Kolumne

Zypern, die EU und wir

Wer wem das Geschäftsmodell verbieten müsste.
01.04.2013 20:00
Werner Vontobel, Publizist und Buchautor
Zypern, die EU und wir
Bild: Sobli

Vor wenigen Tagen hat die EU den Zyprioten ihr nationales Geschäftsmodell verboten. Und alle Kommentatoren waren sich einig, dass dies schon lange hätte geschehen müssen. Es sei doch klar, dass eine so hohe Abhängigkeit von der Finanzbranche über kurz oder lang zum Kollaps führen müsse.

Wirklich? In Zypern beträgt die Bilanzsumme der Banken 72 Milliarden Euro und das BIP knapp 18 Milliarden. Das ist ein Faktor 4. Zu diesem BIP tragen die Banken und Versicherungen 1,5 Milliarden bei -  ein Anteil von gut 8 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz beläuft sich die aktuelle Bilanzsumme der Banken auf 2875 Milliarden Franken, das ist fast das Fünffache des BIP. Der Anteil der Banken und Versicherungen am BIP beträgt rund 11 Prozent, deutlich mehr als in Zypern. Ist unser Geschäftsmodell auch nicht nachhaltig?

Kann sein, aber der Punkt ist, dass das Geschäftsmodell der globalisierten Wirtschaft insgesamt äusserst krisenanfällig geworden ist. Ein Grund dafür ist das Finanzsystem bzw. das hochkomplexe Netz von gegenseitigen Forderungen und Guthaben. Die Bilanzsummen der Banken mögen zwar eindrücklich sein, zeigen aber gleichsam nur das unterste Stockwerk eines riesigen Kartenhauses. Darüber türmt sich etwa noch die (nominell) zehnfache Menge an Derivaten aller Art. Inzwischen ist fast jede Forderung ein handelbares Wertpapier und jedes dieser Papiere bildet wiederum die Grundlage für dutzende andere Wertpapiere, Aktien, Fondsanteile, Optionen, Zinswetten usw.

Die Einsturzgefahr ist riesig. Auch der Konkurs eines Ministaates wie Zypern kann inzwischen eine fatale Kettenreaktion auslösen. Deshalb gibt es kaum noch Konkurse. Statt Forderungen abzuschreiben, werden sie auf den nächstbesten Schuldner überschrieben. Im Falle von Irland haben Angela Merkel und Wolfgang Schäuble im Auftrag der Banken die irische Regierung dazu gezwungen, alle Schulden der irischen Banken zu garantieren. Inzwischen hat die EZB diese Guthaben garantiert. Die deutschen Banken hätten sonst dutzende Milliarden abschreiben müssen. Im Falle von Zypern hat Russland Druck gemacht – allerdings mit weniger durchschlagendem Erfolg.

Unter dem Strich bleibt dennoch die Erkenntnis, dass eine nachhaltige Schuldentilgung kaum mehr möglich ist, vor allem nicht innerhalb des Euroraumes. Die faulen Guthaben werden einfach vom Staat bzw. von den zuständigen Zentralbanken garantiert – und bleiben im System. Theoretisch könnte das noch ewig so weiter gehen: Die einen kassieren mehr als die konsumieren, die anderen konsumieren auf Pump und lassen anschreiben. Insgesamt wird weiterhin produziert und konsumiert. Die Über-Konsumierer geniessen den Konsum und die Sparer freuen sich über ihre Guthaben.

Doch inzwischen haben die Gläubiger den Spass an ihren Guthaben verloren. Sie wollen sie aber weiterhin nicht gegen Ware einlösen. Stattdessen sind sie auf die
unselige Idee gekommen, die Über-Konsumierer ebenfalls zum Sparen zu zwingen. Das kann nicht gut gehen. Hier nun kommt eine zweite Achillesferse der globalisierten Wirtschaft zum tragen: Mindestens ein Drittel unseres Konsums ist überflüssig oder Luxus. Wir müssen nicht in die Ferien reisen. Wir brauchen kein Zweitauto. Wir können den Kauf des nächsten Kühlschranks, Fernsehgeräts oder Autos noch locker zwei, drei Jahre aufschieben. Und wenn nun von den ausländischen Gläubigern erzwungene Sparprogramme die Angst um Arbeit und Einkommen schüren, tun wir das auch. Und wenn jeder zum Eichhörnchen wird, kann das BIP schnell einmal um 20 Prozent oder mehr einbrechen.

In Griechenland ist das schon passiert. Italien ist auf dem besten Weg dazu. Über Ostern waren dort die Hotels und Restaurants rund 15 Prozent weniger ausgelastet als letztes Jahr – das auch schon nicht prächtig war. In Zypern kommt dieser Prozess jetzt in Gang. Schon im Dezember lag das BIP 3,4 Prozent unter Vorjahr und da hatte die Krise noch nicht einmal richtig begonnen. Klar: Zypern ist ein Sonderfall. Dasselbe gilt für Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien. Alle diese Länder haben viele Dinge falsch gemacht und mit ein wenig Phantasie kann man alle ihre Schwierigkeiten damit erklären.

Vielleicht sollten wird dennoch versuchen, die kollektiven Systemfehler zu entdecken. Nicht Zypern, sondern dem ganzen Euroraum müsste man das Geschäftsmodell verbieten, bevor wir noch sehr viel mehr Sonderfälle haben. Auch die Schweiz ist nicht davor gefeit, einer zu werden.

 

Werner Vontobel

Werner Vontobel ist Redaktor/Autor beim Sonntagsblick und als Kolumnist für diverse Ringier-Medien tätig, so für den «Blick am Abend». Vontobel war als Korrespondent in Brüssel und bei cash, der Weltwoche, beim Tages-Anzeiger und bei der SonntagsZeitung tätig. Vontobel ist Autor von Büchern wie «Schurkenstaat Schweiz?», «So funktioniert die Wirtschaft» oder «Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt».