Kolumne

Wie uns die 2. Säule ruiniert

Das Kapitaldeckungsverfahren der beruflichen Vorsorge richtet enormen volkswirtschaftlichen Schaden an.
26.10.2016 16:00
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Wie uns die 2. Säule ruiniert
Bild: ZVG

Jeder siebte Rentenfranken versickert bei der 2. Säule in Verwaltungskosten. Rudolf Strahm hat das der Branche in einer "Tagesanzeiger"-Kolumne wieder einmal um die Ohren gehauen. Das "Vorsorgeforum" veröffentlichte daraufhin eine "Gegenexpertise", die im wesentlichen in der Feststellung gipfelte, dass es sich bei Strahms rund 4,2 Milliarden nicht um "Sickerverluste" sondern um echte Kosten für harte Arbeit handle - was Strahm ja eigentlich nie bestritten hat.

Dennoch irrt der ehemalige Preisüberwacher. Er irrt insofern, als die betriebswirtschaftlichen Kosten der 2. Säule Peanuts sind im Vergleich zum volkswirtschaftlichen Schaden, den das Kapitaldeckungsverfahren anrichtet. Die Erklärung ist nicht ganz einfach - sonst würde man mehr darüber reden. Ich versuche, es einfach zu machen.

Das Ersparte fliesst ins Ausland

Kapitaldeckung (wie in der 2. Säule) ist, wenn man Geld auf die hohe Kante legt, statt (wie in der AHV) die Renten aus den laufenden Beiträgen zu zahlen. Dank der 2. Säule werden denn auch jährlich rund 37 Milliarden Franken gespart. Nachzulesen unter "Zunahme der betrieblichen Versorgungsansprüche" in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Das Problem ist, dass niemand dieses Geld braucht. Weder der Staat, noch der Unternehmenssektor und schon gar nicht die privaten Haushalte. Sie alle erzielen laufend Nettofinanzierungsüberschüsse. Will heissen, sie finanzieren ihre Investitionen aus der eigenen Portokasse ohne fremde Ersparnisse zu beanspruchen.

Folglich fliessen - immer volkwirtschaftlich betrachtet - die 37 Milliarden der 2. Säule gemeinsam mit einem ähnlich hohen Betrag anderer Nettoersparnisse ins Ausland - und werden von der Nationalbank als Nettoauslandvermögen erfasst. Dieses ist seit dem 2. Quartal 2000 bis Mittte 2016 um 182 auf 756 Milliarden gestiegen. Eigentlich hätte es aber um 947 Milliarden Franken (etwa 58 Milliarden pro Jahr) steigen müssen, denn so viel haben wir in dieser Periode gespart. Davon entfielen 434 Milliarden auf Exportüberschüsse und 513 Milliarden auf den Nettokapitalertrag aus unseren Auslandguthaben.

Andere Investitionen werden konkurrenziert

Und wo bleibt die Differenz zwischen den theoretischen 756 und den effektiven 182 Milliarden? Ganz einfach: Auslandguthaben werden - per Definition - in den (weichen) Währungen der Schuldnerländer angelegt. Und solche Guthaben haben die Tendenz, immer wieder mal faul zu werden und sich gegenüber dem harten Franken zu entwerten. Seit 2000 haben sich so nicht weniger als 765 Milliarden Franken "Sickerverluste" zusammengeläppert - rund 250 Milliarden mehr als die Kapitaleinkommen. Die Gesamtrendite unseres Auslandvermögens war also negativ und zwar um rund 3,5 Prozent jährlich.

Einwand: Unsere Pensionskassengelder sind aber überwiegend im Inland angelegt. Richtig. Und deshalb errechnet sich gemäss den diversen Pictet-Indizes für die Zeit ab Anfang 2000 eine Rendite von rund 2,5 Prozent jährlich. 3,5 Prozent Minus aus volkswirtschaftlicher und ein Plus von 2,5 Prozent aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Wie passt das zusammen? Nun, diese Frage kann man nicht mehr auf die Milliarde genau beantworten, weil es dazu keine Statistik gibt. Grundsätzlich ist aber folgendes passiert: Die Abermilliarden aus der 2. Säule haben andere Investitionen in der Schweiz konkurrenziert. Doch weil es bei weitem nicht genügend physischen Investitionsbedarf gab, hat man sich halt gegenseitig die bereits vorhandenen Aktien und Immobilien abgekauft und die Preise hochgetrieben.

Massive Umverteilung von unten nach oben

Einen Begriff von den Grössenordnungen, um die es dabei geht, liefert der jüngste Bericht von Wüest & Partner. Danach beträgt der Markwert  der Schweizer Mietwohnungen 2,2 Billionen Franken. Er ist allein 2015 um 4,1 Prozent gestiegen. Das sind dann etwa 90 Milliarden. Dazu kommen noch 4,1 Prozent oder weitere rund 90 Milliarden Cashflow-Rendite, also Geld, das die Mieter den Vermietern bezahlt haben. Nicht ausgewiesen wurde zudem die Wertsteigerung auf den noch einmal fast 2 Billionen Marktwert der Einfamilienhäuser und Eigentumswohnungen. Einverstanden, diese Zahlen sind insofern übertrieben, als zum Glück nicht alle Immobilienbesitzer Marktpreise und Marktmieten durchsetzen können oder wollen. Sonst wären die Mieter längst total ruiniert.

Was bleibt unter dem Strich? Es bleibt der gut begründete Verdacht, dass die 2. Säule erstens eine Umverteilung in zweistelliger Milliardenhöhe von den Mietern zu den Rentnern und Immobilienbesitzer bewirkt. Und zweitens, dass sie eine teure Kaste von Finanzverwaltern herangezüchtet hat. Die von Rudolf Strahm erwähnten 4,2 Milliarden Franken sind ja nur die Spitze des Eisbergs. Das Obligatorium der 2. Säule hat wesentlich dazu beigetragen, dass unsere Wirtschaft heute von überdimensionierten, überdotierten, aber ökonomisch unterbelichteten Finanzmärkten gesteuert wird. Eine ganze Generation hat gelernt, dass man mit einer Finanzblase viel mehr Geld abschöpfen kann, als mit echter Wertschöpfung. Die Folgen davon müssen (fast) alle ausbaden, nicht nur die Mieter.

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Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».