An'Nur-Prozess in Winterthur: "Das meiste ist gelogen"

Der erste von zehn Beschuldigten im Winterthurer An'Nur-Prozess hat am Montag jegliche Vorwürfe von sich gewiesen. Die Vorwürfe seien übertrieben und das meiste sei gelogen. "Niemand wurde geschlagen."
01.10.2018 09:09

Die zwei Geschädigten hätten ja gar keine Verletzungen, sagte er bei der Befragung in trotzigem Ton. Er selber habe die beiden nur angespuckt und als "Idiot" und "Dummkopf" beschimpft, mehr aber nicht. "Schauen Sie mich an, ich bin klein und schwach, ich könnte das gar nicht." Er vermutet eine Verschwörung von Justiz und Medien, um die Gläubigen der An'Nur-Moschee fertigzumachen.

Diese Aussagen widersprechen jedoch den Aussagen einer Polizistin, die am Abend des Angriffs in der Moschee war. Sie habe noch nie so verängstigte und eingeschüchterte Personen gesehen, gab sie zu Protokoll. Einer der Angegriffenen hatte zudem eine Beule am Kopf.

Dem jungen Mann und seinen neun Kollegen wird vorgeworfen, im November 2016 zwei Gläubige in der An'Nur-Moschee eingesperrt und verprügelt zu haben. Die Angreifer waren überzeugt, dass die Opfer Informationen an einen Journalisten weitergegeben hatten.

Während rund zwei Stunden wurden die beiden "Verräter" drangsaliert. Einer wurde unter anderem dazu gezwungen, eine Zehnernote zu schlucken, weil er "seine Religion für Geld verkauft" habe. Dem anderen gelang es schliesslich, von der Toilette aus SMS-Hilferufe an einen Polizisten zu schicken.

Die Anklage fordert, die zehn Angreifer mit teilbedingten Freiheitsstrafen in unterschiedlicher Höhe zu bestrafen, unter anderem wegen Freiheitsberaubung, Nötigung, Drohung und Körperverletzung. Die Beschuldigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit sollen zudem des Landes verwiesen werden.

Die An'Nur-Moschee im Winterthurer Stadtteil Hegi geriet im Zusammenhang mit Dschihad-Reisenden mehrfach in die Schlagzeilen. Mehrere Jugendliche aus ihrem Umfeld sollen nach Syrien gereist und sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben.

Die Vermieterin der Liegenschaft, in dem sich die Moschee befand, beendete deshalb das Mietverhältnis. Weil der Verein kein neues Lokal fand, wurde er inzwischen aufgelöst.

(SDA)