Tagesüberblick Wirtschaft

Freitag, 22. September 2017
22.09.2017 17:20

NEUER REFERENZWERT: (Zürich) Das drohende Aus für den weltweit wichtigen Referenzzinssatz Libor werde die Schweizerische Nationalbank (SNB) nicht darin beeinträchtigen, die Preisstabilität zu gewährleisten, sagte SNB-Direktor Dewet Moser in Zürich laut Redetext. An der Londoner Interbank Offering Rate - kurz Libor - orientieren sich Banken weltweit bei der Berechnung von Krediten, Hypotheken, Sparkonten, Anleihen und Derivaten. Laut Moser hängen Verträge mit einem Nominalwert von etwa sechs Billionen Franken an dem Referenzsatz - darunter viele Hypotheken. Fällt der Libor weg, muss auch in der Schweiz ein neuer Referenzwert her. Es sei naheliegend, dafür den Referenzzinssatz für den Frankenrepomarkt Saron (kurz für Swiss Average Rate Overnight) heranzuziehen, sagte Moser. Die Vorbereitungen für den wahrscheinlichen Wegfall des Libors sind bereits im Gange.

STELLEN VERLAGERT: (Lausanne) Die Umwälzungen in der Dermatologie-Sparte von Nestlé gehen weiter. Galderma will einen grossen Teil seiner Zentralbereiche in der Schweiz bündeln. Dafür werden in den nächsten drei Jahren rund 90 Stellen von Paris in die Schweiz transferiert. Die kommerziellen Geschäfte in Frankreich seien davon jedoch nicht betroffen, bestätigte Mediensprecher Sébastien Cros auf Anfrage einen Zeitungsbericht. Galderma hat ihren weltweiten Hauptsitz in Lausanne. Weltweit beschäftigt das Unternehmen 6000 Mitarbeiter, 500 davon in der Schweiz. Ob die neuen Stellen am Hauptsitz eingerichtet werden, sei noch nicht bestimmt. Ende August hatte Galderma bereits angekündigt, die Produktion der Hauptfabrik im solothurnischen Egerkingen wegen Überkapazitäten einzustellen.

AUF KURS: (Zürich) Der Personaldienstleister Adecco bleibt auf Kurs. Der Wachstumstrend aus dem zweiten Quartal habe sich im dritten Jahresviertel bestätigt, teilte die Gruppe im Vorfeld des Investorentreffens in London mit. Dabei sei der Umsatz in den Monaten Juli und August arbeitstagbereinigt und organisch um 6 Prozent gewachsen. Und auch im September deute nichts auf eine Abkehr von diesem Trend hin. Bis 2020 will Adecco die Erlöse weiter steigern. Sie sollen nun viermal so schnell wachsen wie die Wirtschaft, statt bislang dreimal so schnell. Auch die operative Rendite solle nachhaltig verbessert werden. Dabei helfen soll ein Sparprogramm über jährlich 250 Millionen Euro.

ZUKAUF IN DEUTSCHLAND: (Reinach BL) Die in der Mess- und Automatisierungstechnik tätige Endress+Hauser-Gruppe baut das Geschäft in Deutschland aus. Mit IMKO Micromodultechnik aus Ettlingen werde per 1. Oktober 2017 ein Hersteller von Systemen zur Feuchtemessung übernommen, teilte das Unternehmen mit. Über finanzielle Einzelheiten wurde Stillschweigen vereinbart. Für IMKO werde derzeit ein neuer Geschäftsführer gesucht. Der bisherige Chef Kurt Köhler werde den Übergang noch ein Jahr lang begleiten und dann von seinem Amt zurücktreten, heisst es. Das Familienunternehmen Endress+Hauser ist ein international tätiger Anbieter und erzielte 2016 mit über 13'000 Beschäftigten einen Umsatz von 2,1 Milliarden Euro.

EU-ZULASSUNG FÜR ROCHE-MEDIKAMENTE: (Basel) Der Pharmakonzern Roche hat gleich für zwei seiner Mittel die Zulassung in der EU erhalten. Die EU-Kommission liess Gazyva/Gazyvaro zur Behandlung des follikulären Lymphoms sowie Actemra/RoActemra zur Behandlung von Riesenzellarteriitis zu. Für Actemra/RoActemra hatte der Ausschuss der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA vor etwa zwei Monaten bereits eine positive Empfehlung abgegeben. Daher ist die Entscheidung für eine Zulassung nicht ganz überraschend. Actemra/RoActemra sei die erste Therapie in Europa für die Behandlung von Riesenzellarteriitis, teilte der Konzern mit. Diese lebensbedrohende Autoimmunkrankheit kann laut Roche unter anderem zu Blindheit oder zu einem Hirnschlag führen.

IM VISIER: (Johannesburg) Wegen Geschäften mit einer umstrittenen Unternehmerfamilie in Südafrika ist der dortige Ableger der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in die Kritik geraten. Finanzminister Malusi Gigaba forderte die Justiz auf, das Geschäftsgebaren des Unternehmens zu untersuchen. KPMG wird vorgeworfen, den drei Brüdern der Unternehmerfamilie Gupta, die als enge Freunde von Präsident Jacob Zuma gelten, dabei geholfen zu haben, sich regelwidrig Staatsgeschäfte zu sichern. Zudem erstellten die Wirtschaftsprüfer einen Untersuchungsbericht zur südafrikanischen Steuerbehörde und spitzte diesen sehr stark zu, um den Finanzminister zu beschädigen, den die Guptas abgelöst sehen wollten. Die Gesellschaft hatte nach einer internen Prüfung mitgeteilt, dass dabei keine Gesetze verletzt worden seien. KPMG Südafrika wechselte wegen des Skandals das Topmanagement aus.

MILLIARDENABSCHREIBER: (Zug) Der Ölbohrkonzern Transocean mit Sitz im Zug muss im laufenden Quartal rund 1,4 Milliarden Dollar abschreiben. Der Grund ist eine Wertminderung im Zusammenhang mit der Ausmusterung von sechs alten Ölplattformen. Die betreffenden Plattformen sind bereits stillgelegt. Falls sie nicht verkauft werden können, sollen sie verschrottet werden, wie aus einer Mitteilung von Transocean hervorgeht. Ob der Schritt in Zusammenhang mit dem angestrebten Kauf von Songa Offshore steht, ist nicht bekannt. Transocean hatte vor gut einem Monat angekündigt für insgesamt 1,2 Milliarden Dollar den norwegischen Spezialisten für Tiefseebohrungen zu übernehmen.

JA ZU AKTIENRÜCKKAUF: (Chiasso/Amsterdam) Die Aktionäre der Online-Reiseagentur Lastminute.com haben grünes Licht für das im August in Aussicht gestellte Aktienrückkaufprogramm gegeben. An der ausserordentlichen Generalversammlung vom Donnerstag wurde allen Traktanden des Verwaltungsrates zugestimmt, wie die an der Schweizer Börse SIX kotierte Gesellschaft mitteilte. Der Verwaltungsrat ist nun berechtigt, bis zu 33,3 Prozent des gesamten Aktienkapitals zurückzukaufen. Die Bedingungen zum Start des Rückkaufangebots seien innert der nächsten 18 Monate festzulegen, heisst es. Die Aktien sollen anschliessend annulliert werden.

SYMBOLISCHER SPATENSTICH: (Paris/Visp) Am Freitag hat in Visp der symbolische Spatenstich für die neue Gemeinschaftsfabrik der Pharmakonzerne Lonza und Sanofi stattgefunden. Für 290 Millionen Franken entsteht eine Grossanlage für Säugetierzellkulturen zur Herstellung von Antikörpern. Die Investitionssumme werde von den beiden Konzernen zu gleichen Teilen getragen, schrieben Lonza und Sanofi in einer gemeinsamen Mitteilung. Das Joint Venture zwischen dem Basler Pharmazulieferer und dem französischen Gesundheitskonzern war bereits im Februar bekanntgeben worden. Mit der neuen Fabrik sollen rund 200 Arbeitsplätze entstehen.

"VIELVERSPRECHENDES GESCHÄFTSJAHR": (Schaan FL) Der Liechtensteiner Bautechnologie-Konzern Hilti ist auch nach acht Monaten des laufenden Jahres gut unterwegs. Der Umsatz wuchs breit abgestützt, das Betriebsergebnis und der Reingewinn nahmen prozentual sogar zweistellig zu. 2017 sei bisher "ein vielversprechendes Geschäftsjahr", teilte Hilti mit. Die strategischen Investitionen hätten Früchte getragen, zudem wirke sich ein überwiegend solider Baumarkt positiv auf die Geschäftsentwicklung aus. Den Umsatz erhöhte der Konzern um 7,5 Prozent auf 3,3 Milliarden Franken, wobei sämtliche Regionen das Wachstum stützten. Deutlich über den Vorjahreswerten lagen das Betriebsergebnis mit 428 Millionen Franken oder einer Steigerung von 16 Prozent sowie der Reingewinn, der um zehn Prozent auf 319 Millionen Franken kletterte.

VORWURF DER PARTEILICHKEIT: (Berlin/Frankfurt) Die unterlegenen Bieter für Air Berlin haben die Vorentscheidung zugunsten der Lufthansa kritisiert. Sie warfen der deutschen Bundesregierung Parteilichkeit vor. Der Luftfahrtunternehmer Hans Rudolf Wöhrl zeigte sich "entsetzt", dass die insolvente Fluggesellschaft in Teilen an die Lufthansa und den Billigflieger Easyjet gehen soll. Wöhrl selbst hatte ein Angebot vorgelegt, mit dem er eine Zerschlagung verhindern wollte. Doch Verkehrsminister Alexander Dobrindt und Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries "haben von Anfang alles andere als eine Lufthansa-Lösung als nicht machbar abgetan", erklärte Wöhrl. Der Unternehmer und Ex-Rennfahrer Niki Lauda, der für die von ihm einst gegründete Air-Berlin-Tochter Niki geboten hatte, sprach von einem abgekartetem Spiel. Auch Ex-Energiemanager Utz Claassen zeigte sich über die politischen Interventionen verstört.

BOOM IN DEUTSCHLAND: (Berlin) Die Geschäfte in der deutschen Wirtschaft wachsen kurz vor der Bundestagswahl so kräftig wie seit knapp sechseinhalb Jahren nicht mehr. Der Einkaufsmanagerindex für die Privatwirtschaft - Industrie und Dienstleister zusammen - stieg im September überraschend um 2,0 auf 57,8 Punkte. Das ist der beste Wert seit April 2011, wie das Institut IHS Markit zu seiner Umfrage unter rund 800 Firmen mitteilte. Ökonomen hatten eine Stagnation erwartet. "Die Ergebnisse zeigen, dass die deutsche Wirtschaft nur so vor Kraft strotzt", sagte Markit-Experte Phil Smith. "Wachstum und Beschäftigung legten gleichermassen auf breiter Front kräftig zu." Das Barometer signalisiert bereits ab 50 Zählern Wachstum.

AUF DER STRASSE: (Bochum) Die Fusionspläne des deutschen Stahlkonzerns Thyssenkrupp haben die besorgten Stahlarbeiter des Konzerns auf die Strasse getrieben. Mit Transparenten wie "Finger weg vom Stahl" und "Kein ThyTata. Keine Schliessung" demonstrierten sie bei einer Kundgebung in der Innenstadt von Bochum für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Das Bochumer Werk von Thyssenkrupp gilt als eines, das durch die geplante Fusion der Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata Steel gefährdet sein könnte. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles warnte das Management vor Schnellschüssen auf Kosten der Mitarbeiter. "Einen Zusammenschluss um jeden Preis darf es nicht geben", forderte die SPD-Politikerin. Sie verlange eine Standortgarantie. Nahles kritisierte zudem Pläne, den Firmensitz des fusionierten Stahlriesen in die Niederlande zu verlegen.

LIZENZ ENTZOGEN: (London) Schwere Schlappe für den Privattaxi-Dienst Uber: London entzieht dem US-Fahrdienstvermittler die Lizenz. Im Oktober ende die Genehmigung für die mehr als 40'000 Fahrer, teilte die Verkehrsbehörde Transport for London (TfL) mit. Uber kündigte umgehend an, gegen die Entscheidung vorzugehen. Bis über den Einspruch entschieden ist, kann Uber der TfL zufolge seinen Fahrdienst aufrecht erhalten. Die Verkehrsbehörde begründete ihren Schritt damit, dass Ubers Verhalten ein Risiko für die öffentliche Sicherheit darstelle. Uber vermittelt Mitfahrgelegenheiten per App über das Internet. Damit greift der Fahrdienst vor allem das klassische Taxi-Geschäft an. In vielen Ländern steht Uber deshalb in der Kritik.

REKORDVIELE TOURISTEN: (London) Die vom Brexit-Votum ausgelöste Pfund-Schwäche hat der britischen Tourismusbranche im Juli einen Besucher-Rekord beschert. Mit 4,02 Millionen ausländischen Gästen wurde erstmals in einem Monat die Vier-Millionen-Marke geknackt, wie aus Daten des Statistikamts ONS hervorgeht. Der Aussenwert der Landeswährung hat sich nach der Anti-EU-Abstimmung vom Sommer 2016 wegen Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung verringert. Dadurch werden Ferien auf der Insel für Ausländer günstiger. Im Gegenzug müssen die Briten tiefer in die Tasche greifen, wenn sie ins Ausland reisen. Entsprechend ging die Zahl der Besucher aus dem Vereinigten Königreich im Ausland im Juli zum Vorjahr um zwei Prozent auf 6,94 Millionen zurück.

TEMPO GEHALTEN: (Paris) Die französische Wirtschaft hat im zweiten Quartal ihr Wachstumstempo gehalten. Das Bruttoinlandprodukt stieg von April bis Juni bereits das dritte Quartal in Folge um 0,5 Prozent, bestätigte das Statistikamt Insee eine frühere Schätzung. Angeschoben wurde die Wirtschaft von steigenden Konsumausgaben der Konsumenten. Auch die Gewinnmargen der Unternehmen erhöhten sich. In der nach Deutschland zweitgrössten Volkswirtschaft der Euro-Zone läuft es nach längerer Flaute konjunkturell wieder besser. Die OECD hob in dieser Woche ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 1,3 auf 1,7 Prozent an.

GROSSAUFTRAG FÜR BOEING: (New York) Die Fluggesellschaft Turkish Airlines will beim Flugzeugbauer Boeing im grossen Stil Langstreckenjets kaufen. Der Deal soll 40 Exemplare des jüngsten Typs Boeing 787-9 "Dreamliner" umfassen, wie Boeing in New York mitteilte. Die türkische Fluglinie begründete die Pläne mit dem Bedarf an dem künftigen dritten Istanbuler Flughafen und einem Ausbau ihrer Flotte. Boeing will sich dabei verpflichten, mit der türkischen Regierung, Turkish Airlines und anderen Unternehmen aus dem Land bei Forschung und Entwicklung verstärkt zusammenzuarbeiten. Die 40 Maschinen in der mittellangen Ausführung des "Dreamliners" haben laut Preisliste einen Gesamtwert von 10,8 Milliarden US-Dollar (10,5 Milliarden Franken).

ZINSERHÖHUNG IN AUSSICHT: (Zürich) Der US-Währungshüter John Williams hat den nach der jüngsten Notenbank-Sitzung aufgekommenen Zinsfantasien neue Nahrung gegeben. Es könne in diesem Jahr eine weitere Erhöhung geben, der 2018 drei weitere folgen könnten, sagte der Chef des Fed-Ablegers San Francisco in Zürich. Williams gilt als Vertrauter von Zentralbankchefin Janet Yellen. Die Federal Reserve (Fed) hatte am Mittwoch den Zins in einer Spanne von 1,0 bis 1,25 Prozent gehalten und zugleich noch einen Schritt nach oben für dieses Jahr signalisiert. Sie hatte die Zinsen bereits im März und Juni angehoben. Der Aufschwung dürfte laut Yellen wohl nur kurzfristig unter den Folgen der jüngsten Wirbelstürme leiden. Williams sagte, die US-Wirtschaft sei in "sehr guter Form".

(AWP)