Bei den Zwischenwahlen in den USA hat Präsident Donald Trump ein Debakel erlebt. Die oppositionellen Demokraten eroberten übereinstimmenden Medienprognosen zufolge die Mehrheiten in beiden Kongresskammern. Gerade im besonders umkämpften Rennen um den Senat gelang es ihnen, nicht nur kritische Sitze zu halten, sondern überraschend mehrere absolute Hochburgen der Republikaner zu übernehmen, darunter Texas, South Carolina, Kansas und Iowa. Auch in einer Reihe von Bundesstaaten standen die Zeichen auf Machtwechsel: Kandidaten der Demokraten gewannen die Gouverneurswahlen in mehreren klassisch konservativen Bastionen.
Ökonomen sagten dazu in ersten Reaktionen:
Cyrus de la Rubia, Chefökonom Hamburg Commercial Bank:
«Das entscheidende Ergebnis der Wahlnacht ist, dass der Präsident angesichts der Deutlichkeit der Niederlage eine massive Schwächung in den eigenen Reihen erleiden dürfte. Ich erwarte, dass in den nächsten Wochen und Monaten eine zunehmende Anzahl von Republikanern sich öffentlich gegen bestimmte Positionen des Präsidenten äussern wird, was bis dahin aus Angst vor den anstehenden Wahlen bislang kaum geschehen war. Insofern haben die Europäer unter diesen Umständen bessere Chancen, bei ausgewählten Republikanern stärkeres Gehör zu finden, wenn es um Fragen der Zollpolitik oder der Aussenpolitik geht. Dennoch sollte Europa nicht darauf setzen, dass es jetzt zu einem Richtungswechsel in der Zollpolitik oder bei der Haltung der USA zu den Themen Nato und Russland kommt. Trump wird vermutlich weiter zum Zoll-Instrument greifen, da der Kongress in der bisherigen Regierungszeit bei Zollentscheidungen ebenso wenig einbezogen wurde. Neue Willkürentscheidungen könnten aber stärker auf Widerstand in den eigenen Reihen stossen und eventuell das Handeln des Präsidenten beeinflussen.
Tendenziell stärkt das Ergebnis den Euro gegenüber dem US-Dollar, wenngleich hier zahllose Faktoren und Szenarien eine Rolle spielen, deren Effekte teilweise gegenläufig sind. Die Tatsache, dass ein Präsident, der in seiner bisherigen Regierungszeit versucht hat, Europa gezielt zu schwächen, nunmehr seinerseits geschwächt aus dieser Wahl hervorgeht, sollte von den Investoren zugunsten des Euro interpretiert werden. Allerdings kann dies durch andere Faktoren überlagert werden. Ein neuer Militärschlag gegen den Iran mit der Konsequenz höherer Ölpreise würde die Wahrscheinlichkeit von Zinsanhebungen erhöhen. In die gleiche Richtung geht das Argument, dass die Fed-Mitglieder angesichts der Schwächung des US-Präsidenten eher den Mut fassen könnten, gegen den Willen von Trump die Zinsen weiter anzuheben. Das Ergebnis wäre ein stärkerer Dollar. Gleichzeitig steigt mit dem Sieg der Demokraten die Wahrscheinlichkeit, dass der KI-Sektor in absehbarer Zeit stärker reguliert werden könnte und/oder der Ausbau von Rechenzentren gebremst wird, was vermutlich dazu beitragen würde, den KI-Boom zu beenden. Das wiederum würde die Wirtschaft schwächen und die Fed dazu veranlassen, die Zinsen zu senken, wodurch der Dollar an Wert verlieren sollte.»
Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:
«Es ist ein blauer Tsunami. Donald Trump hat von den US-Bürgern einen kräftigen Denkzettel bekommen. Die Demokraten gewinnen, ersten Hochrechnungen und ersten Ergebnissen zufolge, die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Ursächlich für die Wahlpleite der Republikaner war die hohe Teuerung, aber auch der Bau von KI-Rechenzentren sorgt zunehmend für Frust in grossen Teilen der Bevölkerung.
Mit dem Verlust der republikanischen Mehrheit in beiden Kammern werden die Machtbefugnisse Donald Trumps in Finanzfragen, aber auch bei der Besetzung wichtiger Ämter, deutlich eingeschränkt. Trump wird sich nun noch mehr als bisher auf Verordnungen stützen. Der Präsident könnte sich darüber hinaus noch stärker auf die Aussenpolitik konzentrieren. Auf diesem Feld kann Trump freier und unabhängiger vom Kongress agieren. Dazu zählen etwa auch neuerliche Angriffe auf den Iran. Aber auch Zölle und Handelskonflikte könnten wieder stärker in den Vordergrund rücken.»
Santosh Brivio, Ökonom Migros Bank:
«Die erwartete Erstreaktion bei einem demokratischen Durchmarsch - schwächere Aktien und festere Anleihen - zeichnet sich bereits ab. Auch die Risiken für fossile Energie und Finanzwerte passen zum Rahmen. Beim Dollar erwarten wir eine kurzfristige Schwäche. Bis die Mehrheiten feststehen, bleibt diese Einordnung vorläufig. Die zentrale Aussage unserer Analyse bleibt jedoch: Washington bestimmt den fiskalischen und regulatorischen Spielraum. Den übergeordneten Konjunkturtakt geben weiterhin Energieversorgung und Geopolitik vor. Ein neuer Kongress verändert die politischen Machtverhältnisse - aber nicht über Nacht die wirtschaftlichen Sachzwänge.»
(Reuters)

