familienpolitik, die kostenlose Schul- und Universitätsausbildung sowie die Begrenzung des Lohngefälles in Skandinavien werden häufig als Ursache für den hohen Lebensstandard und die ausgeprägte soziale Mobilität gesehen. Rasmus Landersø von der Rockwool Foundation und der Nobelpreisträger James Heckman von der Universität Chicago haben jetzt ein Arbeitspapier vorgelegt, in dem sie die angeblichen Vorteile des skandinavischen Wohlfahrtsstaates als Fantasie bezeichnen.

Aufbauend auf einem umfangreichen Datensatz vergleichen die beiden Wissenschafter die intergenerationale soziale Mobilität in Dänemark mit der in den USA. Vereinfacht gesagt beschreibt die intergenerationale Mobilität die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in Bezug auf Einkommen und Bildung. In Ländern mit geringer sozialer Mobilität werden Einkommen und Bildung einer Person  stark durch Einkommen und Bildung seiner Eltern determiniert: Kinder aus einkommens- und bildungsschwachen Familien werden als Erwachsene mit grosser Wahrscheinlichkeit ebenfalls zur einkommens- und bildungsschwachen Gesellschaftsschicht gehören. In Ländern mit hoher intergenerationaler Mobilität ist der soziale Aufstieg für Kinder aus einkommens- und bildungsschwachen Familien viel leichter.

Geringere Bildungsanreize

Obwohl Dänemark sehr viel öffentliche Mittel in sein Vorschul-, Schul- und Universitätssystem investiert, ist die intergenerationale Bildungsmobilität in Dänemark nicht grösser als in den USA. Die Ursache für dieses Ergebnis liegt den Forschern zufolge darin, dass in Dänemark aufgrund der Lohnkompression geringere Bildungsanreize bestehen als in den USA, wo sich Bildungsunterschiede viel stärker im Lohn widerspiegeln.

Demgegenüber ist die Einkommensmobilität in Dänemark grösser als in den USA. Allerdings werden die Unterschiede deutlich kleiner als häufig angenommen, sobald man die Sozialtransfers aus den Einkommen herausrechnet. Ohne Berücksichtigung staatlicher Transferleistungen ist die Einkommensmobilität in beiden Ländern für Familien mit geringem bis mittlerem Einkommen nahezu identisch. Nur bei hohem Familieneinkommen sind die Unterschiede in der Einkommensmobilität beider Länder ausgeprägter.

Aus ihren Ergebnissen folgern die Wissenschaftler, dass die Bildungsmöglichkeiten, die der dänische Wohlfahrtsstaat für Kinder aus ärmeren Familien schafft, nicht zu einer höheren Einkommensmobilität führen, weil die Umverteilungsmechanismen, auf denen der Wohlfahrtsstaat gründet, diesen Vorteil wieder zunichtemacht, indem er die Anreize schmälert, die besseren Bildungsmöglichkeiten auch auszuschöpfen. Da Dänemark als Prototyp des skandinavischen Wohlfahrtstaates gilt, warnen die Wissenschaftler zudem davor, dem skandinavischen Vorbild unreflektiert nachzueifern.

 

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.