Die Weltgemeinschaft wollte die Erderwärmung eigentlich bei 1,5 Grad begrenzen, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden.
Durch Rückzug der USA noch schlechter als im Vorjahr
Mit der Prognose von 2,8 Grad hat sich der Pfad der Weltgemeinschaft seit dem vergangenen Jahr diesmal nicht verbessert. Geht man davon aus, dass alle Länder ihre angekündigten Klimaschutzmassnahmen auch wirklich umsetzen, würde sich die Erde laut der UN-Berechnung bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2,6 Grad erwärmen. Dies ist sogar eine Verschlechterung gegenüber dem im letzten Jahr festgestellten Kurs - damals lag diese Prognose bei bis zu 2,5 Grad.
Dies liegt dem Bericht zufolge vor allem am Rückzug der USA, die sich von ihren vorherigen Klimaschutzplänen unter US-Präsident Donald Trump vollständig verabschiedet haben. Da die USA der zweitgrösste Verursacher von Treibhausgasen - nach China - sind, spiegelten sich solche politischen Veränderungen direkt in weltweiten Schätzungen wider, erklären die Autoren. Zudem seien Daten zum bisherigen Ausstoss von Treibhausgasen nach oben korrigiert worden.
Selbst im optimistischsten berechneten Szenario, in dem alle Länder ihre Klimapläne einhalten und ihre angestrebten Klimaneutralitätsziele erreichen, würde sich die Erde bis zum Jahr 2100 um 2,1 Grad erwärmen, heisst es weiter.
1,5 Grad fast sicher überschritten - aber gibt es ein Zurück?
Das liegt weit über den angestrebten 1,5 Grad. Dieses Ziel gilt zwar noch nicht offiziell als gerissen, da dafür die 1,5-Grad-Grenze langfristiger überschritten werden müsste. Doch die Welt befindet sich auf dem Weg dorthin: Der EU-Klimawandeldienst Copernicus sieht für die Jahre 2023 bis 2025 erstmals für einen Dreijahreszeitraum eine durchschnittliche Erwärmung von mehr als 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter.
Experten gehen mittlerweile überwiegend davon aus, dass es nicht gehalten werden kann. Die letzte Hoffnung richtet sich daher nun darauf, das Überschreiten der 1,5-Grad-Marke so kurz wie möglich zu halten - und die klimaschädlichen Emissionen so weit zu verringern, dass die Temperatur wieder absinkt.
«Eine Überschreitung bedeutet keine Kapitulation. Wir können sie immer noch so gering und so kurz wie möglich halten - und die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter 1,5 Grad senken», betont UN-Generalsekretär António Guterres anlässlich des Berichts.
Emissionen müssten schnell sinken
Dieser zeigt die Herkulesaufgabe, die diese Kehrtwende bedeutet, genauer auf: Die weltweiten Treibhausgasemissionen müssten deutlich sinken, um zum Ende des Jahrhunderts wieder bei 1,5 Grad oder darunter zu landen - nämlich um 18 Prozent bis 2030, um 45 Prozent bis 2035 und um 69 Prozent bis zum Jahr 2040, alles verglichen mit dem Niveau von 2025.
Solch eine steile Abwärtskurve ist nicht absehbar: Selbst wenn die Länder all ihre geplanten Klimaschutzmassnahmen umsetzen, würden die Emissionen laut UN-Berechnung bis 2030 nur um bis zu 8 Prozent sinken - und bis 2035 um bis zu 15 Prozent.
Zudem müssten grosse Mengen CO2 der Atmosphäre entzogen werden. Dies gilt unter Klimaforschern mittlerweile als unverzichtbar, ist aber mit enormen technologischen und anderen Hürden verbunden und unverhältnismässig teuer.
«Wir müssen alle Register ziehen»
UNEP-Direktorin Andersen warnt mit Blick auf die verheerenden Folgen einer zu starken Erderwärmung trotzdem: «Wir müssen alle Register ziehen, um den Höchstwert der Erwärmung so gering wie möglich zu halten und bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zu kommen. Das ist möglich.»
Es gebe mittlerweile etliche Erfolgsgeschichten, wie Emissionen schnell verringert werden könnten, führt Andersen an. Der Bericht verweist darauf, dass seit dem Pariser Klimaabkommen die erneuerbaren Energien etwa dreimal so schnell zugelegt hätten, wie dies damals erwartet worden sei. «Es liegt nun an den Staaten, dringend Massnahmen zu ergreifen, die zu schnellen, tiefgreifenden und nachhaltigen Emissionssenkungen führen und die Welt auf den Weg zu einem stabileren Klima sowie stabileren Volkswirtschaften und Gesellschaften bringen», so Andersen.
Krisentreffen in Antalya
Im November trifft sich die Weltgemeinschaft im türkischen Antalya, um bei der Weltklimakonferenz darüber zu beraten, wie die Krise in den Griff zu bekommen ist. Nicht mehr mit am Tisch: die USA, die unter Trump erneut aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind. Auch anderswo stehen Entscheidungen an, die fürs Weltklima eine grosse Rolle spielen: So steht bei der Stichwahl in Brasilien - mit seinem riesigen Amazonas-Regenwald zentral für das Weltklima - der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva dem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro gegenüber. Unter der Präsidentschaft von dessen Vater Jair Bolsonaro stieg die Abholzung des Waldes massiv an.
Einiges hat das internationale Ringen um mehr Klimaschutz jedoch gebracht: Seit dem Beginn des Pariser Klimaabkommens vor zehn Jahren hat sich die jährliche Erwärmungsprognose verringert, damals ging man von 3 bis 3,5 Grad aus./swe/DP/zb
(AWP)
