Kolumne

Wirtschaftlichkeit fossiler Brennstoffe

In der gegenwärtigen Diskussion um Terror, Flüchtlinge und Negativzinsen ist der Klimawandel in den Hintergrund geraten. Zu Unrecht.
29.03.2016 01:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Wirtschaftlichkeit fossiler Brennstoffe
Bild: ZVG

Der Klimawandel spielt für unsere künftige Lebensqualität vermutlich eine noch viel entscheidendere Rolle als die aktuellen Tagesthemen.

Der Klimawandel wird vor allem durch die Emission von Treibhausgasen verursacht. Rund 65 Prozent der Treibhausgase werden durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugt. Von diesen Emissionen entfallen 45 Prozent auf Kohle, 35 Prozent auf Öl und 20 Prozent auf Gas. Während vor allem OECD-Länder versuchen, die Verbrennung fossiler Brennstoffe durch Gesetze, Steuern und Abgaben zu verringern, hat der Verbrauch fossiler Brennstoffe in Nicht-OECD-Ländern in den letzten Jahren erheblich zugenommen.

Der Verbrauchsanstieg bei den Nicht-OECD-Ländern war in den letzten Jahren grösser als die Einsparungen in den OECD Ländern. Als Folge hiervon ist der Weltverbrauch in den letzten zehn Jahren bei Öl um 7.5 Prozent, bei Kohle um 24 Prozent und bei Gas um 20 Prozent angestiegen.

Viele Leute glauben, dass der Verbrauch fossiler Brennstoffe von allein zurückgehen wird, weil mit zunehmenden Verbrauch die vorhandenen Reserven immer kleiner und damit die Preise pro Einheit immer höher werden. Thomas Covert und Michael Greenstone von der University of Chicago sowie Christopher R. Knittel vom Massachusetts Institute of Technology haben in einem kürzlich erschienen Beitrag im Journal of Economic Perspectives nachgewiesen, dass es sich hierbei um eine Fehleinschätzung handelt. Vielmehr ist das Verhältnis von nachgewiesenen fossilen Brennstoffreserven zum Jahresverbrauch in den letzten 30 Jahren nur für Kohle leicht zurückgegangen, während es für Öl und Gas nahezu unverändert blieb. Zu jedem Zeitpunkt in den letzten 30 Jahren gab es demzufolge Öl- bzw. Gasreserven für die nächsten 50 Jahre.

Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, lässt sich aber relativ leicht dadurch erklären, dass jedes Jahr bislang unbekannte Vorkommen gefunden wurden, deren Umfang in etwa dem betreffenden Jahresbedarf entspricht. Diese neuen Funde sind dem technologischen Fortschritt zu verdanken. So wurden beispielsweise in den letzten Jahren grössere Öl- und Gasreserven in bituminösem Sand (Ölsand) und Schiefergesteinen entdeckt.

Wenn diese Entwicklung so weiter geht, müssen wir uns keine Sorgen um die Zukunft von fossilen Brennstoffen machen, sondern werden auch in 100 Jahren noch genügend Vorräte für die nächsten 50 Jahre haben. Das bedeutet aber zugleich, dass wir uns auch keine Hoffnungen machen müssen, dass in Zukunft keine fossilen Brennstoffe mehr benutzt werden, weil uns die Vorräte ausgehen.

Wenn das Angebot fossiler Brennstoffe auf absehbare Zeit nicht versiegt, wie gross ist dann die Wahrscheinlichkeit, dass fossile Brennstoffe aus Kostengründen durch erneuerbare Energien ersetzt werden? Auch auf diese Frage präsentieren die Forscher eine ernüchternde Antwort: auf absehbare Zeit sind Wind- und Solarenergie keine wirtschaftliche Alternative für fossile Brennstoffe bei der Erzeugung von Grundlaststrom und im Automobilverkehr.

Zwar sind bei Solaranlagen die sogenannten Stromgestehungskosten, d.h. die jährlichen Durchschnittskosten, in den letzten Jahren deutlich gesunken. Aufgrund der grossen Schwankungen bei der Stromerzeugung und der hohen Speicherkosten bleibt jedoch die Energieerzeugung mittels fossiler Brennstoffe vor allem bei der Produktion von Grundlaststrom und beim Automobilverkehr die kostengünstigere Alternative.

Dieser Kostenvorteil beruht aber letztendlich darauf, dass bei den Kosten fossiler Brennstoffe die Nachteile des verursachten Klimawandels nicht vollumfänglich berücksichtigt werden. Es braucht deshalb dringend Massnahmen, die sicherstellen, dass bei der Energiegewinnung mittels fossiler Brennstoffe auch die Nachteile, die durch den Ausstoss von Treibhausgasen verursacht werden, vollumfänglich berücksichtigt werden. Andernfalls drohen grössere Klimaveränderungen.

Prof. Helmut Dietl

Helmut Dietl ist ordentlicher Professor für Services & Operations Management am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.