Seit Jahren versuchen kriminelle Banden Kenscoff unter ihre Kontrolle zu bringen. Grund dafür ist die strategische Bedeutung der bergigen Gemeinde aufgrund ihrer geografischen Lage. Von dort aus können wichtige Strassenverbindungen überwacht werden. Zudem liegt Kenscoff in der Nähe von Pétion-Ville, einem vergleichsweise wohlhabenden Vorort der Hauptstadt, in dem sich zahlreiche Institutionen, Botschaften und Banken befinden.

Die Kriminellen hätten in der Nacht zum Montag (Ortszeit) das Zentrum der Gemeinde attackiert, zahlreiche Häuser in Brand gesetzt und eine Kirche gestürmt, in der sich Vertriebene aufhielten, berichtete der Sender Radio Télé Galaxie. In der Kirche wurden laut den Vereinten Nationen 22 der Todesopfer umgebracht. Der Polizei sei es schliesslich gelungen, die Angreifer zurückdrängen und die Kontrolle über das Gebiet wiederzuerlangen.

Die haitianische Übergangsregierung bestätigte den Angriff, nannte aber keine Opferzahl. Sie sprach von einem «abscheulichen kriminellen Übergriff» und versetzte die Sicherheitskräfte in höchste Alarmbereitschaft. Zudem seien Verstärkungen entsandt worden.

UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte die Taten scharf und forderte die örtlichen Behörden auf, «sicherzustellen, dass die Verantwortlichen für derartige Angriffe zur Rechenschaft gezogen werden», wie es in einer über seinen Sprecher verbreiteten Mitteilung hiess.

Wiederkehrende Gewalt

Kenscoff liegt in rund 2000 Metern Höhe und gilt aufgrund des kühleren Klimas als vergleichsweise beliebte Wohngegend in dem von Armut und Gewalt geprägten Karibikstaat. Haiti ist das ärmste Land des amerikanischen Kontinents. In der Karibikrepublik mit knapp zwölf Millionen Einwohnern soll am 13. Dezember erstmals seit 2016 wieder gewählt werden.

Seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 hat Haiti kein Staatsoberhaupt mehr, die schon zuvor prekäre Sicherheitslage ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Gewalttätige Banden kontrollieren mehr als 80 Prozent der Hauptstadt Port-au-Prince. Sie terrorisieren immer mehr Gemeinden, vergewaltigen Frauen und rekrutieren Kinder.

Laut Daten der Vereinten Nationen haben bewaffnete Banden alleine in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 2.300 Menschen in Haiti getötet. Mehr als 1.100 weitere seien verletzt und fast 100 entführt worden./mch/DP/he

(AWP)