Kolumne

Von Manager- und Sportler-Löhnen

1:12 und wie kleine Leistungsunterschiede durch Hebeleffekte zu grossen Einkommensunterschieden führen. Oder was Roger Federer mit dem McDonalds-Chef gemeinsam hat.
25.06.2013 10:06
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Von Manager- und Sportler-Löhnen
Bild: ZVG

Im November dieses Jahres kommt die 1:12 Initiative vor das Schweizer Stimmvolk. Der Initiative zufolge darf der höchste von einem Unternehmen bezahlte Lohn nicht höher sein als das Zwölffache des tiefsten vom gleichen Unternehmen bezahlten Lohnes. Dies bedeutet vereinfacht gesagt, dass kein Mitarbeiter eines Unternehmens in einem Jahr weniger verdienen darf als der CEO in einem Monat.

Die Initiative hat nicht zuletzt durch eine Reihe prominenter Vergütungsexzesse in der Finanz- sowie der Pharmabranche viele Sympathien hinzugewonnen. Diese Sympathien basieren unter anderem darauf, dass wir eine starke Präferenz für soziale Gleichheit besitzen und grössere Ungleichheiten schnell als ungerecht empfinden.
Der US-Ökonom Sherwin Rosen erklärt die enormen Einkommensunterschiede in der Unterhaltungsbranche mit der Einführung von Massenmedien. Durch Radio, Film, Fernsehen, Video, DVD und Internet ist aus den ehemals lokalen Unterhaltungsmärkten ein globaler Massenmarkt entstanden.

Beispielsweise war das Einkommen von Schauspielern früher durch die Grösse der jeweiligen Theater begrenzt. Jede Schauspielerin und jeder Schauspieler konnte pro Abend nur in einem Theater auftreten. Durch die Erfindung des Films wurde aus der lokalen Theaterbranche eine globale Unterhaltungsindustrie. Jetzt konnte ein Schauspieler gleichzeitig in tausenden von Kinos "auftreten". Dieser mediale Hebel verschärfte den Wettbewerb zwischen allen Schauspielern. Die besten wurden zu Superstars und verdienten ein Vielfaches ihrer weniger erfolgreichen Kolleginnen und Kollegen.

Ähnlich verhält es sich im Sport. Auch hier wollen wir die besten sehen. Alle bewundern Roger Federer; für die Nummer 298 der Weltrangliste interessiert sich hingegen niemand. Deshalb verdienen auch im Sport Superstars wie Roger Federer das Drei- bis Vierhundertfache eines durchschnittlichen Profisportlers.

Aber auch in vielen anderen Wirtschaftsbranchen haben bereits kleine Leistungsunterschiede oft grosse Einkommensunterschiede zur Folge. Anders als in der Unterhaltung und im Sport sind hier weniger mediale Hebel als vielmehr Entscheidungshebel für die Hebelwirkung verantwortlich.

Betrachten wir hierzu beispielsweise den Entscheidungshebel, den der CEO einer Restaurantkette wie etwa McDonald's oder Burger King im Vergleich zum Chef eines Familienrestaurants besitzt. Wenn der Chef des Familienrestaurants eine Kosteneinsparung in Höhe von fünf Prozent realisiert, kann er den Jahresgewinn vielleicht um zehn- bis zwanzigtausend Franken steigern. Demgegenüber haben die CEOs von McDonald's oder Burger King einen hunderttausendfachen Hebel, so dass selbst kleine Kosteneinsparungen und geringfügige Qualitätsverbesserungen schnell zu Gewinnsteigerungen in Milliardenhöhe führen können.

Natürlich ist das Top-Management jedes Grossunternehmens bei der Umsetzung seiner Entscheidungen auf die Mitarbeiter angewiesen. Aber auch Blockbusterfilme und Spitzensport sind keine Ein-Mann-Shows. Dennoch akzeptieren wir es offenbar, dass ein Spitzensportler das Hundertfache seines Physiotherapeuten verdient, haben aber grosse Probleme, wenn der CEO eines multinationalen Grossunternehmens in einem Monat mehr als einer seiner Mitarbeiter im ganzen Jahr verdient.

 

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.