Von «skurrilen Episoden» schrieb die Neue Zürcher Zeitung am Freitagabend auf ihrer Online-Seite. Am Freitag wurden ja gleich vier SVP-Kandidaturen bekannt, nachdem zuvor Bewerbungen rar gewesen waren und die Genferin Céline Amaudruz tagelang allein war.

Bezeichnend für die skurrile Kandidatensuche sei auch gewesen, dass die Zürcher SVP, welche vor mehr als dreissig Jahren die moderne SVP erst erfunden habe, keine Kandidatur stellte. Das hiess es in der NZZ weiter.

Von «verrückten Stunden vor dem Torschluss» sprachen die Zeitungen des CH-Media-Verlags. Lange habe die Suche nach dem Parmelin-Nachfolger in der SVP geharzt, und dann plötzlich hätten «Kandidaten aus allen Ecken der Schweiz» ihr Interesse angemeldet - «auch überraschende».

«Für noch mehr Erstaunen» habe die Zuger SVP gesorgt, so die Kommentatoren des CH-Media-Verlags. «Sie schlägt Fraktionschef Thomas Aeschi vor. Der mag sich aber nicht festlegen. Er dankt für das Vertrauen, will aber weiter 'intensive Gespräche' führen. Ob er sich für das SVP-Ticket zur Verfügung stellt, bleibt damit offen.»

Aeschi? Oder Schnegg, Ruppen, Gallati?

Mehrere Kommentatoren sagen, der Zuger SVP-Nationalrat Thomas Aeschi habe gute Chancen, Bundesrat zu werden, wenn er denn wirklich antrete. «Die Frage, wer auf das Ticket für die Bundesratswahl kommt und wie viele Plätze zu vergeben sind, hängt (. . .) davon ab, ob sich Aeschi (. . . .) zur Wahl stellt», so die NZZ.

Der «Blick» hat alle acht parteiinternen Kandidierenden benotet und gibt aber Aeschi aber nur eine 4,5. Die besten Noten erhalten vom Blick-Kommentator der Tessiner Ständerat Marco Chiesa und der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati, nämlich eine fünf. Ausser Aeschi erhalten vier weitere Personen eine 4,5 und nur Rémy Wyssmann ein 4.

Dem Online-Portal «20 Minuten» hingegen sagte die Berner Politologin Corina Schena, der Berner Regierungsrat Pierre Alain Schnegg habe die besten Aussichten.

Auch Urs Leuthard, Redaktionsleiter Bundeshaus, sagte in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens SRF, Schneggs Profil stimme - ebenso wie jenes eines anderen Exekutivpolitikers, jenes des Walliser Staatsrats Franz Ruppen. Er gehe davon aus, dass mindestens einer von ihnen auf dem offiziellen Ticket der SVP zuhanden der Bundesversammlung lande.

Auch die Kommentatoren der CH-Media-Zeitungen schrieben: «Mit Schnegg erhalten die Romands in der Tat bessere Karten.» Eine «schwierige Gemengelage» und «grosse Fragezeichen» sieht Leuthard von SRF hingegen bei Céline Amaudruz und Thomas Aeschi.

Auch die «Weltwoche» titelte, Amaudruz' Wahlchancen seien plötzlich «verschwindend klein». Sie kämpfe mit fehlendem Rückhalt bei den Deutschschweizer SVP-Parlamentariern, zu denen sie in den vergangenen Jahren keine engen Bande gepflegt habe.

Die Tamedia-Zeitungen baten unter einer Analyse der Chancen der sieben bis acht SVP-Interessenten die Leserschaft um eine Antwort auf die Frage: «Wären diese Personen gute Bundesrätinnen oder Bundesräte?» Zuoberst auf der Rangliste landete Gallati, dahinter Amaudruz und Schnegg, wobei nicht alle Kandidierenden gleich viele Bewertungen erhielten. Ausschlag gebend war, wie viele Personen die Frage bei den Kandidierenden mit «Ja» beantworteten.

«Le Temps»: «Amateurhafte» SVP

Die Westschweizer Zeitung «Le Temps» schrieb in einer Analyse, die grösste Partei der Schweiz erscheine überfordert von den Ereignissen und scheine die Nachfolge Parmelins im Bunderat nicht vorbereitet zu haben. Dabei sei dessen Demission ja keine Überraschung. Mehrere Kandidaturen seien unverständlich und die Chancen von Amaudruz sänken.

Zur stärksten Partei im Land geworden sei die SVP dank eines einzigartigen Strategiedenkens. Aber seit der Rücktrittsankündigung Parmelins agiere die Partei amateurhaft, so «Le Temps».

(AWP)