Allianz trotzt höheren Schäden - Wechsel an Aufsichtsratsspitze

(neu: Abstimmungsergebnis, Aufsichtsratswahl, Aktionärsvertreter, Aktienkurs) - Europas grösster Versicherer Allianz hat höhere Katastrophenschäden zum Jahresstart besser weggesteckt als gedacht. Mit 2,9 Milliarden Euro lag der operative Gewinn im ersten Quartal gut neun Prozent höher als ein Jahr zuvor und als von Analysten erwartet. Bei der Hauptversammlung am Mittwoch in München sah Vorstandschef Oliver Bäte den Konzern damit auf Kurs, in diesem Jahr wie geplant einen operativen Gewinn von 10,3 bis 11,3 Milliarden Euro einzufahren.
03.05.2017 17:33

Die Allianz-Aktie reagierte positiv auf die Nachrichten und gehörte mit einem Kursanstieg in einem richtungslosen Gesamtmarkt zu den besten Standardwerten. Am Vormittag hatte sie in der Spitze um 0,74 Prozent auf 177,45 Euro zugelegt und damit den höchsten Stand seit fast zehn Jahren erreicht. Am späten Nachmittag lag sie noch mit 0,65 Prozent im Plus.

Viele Beiträge in der Hauptversammlung drehten sich um den Umbau der Allianz im Zeichen der Digitalisierung - und einen Führungswechsel im Aufsichtsrat. Die Aktionäre wählten unter anderem den bisherigen Aufsichtsratschef und früheren Controlling-Vorstand Helmut Perlet sowie den früheren Vorstandschef Michael Diekmann in das Gremium. Der 70-jährige Perlet soll den Aufsichtsrat noch wenige Tage führen. Am 7. Mai soll dann der 62-jährige Diekmann den Posten übernehmen. Dann läuft die vorgeschriebene zweijährige Wartezeit seit seinem Abschied von der Vorstandsspitze ab.

Angesichts des Widerstands, den Bäte bei seiner Neuausrichtung der Allianz intern zu spüren bekommt, sprang Perlet dem Manager zur Seite. Es gebe wie in jeder Organisation "Leute, die die Notwendigkeit eines tiefgreifenden Umbaus nicht erkennen oder nicht erkennen wollen", sagte er. Der Aufsichtsrat stehe aber voll hinter der Strategie des Vorstands. "Wir nutzen unsere Stärke, um uns auf die Herausforderungen vor allem im Punkt der Digitalisierung vorzubereiten", ergänzte Bäte.

Unterstützung erhielt der Vorstandschef auch von Aktionärsseite. "Die Versicherungsbranche muss den Kunden im digitalen Zeitalter neu entdecken, sonst droht ihr früher oder später ein Angriff auf das Kerngeschäft durch Internetkonzerne wie Google, Apple, Facebook oder Amazon", sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. Beim Umbau des Konzerns dürfe es "auch mal knirschen, solange die Motivation im Vertrieb und die Kundenzufriedenheit nicht leidet". Nach Ansicht von Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) muss der Konzern "die Grätsche schaffen", alte Kunden zu halten und neue Angebote für junge Menschen zu schaffen.

Im abgelaufenen Jahr hatte die Allianz ihren operativen Gewinn um ein Prozent auf 10,8 Milliarden Euro gesteigert. Der Überschuss legte um vier Prozent auf 6,9 Milliarden Euro zu. Die Aktionäre stimmten nun der Anhebung der Dividende von 7,30 auf 7,60 Euro zu. Seit Februar kauft der Konzern zudem für 3 Milliarden Euro eigene Aktien vom Markt zurück, nachdem er das Geld nicht zur Übernahme anderer Unternehmen einsetzen konnte.

Aktionärsvertreter bestärkten Bäte in seiner Entscheidung gegen überteuerte Zukäufe - auch mit Blick auf das Desaster mit der einst übernommenen Dresdner Bank, die der Konzern nur mit Verlusten in Milliardenhöhe wieder losgeworden war.

Im ersten Quartal 2017 erzielte die Allianz unter dem Strich wie erwartet weniger Gewinn als Anfang 2016. Trotz der Gewinnsteigerung im operativen Geschäft sackte der Überschuss um 15 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro ab. Im Vorjahreszeitraum hatte der Versicherer von einer niedrigen Steuerquote und Aktienverkäufen profitiert. Analysten hatten mit einem noch stärkeren Gewinnrückgang gerechnet. Seine Vorjahreszahlen hat der Konzern wegen Veränderungen in der Rechnungslegung etwas nach unten angepasst.

Im ersten Quartal stieg der Umsatz um 2,5 Prozent auf 36,2 Milliarden Euro. Die Gewinne der Sparten will die Allianz erst am 12. Mai veröffentlichen. Klar ist: Während der Konzern in der Lebens- und Krankenversicherung eine höhere Marge im Neugeschäft meldete und in der Vermögensverwaltung das Geld der Anleger zunahm, hatte er im Schaden- und Unfallgeschäft höhere Belastungen zu schultern.

So blieb von den Prämieneinnahmen nach Abzug der Aufwendungen für Schäden, Verwaltung und Vertrieb weniger übrig als im Vorjahreszeitraum. Die kombinierte Schaden-Kosten-Quote sank von 93,3 auf 95,6 Prozent. Die Versicherungsbranche hatte etwa infolge von Zyklon "Debbie" in Australien hohe Schäden zu schultern. Analyst Philipp Hässler von der Investmentbank Equinet ging zudem davon aus, dass eine Neuregelung für Unfallopfer in Grossbritannien die Allianz teuer zu stehen kam. Dank neuer Vorgaben stehen Verletzten nach einem Unfall künftig höhere Summen zu, die Versicherer bisher nicht einkalkuliert hatten./stw/he

(AWP)