Die chinesische Wirtschaft hat ihr Wachstum im dritten Quartal dank boomender Exporte beschleunigt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Juli bis September ‌um 4,5 ⁠Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu, wie das Statistikamt am Montag in Peking mitteilte. Analysten hatten in einer Umfrage der Nachrichtenagentur ⁠Reuters mit einem Plus von 4,4 Prozent gerechnet. Die nach den USA zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt war im zweiten Quartal mit 4,3 Prozent so langsam gewachsen ‌wie seit über drei Jahren nicht mehr.

«Die Auslandsnachfrage hält die Wirtschaft nach wie ‌vor über Wasser», sagte Ökonom Ho Woei Chen von der ​Bank UOB in Singapur. Trotz zunehmender globaler Spannungen wie dem Krieg in Nahost oder hohen US-Zöllen liegt der Exportweltmeister auf Kurs, den Rekord-Handelsüberschuss des vergangenen Jahres von 1,2 Billionen Dollar zu übertreffen. Allein im September legten die Ausfuhren um mehr als 36 Prozent zu. «Die Hightech-Fertigung, die Chipproduktion, die Elektro-Fahrzeuge und die Exportwerte spiegeln eine wettbewerbsfähige industrielle Modernisierung wider», sagte Analyst Andy Ji von ITC Markets. «Die ‌ist real und nimmt Fahrt auf.»

«Binnenwirtschaft bleibt angeschlagen»

Dagegen schwächelt nach wie vor die heimische Nachfrage. So wuchsen die Umsätze im Einzelhandel im September um 1,1 Prozent, während die Industrieproduktion mit 5,5 Prozent viel stärker zulegte. «Die Binnenwirtschaft bleibt in Anbetracht des schwachen Immobiliensektors angeschlagen», sagte der Chefvolkswirt ​der VP Bank, Thomas Gitzel. Die Regierung in Peking versucht gegenzusteuern. Sie beschloss im September Hilfen ​wie verbilligte Kredite für Infrastruktur und Technologie, Zuschüsse für Immobilienkäufer und mehr ​Mittel für Kommunen.

«Chinas Exportexpansion hat Grenzen», warnte die Ökonomin Michelle Lam von der Societe Generale. «Ohne eine entscheidende Kursänderung hin zur Unterstützung der Haushaltseinkommen und des Konsums wird das ‌Land wohl in einer längeren Phase niedriger Inflation und unterdurchschnittlichen Wachstums gefangen bleiben.» Die schwache Verbrauchernachfrage verschärft den Preiskampf im Land. Viele Unternehmen sind dazu gezwungen, ihre Kosten zu senken - und setzen auch bei den Löhnen an.

«Hart erkämpft»

Die Regierung peilt für das Gesamtjahr ​2026 ein ​Wachstum von 4,5 bis fünf Prozent an. Das Statistikamt verwies ⁠auf positive Veränderungen in den ersten neun Monaten des Jahres, warnte jedoch zugleich vor ​anhaltenden Problemen durch eine schwache Nachfrage ⁠und ein komplexes internationales Umfeld. Das Wachstum von 4,6 Prozent in den ersten neun Monaten des Jahres sei «hart erkämpft», sagte Mao ‌Shengyong vom Statistikamt. Er räumte eine «unausgewogene und unzureichende Entwicklung» ein. Allein die High-End-Fertigung, die digitale Wirtschaft und moderne Dienstleistungen hätten in diesem Zeitraum mehr als 40 Prozent des Wachstums beigetragen.

Die Führung in Peking hat sich ‌in diesem Jahr stark auf den Export als Wachstumsmotor verlassen. Dieser Sektor gerät durch zunehmende Handelsspannungen ​mit der Europäischen Union (EU) jedoch verstärkt unter Druck. «Da Peking weiterhin auf das Exportgeschäft setzt, müssen amerikanische und europäische Produzenten weiterhin die chinesischen Konkurrenten fürchten», sagte Gitzel. Die EU will die Importe von Hybridautos aus der Volksrepublik auf 350.000 pro Jahr drosseln.

(Reuters)