Kolumne

Wozu noch Geldpolitik? Hier sind die Bitcoins

Eigentlich sollte man lieber Euros statt Franken schenken. Doch verlieren die bestehenden Währungen weiter an Vertrauen, könnte sich diese Frage erübrigen.
17.12.2012 08:00
Helmut Dietl, Professor Universität Zürich
Wozu noch Geldpolitik? Hier sind die Bitcoins
Bild: ZVG

Eines der häufigsten Geschenke zu Weihnachten ist Geld. Es hat den Vorteil, dass die Beschenkten sich damit das kaufen können, was ihnen am liebsten ist. Infolge der Schuldenkrise und expansiven Geldpolitik vieler Länder stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, welche Währung wir schenken sollen: Schweizer Franken, US-Dollar, Euro?

Aufgrund der Euro-Krise und der Haushaltsprobleme in den USA ziehen vermutlich viele zunächst den Schweizer Franken vor. Solange die Schweizerische Nationalbank aber an der Kursuntergrenze von 1,20 Franken für den Euro festhält, ist es beim gegenwärtigen Wechselkurs besser, Euro anstatt Franken zu schenken. Die Beschenkten können dabei nur gewinnen, aber nicht verlieren. Erholt sich der Euro, bekommen die Beschenkten mehr Franken für ihre Euro. Fällt der Euro, garantiert die Nationalbank den Mindestkurs von 1,20 Franken. Für jeden Euro bekommen die Beschenkten also 1,20 Franken plus die Option auf Kursgewinne, ohne gleichzeitig ein Verlustrisiko zu tragen.

Aber was passiert, wenn der Euro nicht überlebt? Soll man sich dieser Gefahr aussetzen? Soll man sich überhaupt den Unwägbarkeiten der Geldpolitik aussetzen? Der österreichische Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek forderte bereits in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, das staatliche Geldmonopol durch einen freien Wettbewerb privat produzierter Zahlungsmittel zu ersetzen, weil er in die disziplinierende Wirkung des Wettbewerbs mehr Vertrauen hatte als in die Unabhängigkeit von Zentralbanken.

Durch das Internet wurde Hayeks Idee mittlerweile zur Realität. 2009 implementierte der japanische Programmierer Satoshi Nakamoto eine virtuelle Währung, die aufgrund seiner dezentralen Peer-to-Peer-Struktur in Anlehnung an das bekannte File-Sharing-Protokoll BitTorrent den Namen Bitcoin trägt. Ein Bitcoin (BTC) besteht aus einer Kette digitaler Schlüssel. Um Bitcoins zu verwenden, muss der Benutzer zunächst die kostenlose Open-Source-Software herunterladen oder ein Web-basiertes Konto eröffnen (E-Wallet). Zur Speicherung der Bitcoins erhält jeder Benutzer einen privaten und einen öffentlichen Schlüssel. Die Zahlungen erfolgen anonym von Computer zu Computer. Dabei wird der private Schlüssel des Senders mit dem öffentlichen Schlüssel des Empfängers übermittelt und zugleich sichergestellt, dass die übertragenen Bitcoins nur noch vom Empfänger und nicht mehr vom Sender verwendet werden können. Das System braucht weder Notenbanken noch Finanzintermediäre. Alle Zahlungen erfolgen ohne Zeitverzögerung, unabhängig von physischen Distanzen und Landesgrenzen. Die hierbei anfallenden Transaktionskosten sind um ein Vielfaches niedriger als bei herkömmlichen Zahlungsverfahren.

Der grösste Vorteil von Bitcoins besteht darin, dass die verfügbare Geldmenge berechenbar ist und von niemandem manipuliert werden kann. Bitcoins werden durch die Benutzer selbst kreiert, indem sie dem Netzwerk Rechenleistung zur Verfügung stellen. Als Gegenleistung für die bereitgestellte Rechenleistung werden Bitcoins gutgeschrieben. Derzeit kann weltweit etwa alle zehn Minuten ein neuer Bitcoinblock kreiert werden. Derzeit enthält ein Block 25 Bitcoins. Da sich diese Anzahl alle vier Jahre halbiert, wächst die Geldmenge geometrisch. Im Jahr 2040 wird sie 21 Millionen Bitcoins umfassen und von da an nicht mehr weiter wachsen. Die Begrenzung auf 21 Millionen Bitcoins führt zu keinen Beeinträchtigungen im Zahlungsverkehr, weil jeder Bitcoin beliebig teilbar ist.

Wer Bitcoins nicht über die Bereitstellung von Rechenleistung erwerben will, kann sie an diversen Tauschbörsen gegen traditionelle Währungen eintauschen. Als Zahlungsmittel werden Bitcoins derzeit vor allem im Internet akzeptiert. Ob sich die Akzeptanz weiter ausbreitet, hängt vor allem vom Vertrauen in die bestehenden Währungen ab. Sollte dieses Vertrauen weiter sinken, stellen Bitcoins eine interessante Alternative dar.