Kolumne

So funktionieren Prognosemärkte

Die Informationsverarbeitung des Preismechanismus kann auch zur Prognose und Risikoreduktion genutzt werden.
11.03.2013 02:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
So funktionieren Prognosemärkte
Bild: ZVG

Märkte sind ein Juwel, wenn es um die Aggregation und Kommunikation von Teilinformationen geht, die innerhalb unserer Gesellschaft weit verstreut sind. Durch den Preismechanismus werden diese verstreuten Informationspartikel aggregiert und allen Marktteilnehmern kommuniziert.

Die Informationsverarbeitung des Preismechanismus bildet nicht nur die Basis unserer Marktwirtschaft. Sie kann auch zur Prognose und Risikoreduktion genutzt werden. Hierzu bieten sogenannte Prognosemärkte den Handel mit Kontrakten auf zukünftige Ereignisse an. Die bekanntesten Prognosemärkte sind Intrade, Iowa Electronic Markets, Hollywood Stock Exchange und Nadex.

In diesen Prognosemärkten können Kontrakte auf zukünftige Ereignisse gehandelt werden. Beispielsweise bietet Intrade zahlreiche Kontrakte an, die sich auf so unterschiedliche Ereignisse wie beispielsweise die Wahl des neuen Papstes, den Stand des Dow-Jones-Index am Jahresende, den Börsengang von Twitter, einen Luftangriff auf den Iran, ein Erdbeben der Stärke 9.0, die Fertigstellung des One World Trade Centers, die Klimaerwärmung, einen Terroristenangriff, Steuersätze, den Zerfall des Euro, die Geldpolitik, regionale Preisindizes oder die Entdeckung ausserirdischer Lebewesen beziehen.

Die Kontrakte sind in der Regel so ausgestaltet, dass dem Inhaber ein Festbetrag ausbezahlt wird, wenn das betreffende Ereignis eintritt, während der Kontrakt wertlos verfällt, wenn das betreffende Ereignis nicht eintritt. Beispielsweise bietet Intrade einen Kontrakt an, der 10 US-Dollar ausbezahlt, wenn es gelingt, bis Ende 2014 mit Hilfe der aneutronischen Kernfusion (focus fusion) Strom zu gewinnen. Dieser Kontrakt wird bei Intrade gehandelt, ähnlich wie Aktien an Börsen gehandelt werden. Infolge der Kauf- und Verkaufsaufträge kommt ein Marktpreis für diesen Kontrakt zustande, der sich ähnlich wie der Aktienkurs im Laufe der Zeit den veränderten Angebots- und Nachfragebedingungen, die wiederum auf den verfügbaren Informationen der Marktteilnehmer beruhen, anpasst. Aus diesem Marktpreis lässt sich die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt des betreffenden Ereignisses ablesen. Liegt der Marktpreis für den oben beschriebenen Kontrakt beispielsweise bei 2,15 US-Dollar, bewertet der Markt die Eintrittswahrscheinlichkeit des betreffenden Ereignisses derzeit mit 21,5 Prozent.

Eine Reihe wissenschaftlicher Studien konnte nachweisen, dass Prognosemärkte attraktive Eigenschaften aufweisen, die grösstenteils darauf beruhen, dass die Marktteilnehmer nicht nur ihre Meinung kundtun, sondern hierfür auch mit ihrem Geld einstehen. Prognosemärkte sind deshalb in der Lage, eine Vielzahl von Informationen schnell und effizient zu verarbeiten. Insbesondere neue Informationen werden meist in Sekundenschnelle vom Marktmechanismus verarbeitet und spiegeln sich sofort im Marktpreis wider. Des Weiteren weisen die Prognosemärkte im Vergleich zu Expertenprognosen und Umfragen meist geringere statistische Fehler auf. Schliesslich sind Prognosemärkte auch gegenüber Manipulationsversuchen äusserst robust. Obwohl auf mehreren Prognosemärkten einzelne Manipulationsversuche nachgewiesen werden konnten, blieben diese Versuche meist erfolglos.

Ein weiterer Vorteil der Prognosemärkte liegt darin, dass sie auch zur Risikoreduktion verwendet werden können. Beispielsweise bietet Intrade Kontrakte auf den Schneefall in New York an. Unternehmen, deren Geschäft stark vom Schneefall abhängt, können den betreffenden Prognosemarkt nicht nur für Planungszwecke, sondern auch als Hedginginstrument nutzen, indem sie die entsprechenden Kontrakte kaufen bzw. verkaufen.

 

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.