Nach einer Schätzung erwartet der Raiffeisenverband eine deutlich kleinere Ernte von 40,6 Millionen Tonnen Getreide nach 45 Millionen Tonnen 2025. «Nur die günstige Witterung im Frühjahr hat grössere Schäden verhindert», sagte Marktexperte Guido Seedler. Mitte Juni habe aber eine Hitzeperiode mit teils über 40 Grad eingesetzt. «Dann verbrennt richtig das Getreide», sagte er mit Blick etwa auf Winterweizen. Das führte insgesamt zu Einbussen bei Mengen und Qualität, was Einnahmeverluste von rund 600 Millionen Euro verursachte.

Im Süden Einbussen bis 20 Prozent

Bei den Ernteaussichten gibt es aber grosse regionale Unterschiede, wie Seedler deutlich machte. «Zum Beispiel in Schleswig-Holstein erwarten wir Erträge nahezu auf Vorjahresniveau.» Anderswo im Norden und im Osten bewege man sich weitgehend im Durchschnitt. Je südlicher, desto problematischer werde es aber, besonders in Baden-Württemberg und Bayern. Dort gebe es Einbussen bei Getreide bis zu 20 Prozent, vor allem Körnermais drohe komplett zu verdorren.

Auch beim Raps zeichne sich ein Minus ab - dank tiefer Wurzeln der Pflanzen weniger wegen fehlenden Regens, sondern eher wegen Schädlingen, die nicht bekämpft werden konnten. Basis der Schätzungen zur Ernte sind den Angaben zufolge jeweilige Ertragsprognosen der genossenschaftlichen Unternehmen.

Kleiner Anteil am Brötchenpreis

Unter dem Strich sei es eine noch ausreichende, unterdurchschnittliche Ernte 2026, erläuterte Seedler. «Dennoch sind die Verluste auf der Zielgeraden für die ohnehin unter starken Kostensteigerungen leidende Landwirtschaft ein harter Schlag.» Rein rechnerisch decke eine Erntemenge von 40 Millionen Tonnen den voraussichtlichen Bedarf in Deutschland. Es sei daher nicht davon auszugehen, dass die Verbraucherpreise für Brot und Brötchen deswegen steigen - zumal der Anteil des Getreides am Endpreis «im niedrigen Cent-Bereich» liege. Preistreiber seien allerdings vor allem Energie-, Lohn- und Bürokratiekosten.

Mit Sorge sieht die Branche die niedrigen Wasserstände in mehreren Flüssen, da Binnenschiffe auch Getreide oder Düngemittel befördern. «Wasserstrassen sind die zentrale Lebensader für den Transport landwirtschaftlicher Güter», sagte das Vorstandsmitglied des Raiffeisenverbands, Philipp Spinne. Und dass die Logistik funktioniere, sei ein entscheidender Faktor. Für Anlieferungen der aktuellen Ernte seien die Lagerkapazitäten der Genossenschaften gross genug. Sichergestellt werden müsse dann aber der weitere Transport zu Exporthäfen in Nord- und Ostsee und zur Verarbeitung. «Das Getreide muss an die Mühlen.»

Probleme bei Transport und Dünger-Preisen

Spinne sagte: «Durch die niedrigen Pegelstände können viele Schiffe aktuell nur bis zu einem Drittel ihrer üblichen Ladung beladen werden.» Und man müsse sich ehrlich machen: «Ausfälle lassen sich weder über Strasse noch über Schiene kurzfristig vollständig auffangen.» Denn ein Binnenschiff ersetze etwa 40 voll beladene Sattelzüge. Deutlich angespannt sei die Lage gerade bei Futtermitteln. «Tiere fressen täglich, sie müssen versorgt werden.»

Preisanstiege bei Düngemitteln waren bei der aktuellen Ernte noch kein grosses Thema. Mit Blick auf den Einkauf für 2027 sieht es aber problematischer aus. Viele Landwirte hielten sich mit Bestellungen bei den Genossenschaften noch zurück und hofften auf sinkende Preise für Stickstoffdünger. Das berge jedoch Risiken, warnte Spinne. Ohne frühzeitige Bestellungen hielten sich auch Handel und Importeure beim Aufbau von Lagerbeständen zurück. Dadurch könnten die benötigten Mengen für das Frühjahr womöglich nicht rechtzeitig verfügbar sein./sam/DP/jha

(AWP)