Anfang Oktober hatten US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin Diesellieferungen aus Russland in die USA vereinbart, wofür Washington bestehende Sanktionen gegen Moskau vorübergehend aussetzte. Der Deal löste international scharfe Kritik aus - von der EU, der Ukraine, der Bundesregierung und auch aus Teilen des US-Kongresses.
Lawrow kritisierte mit Blick auf Washington, die grundlegenden Fragen würden nicht gelöst, Sanktionen dauerten an, alle früheren US-Sanktionen des damaligen Präsidenten Joe Bidens würden fortgeführt und es werden zusätzliche Sanktionen gegen die Ölgiganten Lukoil und Rosneft verhängt.
Mit Blick auf die nach Kreml-Andeutungen Mitte November in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinten Arabischen Emiraten, geplanten Beratungen der Ukraine, der USA und Russlands zu einer Fortsetzung der seit Monaten unterbrochenen Gespräche über eine mögliche Friedenslösung kritisierte Lawrow die Europäer: «Sie versuchen, sich in den Friedensverhandlungsprozess in der Ukraine einzumischen.»
Lawrow spricht von «Familienfoto-Diplomatie»
Gleichzeitig übte Lawrow scharfe Kritik an seinem deutschen Kollegen Johann Wadephul (CDU), dem er «Familienfoto-Diplomatie» vorwarf. «Wenn es für sie vor allem darauf ankommt, wie sie auf einem Familienfoto aussehen und wer neben ihnen steht, dann sagt das schon alles», rügte er.
US-Aussenminister Marco Rubio hatte das sonst oft übliche gemeinsame «Familienfoto» aller Teilnehmer der Runde abgesagt, nachdem es offenbar vor allem von europäischen Mitgliedsländern scharfe Kritik daran gegeben hatte. Unter anderem hatte sich der von Rubio als einziger Gast zur G20-Runde geladene polnische Aussenminister Radoslaw Sikorski laut einem Bericht des polnischen Rundfunks gegen ein solches Foto mit Lawrow ausgesprochen. Er sei dabei allerdings nicht der Einzige gewesen, sagte Sikorski demnach.
Wadephul hatte bereits kurz vor Beginn der G20-Beratungen gesagt: «Es wird in jedem Fall kein Familienfoto geben, auf dem unsere europäischen Partner gemeinsam mit Herrn Lawrow sind.» Im ZDF sagte der Bundesaussenminister am Abend, der Begriff «Familienfoto» erwecke «das Gefühl von Eintracht, dass man zueinander gehören würde. Und eine solche Familie sind wir nun mit Russland zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht.»
Wadephul: Beratungen kontrovers, aber sachlich
Die Beratungen in Atlanta seien mit einigen Teilnehmern kontrovers, es herrsche aber ein sachlicher Ton, der dem Ernst der Lage gerecht werde, ergänzte Wadephul. «Alle merken, alle wissen, dass die Welt in einer ausserordentlich kritischen Situation ist» und dass es die Aufgabe der G20 sei, «alles zu versuchen, Konflikte und Krisen zu entschärfen».
Russland spielt als Unterstützer des Iran auch eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit den weltweiten wirtschaftlichen Folgen des Iran-Krieges, den die USA mit Israel im Februar begonnen hatten. Der Iran-Krieg und der Krieg in der Ukraine belasten die Weltwirtschaft: Der eingeschränkte Schiffsverkehr in der Strasse von Hormus sorgt für drastisch steigende Preise für Öl und Gas. Der Krieg in der Ukraine führt zu grossen Beeinträchtigungen für den Handel mit Dünger und Getreide über das Schwarze Meer.
Kein Durchbruch bei Beratungen der G20-Aussenminister erwartet
Ein Durchbruch bei den wesentlichen Konfliktthemen, die meist mit Russland oder China zu tun haben, war bei den Beratungen in Atlanta nicht zu erwarten. Schon vor dem Treffen hatte es geheissen, es werde voraussichtlich kein gemeinsames Abschlussstatement geben.
In der dritten und letzten Arbeitssitzung am heutigen Samstag will die Runde über das Thema «Versorgungsketten» beraten. Wadephul hat Russland mehrfach vorgeworfen, wegen des Ukraine-Kriegs für eine drohende Hungerkatastrophe etwa im Nahen Osten oder in Ländern des sogenannten Globalen Südens verantwortlich zu sein.
Generalprobe für G20-Gipfel in Miami
Das G20-Treffen in Atlanta ist so etwas wie eine Generalprobe für den Gipfel der Staats- und Regierungschefs am 14. und 15. Dezember in Miami. Dort werden neben Präsident Donald Trump auch Kanzler Friedrich Merz (CDU), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sowie Chinas Staatschef Xi Jinping erwartet. Trump hat Putin ebenfalls zu dem Gipfel eingeladen - bisher ist aber unklar, ob dieser die Einladung annimmt.
Anders als Putin war Lawrow zuletzt regelmässig bei G20-Treffen zu Gast. In der Runde ist Russland zwar offiziell noch Mitglied, Putin nahm allerdings zuletzt 2019 physisch an einem Gipfeltreffen teil. Der G20-Gruppe gehören 19 Staaten sowie die Europäische Union und die Afrikanische Union an.
(AWP)
