Die EU-Kommission berief Krisentreffen ein. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen sprach von einem gezielten Versuch, die Lebensmittelversorgung zu stören und das Vertrauen der Verbraucher zu untergraben. Die Versorgungssicherheit sei derzeit aber nicht gefährdet.

In Wuppertal, Wetter bei Hagen, in Niederbayern und im Münsterland sowie in der Westpfalz wurden nach Polizeiangaben Kühlanlagen vermutlich durch einen Hackerangriff lahmgelegt. Die Temperatur sei so hoch eingestellt worden, dass Lebensmittel verdorben seien und entsorgt werden mussten, sagten Polizeisprecher.

Kühlanlagen auf 30 bis 50 Grad aufgeheizt

In Niedersachsen wurde die Kühlkette eines Supermarkts in Lilienthal bei Bremen zeitweise lahmgelegt. «Wir mussten Waren im Wert von über 360.000 Euro wegwerfen», sagte Inhaber Daniel Breiding. In dem Supermarkt fielen in der Nacht auf Montag Bedientheken, Kühlhäuser und Tiefkühltruhen aus. Die Anlagen heizten sich demnach auf 30 Grad auf, im niederbayerischen Reisbach waren es sogar 50 Grad. Betroffen waren auch ein lebensmittelverarbeitender Betrieb und ein Supermarkt in den Landkreisen Kaiserslautern und Kusel, teilte das Polizeipräsidium Westpfalz mit.

Cyberkriminelle hatten in den vergangenen Tagen unter anderem in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden dafür gesorgt, dass Kühlschränke und Tiefkühltruhen wärmer wurden. Nach Angaben eines belgischen Kühltechnik-Dienstleisters wurden die Anlagen aus der Ferne in den Abtaumodus versetzt.

Mitte Oktober hatte es bereits einen grossangelegten Angriff gegeben, der Märkte mehrerer grosser französischer Lebensmittelhandelsketten betraf. Der Angriff richtete sich gegen einen Technik-Dienstleister. Die Cyberkriminalitäts-Abteilung der Staatsanwaltschaft Paris übernahm Ermittlungen.

Auch Supermarkt der Arbeiterwohlfahrt in NRW betroffen

Opfer der Hacker wurde auch ein von der Arbeiterwohlfahrt betriebener Supermarkt in Wetter-Volmarstein im Ennepe-Ruhr-Kreis. Der eigentliche Angriff sei auf die Firma erfolgt, die die Kühlanlagen aus der Ferne warte, hiess es dort. Grosse Mengen an Lebensmitteln hätten weggeworfen werden müssen.

Temperatur der Kühlanlagen aus der Ferne hochgestellt

Auch in einem Markt in Wuppertal seien grosse Mengen an Waren verdorben - offensichtlich, weil Hacker aus der Ferne die Temperatur der Kühlanlagen hochgedreht hätten, sagte ein Polizeisprecher. Der Angriff sei am Wochenende erfolgt und am Montagmorgen bemerkt worden. Auch bei einem Markt in Raesfeld im Münsterland fiel die Kühlung aus. Dort wird nun geprüft, ob ein Hackerangriff der Grund sein könnte.

EU-Krisentreffen einberufen

An einer ersten EU-Runde am Morgen nahmen demnach unter anderem die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa, die Polizeibehörde Europol und die zuständigen Experten der Kommission teil. Auch das europäische Netzwerk für Cyberkrisen sei aktiviert worden. Die Ermittlungen zu den Angriffen laufen nach Angaben des Sprechers bei den nationalen Behörden, die Kommission stehe mit ihnen in engem Kontakt. Wer hinter den Attacken steckt, ist bislang unklar. Die Vorfälle zeigten aber, dass Europa sich gemeinsam auf solche Angriffe einstellen müsse.

Im Nachrichtensender «Welt TV» sagte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU): «Erstmal zeigt das, dass wir in einer Welt leben, wo immer häufiger das Thema Cybersicherheit an Bedeutung - leider - gewinnt. Heisst auch: Auch alle Unternehmen, das gilt auch für die Verwaltung, müssen mehr Vorsorge tragen.»/mhe/beg/DP/zb

(AWP)