Einschätzungen von Ökonomen zu den geldpolitischen Entscheidungen im Überblick:

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Dekabank

«Es wird ungemütlicher für die EZB. Auch im Euroraum bleibt die Inflation länger als erwartet über der Zielmarke, vor allem wegen der wieder angestiegenen Energiepreise durch den Iran-Konflikt. Zwar ist die Zielverfehlung nicht hoch, aber die »Kosten für die Lebenshaltung« werden zum politischen Thema, denn sie betreffen vor allem häufig gekaufte Dinge, wie Kraftstoffe, Nahrungsmittel, Dienstleistungen. Leider kann die EZB diese Art von Ölpreis-Inflation nur schwierig behandeln, da hier die Geopolitik den grössten Einfluss ausübt. Trotzdem wird die EZB nicht umhinkommen, die Leitzinsen in diesem Jahr noch weiter zu straffen. Über Frankreich sollte zwar informell viel diskutiert worden sein, einen Einfluss auf die Geldpolitik hat die prekäre Haushaltslage in der zweitgrössten Volkswirtschaft des Euroraums jedoch nicht. Eine Unterstützung durch die EZB ist ausgeschlossen, solange nicht ein glaubwürdiger Konsolidierungsplan für die stark steigenden Staatsschulden vorliegt.»

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

«Auf der heutigen Pressekonferenz hat Präsidentin Christine Lagarde eine Zinserhöhung auf der nächsten Sitzung im Dezember in Aussicht gestellt. Aber sie verwies auch auf die gestiegenen Anleiherenditen und warnte die Finanzmärkte indirekt davor, zu viele Zinserhöhungen einzupreisen. Tatsächlich würde die EZB bei einer Eskalation der französischen Haushaltskrise ihre Zinsen wohl nicht erhöhen.»

Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust

«Die Zinspause war erwartet worden und sie ist richtig. Die EZB kann sich die Zeit nehmen, um die Inflationsentwicklung bis zur kommenden Sitzung abzuwarten und zu bewerten. Die bisherigen Zinserhöhungen und der kräftige Anstieg der Renditen an den Anleihemärkten bremsen den Preisdruck im Euroraum bereits. Entwarnung gibt es aber nicht, da eine Entspannung weder an den Energiemärkten noch in der Nahostkrise kurzfristig in Sicht ist. Im Dezember dürfte eine weitere Zinserhöhung erforderlich werden.»

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank

«Eine weitere geldpolitische Straffung im Dezember dürfte so gut wie sicher sein. Offen ist hingegen der Zinskurs im kommenden Jahr. Da die EZB davon spricht, dass die Inflation in die Höhe getrieben werde, sind selbst weitere Zinsanhebungen im kommenden Jahr nicht auszuschliessen. Der Nachfolger von Christine Lagarde hat also möglicherweise gleich eine schwierige geldpolitische Entscheidung vor Augen. Der als Taube bekannte Spanier Pablo Hernández de Cos hat gute Chancen auf den EZB-Vorsitz. Er müsste also gleich zu Beginn seiner Amtszeit von der Taube zum Falken mutieren.»

Klaus Bauknecht, IKB Deutsche Industriebank

«Jüngste Entwicklungen der Kreditvergabe und Geldmenge bestätigen, dass die Geldpolitik der EZB bereits restriktive Auswirkungen zeigt. Eine Serie weiterer Zinserhöhungen, wie sie der Markt erwartet, erscheint deshalb trotz der aktuell erhöhten Inflation unangebracht. Sie würde die Gefahr einer möglichen geldpolitischen Übertreibung schüren. Die IKB bleibt bei der Einschätzung, dass die EZB einen letzten Zinsschritt von 25 Basispunkten im Dezember vornehmen wird.»

Marcel Fratzscher, Präsident DIW Berlin

«Gegen eine sofortige Zinserhöhung spricht, dass die Turbulenzen an den Anleihemärkten die Finanzierungsbedingungen bereits deutlich verschärft haben und damit die schwache wirtschaftliche Erholung zusätzlich bremsen. Die EZB steht daher vor einem schwierigen Dilemma: Ein zu schnelles Handeln könnte die Wirtschaft unnötig schwächen, ein zu langes Abwarten die Inflationserwartungen verfestigen.»

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(AWP)