Vor dem Regionalgericht Maloja müssen sich dem heutigen Montag zwei Kantonsvertreter, ein externer Geologe sowie zwei Vertreter der Gemeinde Bregaglia verantworten, darunter die damalige Gemeindepräsidentin und heutige Nationalrätin Anna Giacometti (FDP). Die Staatsanwaltschaft Graubünden wirft ihnen in einer 12-seitigen Anklageschrift mehrfache fahrlässige Tötung vor. Für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.
Der Prozess findet im Kongresszentrum Rondo in Pontresina GR statt. Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage auf ein unabhängiges Gutachten, das bei Thierry Oppikofer in Auftrag gegeben worden war. Der Geologe aus dem Kanton Waadt war in seinen Analysen zum Schluss gekommen, dass die Behörden ein «inakzeptables Risiko» eingegangen seien, als sie die Wanderwege im Val Bondasca oberhalb von Bondo nicht schlossen.
Leichen wurden nie gefunden
Laut Anklageschrift hätten die fünf Beschuldigten die zahlreichen Vorzeichen des drohenden Bergsturzes erkennen müssen. Hätten sie die Wanderwege im Val Bondasca spätestens am 22. August 2017 präventiv gesperrt, wäre der Tod der acht Berggänger mit grosser Wahrscheinlichkeit verhindert worden.
Die Opfer befanden sich auf einem Weg, der von der Gerölllawine auf einer Länge von fast zwei Kilometern mit einer rund 20 Meter hohen Schicht aus Gestein bedeckt wurde. Ihre Leichen wurden nie gefunden.
Die Anklage konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen dem 10. und dem 23. August 2017. Am 10. August meldete der externe Geologe einem Kantonsvertreter, dass Radarmessungen eine Zunahme der instabilen Felsmasse auf fünf bis sechs Millionen Kubikmeter zeigten. Er empfahl, den Zugang zum Tal temporär zu verbieten, da bei einem Abbruch auch die Aufstiege zu den SAC-Hütten Sciora und Sasc Furä akut gefährdet gewesen wären. Diese befinden sich im Val Bondasca in der Nähe des Absturzgebietes.
Entscheid gegen eine Sperrung
Die Verantwortlichen entschieden sich nach einem Helikopterflug vom 12. August, die Lage weiter zu beobachten. Die Situation sei an diesem Tag «sehr ruhig» gewesen.
Bei einer Sitzung am 14. August lagen weitere alarmierende Daten vor: Die Felsspalte am Gipfel hatte sich seit Juli 2016 um zehn Zentimeter verbreitert und die instabile Masse war von 3,7 auf 5 Millionen Kubikmeter angewachsen. Zudem registrierte der Hüttenwart der Sciorahütte seit Ende Juni 30 Felsabbrüche.
Dennoch beschlossen die Kantons- und Gemeindevertreter, das Tal offen zu lassen und es bei den im Jahr 2015 aufgestellten Warnschildern zu belassen. Sie planten, weitere Messungen am 1. September durchzuführen.
Am 21. August erhielt der Geologe Daten, die auf einen bevorstehenden Abbruch hindeuteten. Er sah jedoch keinen Bedarf für weitere Massnahmen. Am 23. August 2017 um 09.30 Uhr stürzten schliesslich 3,1 Millionen Kubikmeter Fels vom Piz Cengalo ins Tal. Die Gesteinsmassen wälzten sich als Murgang bis ins Bergeller Haupttal in Richtung Bondo. Dieses Dorf entging nur knapp seiner kompletten Zerstörung. Die 200 Bewohnerinnen und Bewohner wurden damals evakuiert.
Ihre Strafanträge wird die Staatsanwaltschaft während der Verhandlung stellen. Gemäss Strafgesetzbuch wird fahrlässige Tötung mit einer Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet.
(AWP)
