Börsenplätze Europa - Platzende Börsenfusion dämpft Frankfurts Brexit-Hoffnungen

Bei vielen Frankfurtern überwiegt die Freude, dass der Zusammenschluss von Deutscher Börse und London Stock Exchange (LSE) auch im fünften Anlauf scheitern wird. Doch Experten warnen vor den Folgen.
05.03.2017 04:33
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Die Skyline der deutschen Bankenmetropole Frankfurt am Main.
Bild: Pixabay

Weil die Holdinggesellschaft der Megabörse in London angesiedelt werden sollte, befürchtete nicht nur das Land Hessen einen Bedeutungsverlust der Mainmetropole. Doch allzu grosser Jubel über das Scheitern der Fusion ist aus Sicht von Experten fehl am Platz. Denn das Buhlen um Londoner Banken, die wegen des Brexit Geschäfte in die EU verlagern müssen, wird nun deutlich schwieriger. Lachender Dritter könnte Paris sein.

"Für Frankfurt ist es im Werben um Banken aus London schlecht, wenn die Fusion von Deutscher Börse und LSE nicht zustande kommt", sagt Hubertus Väth, der Geschäftsführer des Standortvermarkters Frankfurt Main Finance. Bei einem Zusammenschluss wären seiner Einschätzung nach grosse Teile des Clearinggeschäfts der LSE-Tochter LCH.Clearnet von der Themse an den Main verlagert worden. "In der Folge hätte auch für Banken ein Anreiz bestanden, Clearing- und Handelsaktivitäten in Frankfurt anzusiedeln."

Clearinghäuser wie LCH.Clearnet oder die deutlich kleinere Deutsche-Börse-Tochter Eurex Clearing springen ein, wenn am billionenschweren Derivatemarkt ein Handelspartner ausfällt. So sollen die Transparenz und die Sicherheit des Finanzsystems erhöht werden. Auf Druck der Politik müssen künftig mehr Derivategeschäfte über Clearinghäuser abgewickelt werden.

100'000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Bisher wird ein grosser Teil von Geschäften in Euro in London abgewickelt. Laut LSE-Chef Xavier Rolet hängen davon in Grossbritannien mindestens 100.000 Arbeitsplätze ab – bei den Banken etwa im Risikomanagement oder in der Verwaltung. Viele dieser Mitarbeiter müssen vermutlich bald umziehen. Denn die EZB hat deutlich gemacht, dass Euro-Geschäfte nach dem Brexit in die EU verlagert werden müssen. "Nun wird die LSE ihr Euro-Clearinggeschäft vermutlich zu ihrer Tochter Clearnet SA nach Paris verschieben", sagt Frankfurt-Main-Finance-Geschäftsführer Väth voraus. Die Deutsche Börse müsse sich deshalb auf mehr Konkurrenz aus Frankreich einstellen.

Bis die Abwicklung von Euro-Geschäften aus London abgezogen wird, werde es sicher noch einige Zeit dauern, sagt ein Finanzmanager. Und auch die Deutsche Börse habe Chancen, sich ein Stück des Kuchens zu sichern. "Aber klar ist schon jetzt: Statt einer Brücke London-Frankfurt wird es künftig eine Brücke London-Paris geben." Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter war über die Kritik aus Frankreich an der LSE-Fusion im vergangenen Jahr deshalb nicht überrascht. "Paris würde triumphieren, wenn unser Projekt scheitert."

Banken und Investoren müssen im Derivatehandel Sicherheiten hinterlegen, auf die Abwicklungshäuser im Notfall zurückgreifen können. Bei einer deutsch-britischen Börsenhochzeit hätten Geldhäuser gegenläufige Positionen, die sie bei Eurex Clearing und LCH.Clearnet haben, gegeneinander aufrechnen können. Sie hätten dann nur ihre offenen Positionen absichern müssen. Dadurch hätten sie unter dem Strich weniger Sicherheiten gebraucht und viel Geld eingespart. Eine solche zentrale Abwicklungsplattform im sonst stark fragmentierten Europa wäre für die angestrebte EU-Kapitalmarktunion von grosser Bedeutung gewesen, sagt Finanz-Professor Zacharias Sautner von der Frankfurt School of Finance and Management. "Da ist eine grosse Chance vergeben worden."

«Das ist eine Kriegserklärung»

Sautner findet, dass bei der Debatte über die Börsenfusion Lokalpatriotismus eine zu grosse Rolle gespielt hat. "Es geht nicht um Frankfurt versus London." Vielmehr müsse Europa achtgeben, im Wettbewerb mit den grossen amerikanischen und asiatischen Börsen nicht abgehängt zu werden.

Von der EU-Kommission wurde die deutsch-britische Börsenfusion deshalb grundsätzlich positiv gesehen, wie mehrere mit dem Verfahren vertraute Personen sagten. In Brüssel gebe es die Sorge, dass die LSE andernfalls von einem aussereuropäischen Konkurrenten geschluckt werde, etwa aus Asien.

Nichtsdestotrotz wird der EU-Kommission nun wohl nichts anderes übrigbleiben, als die eigentlich gewünschte Fusion zu untersagen, glauben Branchenkenner. Denn die LSE hatte am vergangenen Sonntagabend mit sehr harschen Worten die EU-Forderung abgelehnt, zur Freigabe der Fusion eine kleine italienische Handelsplattform zu verkaufen. "Das war eine Kriegserklärung an die EU-Kommission", sagt eine mit dem Prozess vertraute Person. "Damit ist dieser Deal tot."

(Reuters)