Kein Zweitwohnungsschock im Wallis und Graubünden

Die Bauwirtschaft im Wallis und Graubünden hat zwar unter den Folgen der Zweitwohnungsinitiative gelitten. Die von den Initiativ-Gegnern 2012 angekündigte Katastrophe und der "Ruin der Berggebiete" blieb jedoch aus.
21.08.2017 10:52

Im Wallis sprechen die Zahlen fünf Jahre nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative eine andere Sprache als das Katastrophen-Szenario vor der Annahme der Initiative von Helvetia Nostra, der Organisation von Franz und Vera Weber.

Erstmals seit 2011 sank in diesem Sommer die Arbeitslosenquote im Kanton Wallis unter den Schweizer Durchschnitt von 3 Prozent. "Es gab keinen Schock", sagt Serge Metrailler, Direktor des Walliser Baumeisterverbands, der Nachrichtenagentur sda.

Er sieht einen grossen Aufschwung in der Rhoneebene, der so stark ausfällt, dass fast schon eine Überhitzung droht. Viele Baubetriebe in den Tourismusregionen in den Seitentälern hätten ihre Aktivitäten eher auf die Rhoneebene verlegt, mit einem gewissen Erfolg.

Nicht alle hätten jedoch davon profitiert. "In gewissen Tälern geht nichts mehr", sagt Métrailler. Eine ähnliche Verschiebung gibt es auch im Kanton Graubünden. Dort brach nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative vor allem die Nachfrage im Hochbau ein, wie Andreas Felix, Geschäftsführer des Graubündnerischen Baumeisterverbands, auf Anfrage sagte.

"In gewissen Tourismusregionen waren die Folgen drastisch." In Graubünden konzentrierte sich die Bautätigkeit auf den Tiefbau und die Regionen Nordbünden und das Rheintal.

"Vor der Zweitwohnungsinitiative betraf 55 Prozent der Bautätigkeit den Hochbau, nun macht der Tiefbau 55 Prozent der Aufträge aus", sagte Felix. Auch im Graubünden hätten sich Baufirmen in Tourismusgebieten neu ausrichten müssen.

Als Folge davon intensivierte sich der Wettbewerb bei den Ausschreibungen für Bauprojekte in Nordbünden und im Rheintal, sowie für Tiefbauprojekte wie Strassen, Infrastruktur der Rhätischen Bahn und Schutzbauten. Früher auf Hochbau spezialisierte Firmen seien heute auch im Tiefbau tätig.

Auch der Kanton Graubünden hat dazu beigetragen, dass der Baubranche die Aufträge nicht ausgingen. Der Kanton, traditionell ein wichtiger Auftraggeber für die Bündner Baumeister, hielt die Investitionen nach der Zweitwohnungsinitiative auf einem hohen Niveau. Das hatte eine stabilisierende Wirkung auf die Baubranche.

Insgesamt gingen im Bündner Bauhauptgewerbe nach der Zweitwohnungsinitiative zwischen 600 und 800 Stellen verloren, betroffen waren vor allem die Tourismusregionen. Dennoch verzeichnete der Kanton im Juli eine Arbeitslosenquote von nur 1,0 Prozent, weit unter dem Schweizer Durchschnitt von 3 Prozent.

Im Wallis traf es auch bei den Immobilienverkäufen vor allem die Ferienorte. "Dort ist der Markt ausgetrocknet", sagte Paul-André Roux von der Walliser Immobilienkammer. Als Beispiel führt Roux die Verkäufe an ausländische Staatsangehörige an, welche durch die Lex Koller geregelt sind. Noch vor wenigen Jahren war das Wallis auf ungenutzte Kontingente anderer Kantone angewiesen, um die Nachfrage zu decken.

Im vergangenen Jahr nutzte das Wallis aber nur 80 Verkaufseinheiten der insgesamt 330, sagte der Präsident der Walliser Immobilienkammer. "Es verkauft sich nichts mehr und niemand traut sich zu investieren." Schuld daran sei die Rechtsunsicherheit, etwa durch Rekurse der Organisation Helvetia Nostra.

Helvetia Nostra reicht Einsprachen gegen Bauprojekte ein, wenn sie eine Umgehung des Zweitwohnungsgesetzes vermutet, sagte Pierre Chiffelle, Anwalt der Organisation. Er erwähnte den Walliser Ferienort Verbier als Beispiel.

"3000 Bewohner, 300 Unterkünfte auf dem Markt und die Gemeinde erteilt Baubewilligungen - eine absurde Situation", so der Anwalt von Helvetia Nostra. Er betonte, dass es auch Leute mit guten Absichten gebe, die einen Erstwohnsitz bauten. "In diesem Fall akzeptieren wir das."

Die Zahl der Einsprachen ging massiv zurück. Nach Annahme der Zweitwohnungsinitaitive am 11. März 2012 reichte Helvetia Nostra über 2000 Einsprachen ein. Seit das Zweitwohnungsgesetz im Januar 2016 in Kraft trat, wurden nur noch 200 Einsprachen formuliert.

(SDA)