Kolumne

VW-Rettung aus China?

VW-Diesel ist auch in China in aller Munde. Buddha sei Dank nicht in allen Tanks. So nimmt also nicht die Luft Schaden, sondern die Qualitäts-Reputation Deutschlands.
05.10.2015 10:36
Peter Achten, Asienkorrespondent
VW-Rettung aus China?
Bild: ZVG

Die in Amerika losgetretene Abgaskrise von VW hat für kurze Zeit auch in China für Schlagzeilen gesorgt. Kein Wunder, denn VW ist in der chinesischen Autoindustrie die Nr. 1 mit einem Marktanteil von 18,1%. Doch private Dieselbetriebene Personenwagen verkehren auf den Strassen praktisch keine. Von den 154 Millionen Autos werden gerade einmal 15 Prozent mit dem von Rudolf Diesel am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Motor betrieben. Und das sind nach Angaben der Umweltschutz-Behörde Laster und Busse. Mit andern Worten: 99 Prozent aller verkauften Personenwagen im Reich der Mitte sind Benziner.

Doch Chinas Regierung und vor allem die nationale Umweltbehörde haben sich vor noch nicht allzu langer Zeit die Frage gestellt, ob denn die Umrüstung der chinesischen Autoindustrie auf Dieselbetriebene Fahrzeuge nicht dem Umweltschutz zuträglich sein könnte. Denn nicht wahr, Diesel gilt – oder galt? – als umweltfreundlich und energiesparend. Zunächst scheiterte das Vorhaben dann an der Knappheit und schlechten Qualität des an den Zapfsäulen vorhandenen Diesel-Treibstoffs. Autoindustrie-Insider raunen indes hinter vorgehaltener Hand auch von Druck der amerikanischen Auto-Lobby auf die Regierung in Peking unter anderem mit der Behauptung, dass Diesel nicht wie in der Werbung verkündet die Umwelt schone und energiesparsam sei. Chinas Umweltbehörde hat allerdings bereits vor Jahren jenseits von Benzin und Diesel klar festgehalten, dass die Zukunft dem elektrisch betriebenen Automobil gehöre. Denn oft sind – wie jetzt Untersuchungen zeigen – auch Benziner oft nur im Labortest sparsam und mithin umweltverträglich.

Nun ist es aber nicht so, dass Diesel in China nicht verwendet würde oder gar ein Schimpfwort wäre. Weit davon entfernt. Im letzten Jahr wurden fast 200 Millionen Tonnen Dieselöl verbraucht und die Abgase in die Luft geblasen. Vornehmlich in der Landwirtschaft, aber auch bei der Eisenbahn oder der Stromversorgung werden Diese-Aggregate eingesetzt. Kleine Diesel-Traktoren sind überall in China ein gewohntes Bild, ebenso Diesel-Mini-Pflüger, Diesel-Wasserpumpen, Diesel-Stromgeneratoren, Diesel-Loks. China ist in summa Weltspitze im Diesel-Verbrauch. Deutsche Firmen, zum Beispiel Deutz AG, haben deshalb die Gelegenheit beim Schopf gepackt, im Dieselmotoren-Bereich rechtzeitig zu investieren und Gemeinschftsunternehmen mit potenten chinesischen Partnern zu gründen.

Nach Bekanntwerden des Abgaschummelns in Amerika hat VW China zunächst einmal bekanntgegeben, dass in den chinesisch-VW-Gemeinschaftsunternehmen FAW und SAIC keines der in den Skandal verwickelten Modelle produziert werde. Bei der amerikanischen VW-Abgastrickserei ist deshalb weniger Diesel im Mittelpunkt, sondern – viel folgenreicher – die deutsche Ingenieurskunst und die in China sprichwörtliche deutsche Qualität. „Ich habe geglaubt“, schreibt ein Blogger auf dem chinesischen Twitter-Pendant Sina Weibo, „dass ‚Made in Germany‘ der absolute Qualitäts-Siegel weltweit sei“. Zynisch-böse  fügte ein anderer Blogger hinzu: „Vielleicht lernten die Deutschen zu betrügen, weil einige VW-Manager schon zu lange in China leben und arbeiten“. Das englischsprachige Regierungsorgan „China Daily“ kommentiert: „Die Reputation von VW wird leiden, und das wird zu weniger Verkäufen führen“.

Die Diesel-Abgas-Krise trifft VW in einem Moment, wo die Verkäufe der Autoindustrie eh schon im Abwind segeln. So verkaufte VW in China im ersten Halbjahr 2015 1,74 Millionen Personenwagen, was im Vergleich mit dem Vorjahr einem Minus von 5,6 Prozent entspricht. Dennoch, VW konnte sich im Vergleich zur chinesischen, amerikanischen, japanischen und europäischen Konkurrenz auf dem chinesischen Markt noch einigermassen halten. Dank den Verkäufen im Reich der Mitte hat VW im ersten Halbjahr 2015 sogar den japanischen Konkurrenten Toyota als Nummer 1 der Welt abgelöst. Weil der chinesische Markt derart wichtig ist, sind bis 2019 Investitionen von 25 Milliarden Dollar geplant. Wer weiss, vielleicht wird so der chinesische Super-Markt zum VW-Retter?

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.