Die ersten Einwohner kehren nach Bondo zurück

52 Tage nach dem grossen Bergsturz erwacht Bondo wieder zum Leben. Ein Teil der im Bergell evakuierten Einwohner konnte am Samstag ins Südbündner Bergdorf zurückkehren. Bis die Menschen wieder in der "roten Zone" leben dürfen, wird es aber noch dauern.
14.10.2017 17:25

Die Wiederbesiedlung Bondos verlief ganz unspektakulär: Um acht Uhr morgens wurde die neue provisorische Zufahrtsstrasse geöffnet und die Evakuierung der sicheren "grünen Zone" aufgehoben. Danach begannen die Einwohner individuell zurückzukehren, einzeln, als Paare, als Familien. Insgesamt konnten die ersten 65 der knapp 160 im Bergell evakuierten Einwohner zurückkehren.

Die Rückkehr war für die meisten ein tief bewegender Moment. Seit dem ersten Bergsturz vom 23. August hatten sie nicht mehr in ihren Häusern übernachtet. Nur in Begleitung von Zivilschützern hatten die Evakuierten für kurze Zeit in ihre Häuser zurückkehren können, um nach den Habseligkeiten zu schauen.

Die Katastrophe hinterlasse eine "Bitterkeit", sagte die Bewohnerin Bea Rogantini. Die Leute, welche in der Nähe des Flusses wohnten, seien nun nicht mehr so ruhig wie vorher. Sie selbst sei allerdings nicht beunruhigt, da der alte Dorfkern fast gar nicht betroffen gewesen sei.

Nach der Wiederinbesitznahme der Häuser trafen sich die Zurückgekehrten am frühen Nachmittag auf dem Dorfplatz zu einem Glas Wein und - wie könnte es anders sein im herbstlichen Bergell - gerösteten Marroni. Auch die zwei Bündner Regierungsräte Christian Rathgeb (FDP) und Mario Cavigelli (CVP) hatten sich den Dorfbewohnern angeschlossen.

Eine Feier sei das allerdings nicht gewesen, betonte Christian Gartmann, Mediensprecher des Führungsstabes der Gemeinde, sondern nur ein schlichtes Zusammentreffen. Dafür gebe es noch zu viel zu tun, um nach den Bergstürzen und den furchteinflössenden Murgängen wieder Normalität herzustellen im abgelegenen Tal im Grenzgebiet zu Italien.

Um nur schon die Rückkehr in die "grüne Zone" zu ermöglichen, waren grosse Anstrengungen notwendig. Eine sichere, provisorische Zufahrt samt Brücke musste erstellt werden, Wasser- und Stromversorgung mussten wiederhergestellt und die Kanalisation gereinigt werden.

Eine Herkulesarbeit ist nötig, um auch die Rückkehr in die von weiteren Murgänge bedrohte "rote Zone" zu ermöglichen. Das gefüllte Rückhaltebecken, welches Bondo vor den Gerölllawinen schützt, muss weitgehend leergeräumt werden. Und auch im Flussbett der Maira braucht es Platz für etwaige weitere Grossereignisse.

Die Arbeiten laufen unter Hoch-und Zeitdruck. Ein Dutzend Bagger und 15 Grossbaustellen-Dumper sind 20 Stunden am Tag im Einsatz, um die gewaltigen Geröllmassen wegzuräumen. Mitte November soll es dann soweit sein und auch Bondos gefährdete Zone für Einwohner wie Besucher freigegeben werden.

Nicht ganz so lange warten müssen die Menschen aus den beiden Weilern Spino und Sottoponte auf der anderen Talseite. Deren Evakuierung wird ab nächstem Wochenende Haus um Haus aufgehoben, je nach Stand der Wiederherstellung der Infrastruktur.

Die Zurückgekehrten werden Vertrauten fassen müssen in die wiederhergestellten Schutzbauten und Alarmsysteme und sie werden lernen müssen, mit einer latenten Bedrohung zu leben. Am Piz Cengalo, wo sich der Bergsturz ereignete, ist weiterhin Fels in Bewegung - wenn auch nur noch äusserst langsam.

1,5 Millionen Kubikmeter Gestein sind instabil - immerhin halb so viel, wie beim ersten grossen Bergsturz vom 23. August. Akut absturzgefährdet ist zwar kein grösseres Volumen, aber die Wahrscheinlichkeit ist laut Experten gross, dass sich irgendwann erneut ein grösserer Bergsturz ereignen wird. Wann das sein wird, kann zur Zeit niemand sagen.

(SDA)