Wahr gewordene Fantasien

Viele Science-Fiction-Ideen aus den 60er- und 70er-Jahren sind inzwischen Realität. Doch während in Büchern und Filmen Technik meist perfekt funktioniert, sind heutige Live-Übersetzer, virtuelle Realitäten und künstliche Intelligenzen noch oft unzuverlässig und tollpatschig.
15.10.2017 09:29

Bable Fish ist eine Art Wurm, den sich die Menschen ins Ohr einsetzen. Er übersetzt Gehörtes direkt in Hinströme seines Wirtes. Beschrieben wird er 1978 in der skurrilen Science-Fiction-Geschichte "Hitchhikers Guide to the Galaxy".

Auch in der Kino-Futuristik von "Men in Black" gibt es nicht nur schwarze Sonnenbrillen, sondern auch übersetzende Ohrstöpsel. Solche Ohrstöpsel liefert demnächst Google. Die Pixel Buds kann man ab November für rund 200 Franken kaufen. Zusammen mit dem passenden Google-Handy übersetzen sie direkt im Ohr zwischen 40 verschiedenen Sprachen.

Die Pixel Buds zeigen aber auch, dass wir auf den richtigen Bable Fish noch viele Jahre warten müssen. Denn Googles Ohrstöpsel übersetzten gar nicht selber. Sie schicken stattdessen eine Audio-Aufzeichnung zum Smartphone. Aber auch dieses ist noch viel zu dumm, um zu übersetzen. Es schickt stattdessen das Gehörte ins Internet. Erst dort können riesige Rechnerfarmen die Übersetzungsarbeit bewältigen.

Doch das Potential der Echtzeit-Sprachübersetzer ist riesig. So testet das Personal in japanischen Spitälern ein zu gross geratenes Namensschild an der Kleidung. Spricht ein fremdsprachiger Patient zu seiner Krankenschwester, hört die Plakette zu und spricht die japanische Übersetzung aus. Die Antwort des Personals schallt ebenfalls als Rückübersetzung aus dem kleinen Gerät. Das System von Fujitsu soll nächstes Jahr marktreif sein.

Holodeck aus der Brille

Wenn sich die Helden der TV-Serie Star Trek von Weltraumschlachten erholen müssen, ziehen sie sich auf ein Holodeck zurück und geniessen virtuelle Paradiesgärten mit Vogelgezwitscher.

Wenn Kinder heute zu lange gelangweilt nörgeln, kann man ihnen eine Mixed-Reality-Brille von Microsoft aufsetzen. Im Kinderzimmer hüpfen dann plötzlich künstliche Fantasiefiguren zwischen realen Stühlen und Tisch herum und lassen sich auf "Fangis-Spiel" ein. Wird die Brille ausgeschaltet, sind die Figuren weg. Real bleiben nur die blauen Flecken der Kinder, verursacht durch reale Kollisionen mit Kinderzimmermöbeln.

Teenies, denen die gewohnte Techno-Party zu langweilig geworden ist, stülpen sich ebenfalls Elektronik vor die Augen und treffen sich mit hunderten anderen bei thewavevr.com zur digitalen Party.

Sogar Eltern können bei Plattformen wie Nextvr.com Konzerte und Sportereignisse für VR-Brillen buchen. Die Anbieter versprechen das Gefühl, in der vordersten Reihe zu sitzen, obwohl man sich im heimischen Sofa räkelt.

Während das Erleben auf dem Holodeck der Fernsehserie manchmal bedrohlich echt ist, schlagen sich Besucher der heutigen künstlichen Realitäten noch immer mit unscharfen und detailarmen Darstellungen herum. Die halbpatzige künstliche Realität verursacht deshalb bei vielen Anwendern statt traumhaften Gefühlen lediglich Brechreiz. Aber immer bessere Bildschirme und Sensoren verwischen zunehmend die Grenz zwischen Realität und Virtualität.

Eliza und die Bots

Wer es anspruchsvoller mag, schlägt sich mit künstlichen Intelligenzen herum. In Filmen und Büchern ist der Computer mit eigener Intelligenz und manchmal aber kranker Seele weit verbreitet. Vom mordenden HAL 9000 aus Space Odyssey über den liebevollen KIT aus Knight Rider bis zur bemutternden Sarah aus der TV-Serie Eureka scheinen sie in Zukunftsfantasien allgegenwärtig.

Bereits in der Realität der 60er-Jahre schuf Joseph Weizenbau die künstliche Intelligenz Eliza, die auf Getipptes einfühlsame Antworten geben sollte. Eliza lebt noch heute im Internet unter www.masswerk.at/eliza/ oder in gleichnamigen Apps für Android und iOS.

Zurzeit lebt Weizenbaums Idee mit sogenannten Chatbots wieder auf. Das sind "künstliche" Personen die sich auf sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter oder Internetseiten tummeln. Über www.messenger.com/t/timetablesearch erhält man beispielsweise einen neuen Facebook-Freund, den man via Chat-Funktion um Fahrplaninformationen bitten kann. Der "Freund" merkt sich dabei häufig genutzte Fahrplanabfragen und schlägt die beim nächsten Geplauder gleich vor.

Deutlich mehr "Intelligenz" hat der Chatbot unter http://www.mitsuku.com. Mit ihm kann man nicht nur über das Wetter, sondern auch über die Zubereitungsarten von Sushi diskutieren.

Beim Herumspielen mit Chatbots zeigt sich aber schnell, dass es für Computer einfacher ist, unschlagbar Schach zu spielen, als mit einem Menschen in eine vernünftige Konversation zu treten.

Smarter Zuhörer oder fieser Lauscher

Alltagstauglicher sind die smarte digitale Zuhörer für Stube und Küche. Gesprächspartner wie Alexa, Google, Siri und Cortana. Sie schlummern nicht nur in PC und Smartphones, sondern auch in autonomen Lautsprechern (Smart Speaker).

Auf Zuruf regeln sie das Licht, starten die Kaffeemaschine, erzählen Witze und lesen sowohl die persönliche Agenda als auch Kochrezepte vor. In der jüngsten Evolutionsstufe können die Smart Speaker nun auch mehrere Personen aufgrund ihrer Stimme unterscheiden. Ferner kooperieren nun auch mehrere Smart Speaker im Haus.

Allerdings hören die smarten Helfer immer zu, also auch, wenn man eigentlich gar nichts von ihnen will. Wer den guten Absichten von Google, Amazon und Apple also nicht einfach vertraut, landet wieder in Vorbildern der Literatur. George Orwells Roman "1984" prophezeite schon im Jahr 1949: "Big brother is watching you".

(AWP)