Thyssenkrupp will Stahlgeschäft mit Tata zuammenlegen

(Neu: weitere Details, Hintergrund) - Der Industriekonzern Thyssenkrupp hat nach monatelanger Hängepartie eine Lösung für sein Stahlgeschäft gefunden. Die Essener unterzeichneten eine Absichtserklärung mit der indischen Tata Steel über eine Zusammenlegung ihrer europäischen Stahlgeschäfte in ein Gemeinschaftsunternehmen, teilte Thyssenkrupp am Mittwoch in Essen mit. Dabei dürften bis zu 2000 der zuletzt 27 000 Stellen im Stahlgeschäft des deutschen Konzerns wegfallen. Die Thyssenkrupp-Aktie legte vorbörslich in einer ersten Reaktion auf der Handelsplattform Lang & Schwarz deutlich zu.
20.09.2017 08:03

An dem Gemeinschaftsunternehmen, das seinen Sitz in den Niederlanden haben soll, wollen beide Partner 50 Prozent halten. Der endgültige Vertrag soll bis Anfang 2018 ausgearbeitet werden. Thyssenkrupp und Tata erhoffen sich durch die Zusammenlegung ihrer Aktivitäten Synergien in Millionenhöhe - die erwarteten jährlichen Einsparungen bezifferte der Essener Konzern auf 400 bis 600 Millionen Euro.

TAUSENDE STELLEN SOLLEN WEGFALLEN

Bis zu 4000 der insgesamt 48 000 Arbeitsplätze des geplanten Unternehmens, wovon etwa die Hälfte auf Thyssenkrupp entfallen sollen, stehen zur Disposition. Dabei entfielen bis zu 2000 in der Verwaltung und möglicherweise bis zu 2000 in der Produktion. Zu Beginn käme der überwiegende Teil der Synergien durch eine Integration von Vertrieb und Verwaltung, Forschung und Entwicklung, eine gemeinsame Optimierung von Einkauf, Logistik und Service sowie eine bessere Auslastung der Weiterverarbeitungsstufen zustande, hiess es.

Zu einem späteren Zeitpunkt würde das gesamte Produktionsnetz überprüft. Daraus mögliche Synergien habe Thyssenkrupp noch nicht quantifiziert. Das Unternehmen prüft seit über einem Jahr Optionen für die volatile Stahlsparte. Der Stahlmarkt leidet und Überkapazitäten und Preisdruck. Trotz der sich zuletzt erholenden Preise hält Konzernchef Heinrich Hiesinger eine Konsolidierung für notwendig.

ZWEITGRÖSSTER STAHLKONZERN HINTER ARCELORMITTAL

Durch die Fusion entsteht das hinter dem Branchenprimus ArcelorMittal zweitgrösste Stahlunternehmen in Europa, gemessen an der Produktion. Das neue Unternehmen mit dem Namen Thyssenkrupp Tata Steel mit aktuell 34 Standorten würde einen Pro-forma-Umsatz von etwa 15 Milliarden Euro erzielen, und liefern aktuell etwa 21 Millionen Tonnen Flachstahl pro Jahr.

Das Gemeinschaftsunternehmen muss noch vom Thyssenkrupp-Aufsichtsrat sowie vom Verwaltungsrat von Tata Steel genehmigt werden. Zudem müssen die Wettbewerbsbehörden noch zustimmen. Bis Ende 2018 soll dann alles unter Dach und Fach sein. Gegenwind hatte es zuletzt von der Arbeitnehmerseite, die auch im Aufsichtsrat vertreten ist, gegeben. Betriebsrat und Gewerkschaften fürchteten Werksschliessungen und Arbeitsplatzabbau. Für Freitag ist eine Protestveranstaltung in Bochum geplant.

THYSSENKRUPP WILL SICH STÄRKER AUF INDUSTRIEGÜTER KONZENTRIEREN

Hiesinger will Thyssenkrupp mit der Loslösung vom Stahlgeschäft stärker auf das Industriegüter- und Dienstleistungsgeschäft konzentrieren, wie etwa auf die Aufzugsparte sowie Komponenten für die Automobilindustrie. Thyssenkrupp erzielt mittlerweile rund 75 Prozent seines Umsatzes mit Industriegütern und Dienstleistungen.

Die Automobilindustrie ist dabei mittlerweile die wichtigste Einzelindustrie von Thyssenkrupp. Hier setzt der Konzern knapp 10 Milliarden Euro im Jahr um, das entspricht rund 25 Prozent des Gesamtumsatzes. Die amerikanischen Stahlwerke, die als die grösste Fehlinvestitionen des Konzerns gelten und Thyssenkrupp an den Rand des Abgrundes brachten, wurden bereits verkauft, zuletzt das Stahlwerk in Brasilien in diesem Sommer./nas/zb/jha/

(AWP)