Am Anfang gab es keinen Fünfer

Warum investiert ein Schweizer in einem tunesischen Dorf eine Million Franken? Ganz einfach: Er will einen Weltmarkt für qualitativ hochwertige Datteln errichten. Die Geschichte von Karl Keller aus Dornach.
10.12.2013 00:30
Von Daniel Hügli
Tunesische Frauen bei der Verpackung der Bio-Datteln in Hazoua.
Tunesische Frauen bei der Verpackung der Bio-Datteln in Hazoua.
Bild: cash

Hazoua, etwa 400 Kilometer südlich von Tunis und bloss ein paar Schritte von der algerischen Grenze. In dieses Dorf kam Karl Keller zum ersten Mal vor 20 Jahren. Und er beschloss, Geld zu investieren. Nicht etwa in den Tourismus, der dort mit den nördlichen Ausläufern der Sahara, den Palmen-Oasen und einem grossen Salzsee einiges zu bieten hätte. Keller investierte in den Landbau mit dem Ziel, den lokalen Bauern eine nachhaltige Lebensgrundlage zu bieten.

Keller, ein erfahrener Bio-Handelskaufmann aus Dornach bei Basel, sah bei seinem ersten Besuch, dass die Datteln der Bauern wegen qualitativer Mängel unverkäuflich blieben. Dabei ist die Region das Hauptanbaugebiet der tunesischen Dattelindustrie, es soll dort 1,6 Millionen Dattelpalmen geben. Doch die Region hat ein Problem: "Die Klimaveränderungen am Rande der Sahara wirken sich enorm aus. Die Wüste dringt immer näher an die Oasen", sagt Keller.

Bewässerung, Schutznetze für die Sträucher, Auslichtung des Fruchtstandes der Datteln, Schulung der Mitarbeiter. Das sollten die Rezepte zur Besserung der Situation sein. "Zu Beginn  konnten wir eine bis zwei Paletten Datteln über unseren eigenen Bioladen in Dornach absetzen", erinnert sich Keller. Durch die Konzentration der Bio-Verteiler gelangten die Fair-Trade-Datteln dann auf den gesamten Schweizer Bio-Markt. Heute verkauft auch die Migros die Bio-Datteln aus Hazoua unter dem Fair-Trade-Label. Und in der Europäischen Union werden die Datteln aus Hazoua ebenfalls im Bio-Fachhandel angeboten.

Keller hat mittlerweile entsprechende Gesellschaften in der Schweiz, in Deutschland und neuerdings auch in Bangkok gegründet, wo er ein Bio-Fachgeschäft eröffnet hat. Die Erfolge in Hazoua machten und machen Keller Mut. Heute möchte er nicht bloss in der Schweiz und in der Europäischen Union einen Markt für qualitativ hochwertige Datteln aufbauen, sondern weltweit.

Nach der Trennung von den Palmen werden die Dattel-Zweige nach Qualität sortiert.

Grundlage für Kellers Tunesien-Abenteuer ist die Firma Vita Terra, welche durch die Konzentration der Bio-Verteiler Anfang der 90er Jahre aufgerieben wurde. "Die Banken verlangten damals mehr Eigenkapital, dies konnten und wollten zu jener Zeit weder meine Mitgründer noch ich aufbringen." Keller kaufte schliesslich die Firma auf, und sie diente fortan als Hülle für den Aufbau des Tunesien-Projektes. Die tunesische Firma vor Ort heisst BGH Beni Ghreb Hazoua Sarl, die zu zwei Drittel in Schweizer und zu einem Drittel in tunesischem Besitz ist.

"Aus meinen Möglichkeiten flossen etwa eine Million Franken für Tunesien", sagt Keller. Grosse Hilfe käme auch von der deutschen Entwicklungshilfe GIZ und der DEZA in Bern.

Das sah in den 90er Jahren noch ganz anders aus. "In den ersten Jahren gab es noch keinen 'Fünfer' für Tunesien", erinnert sich Bio-Unternehmer Keller. Die anthroposophische Freie Gemeinschaftsbank habe als einzige Bank einen Sinn gesehen im Hazoua-Projekt. "Und ich konnte auf meine Liegenschaft in Dornach 250‘000 Franken aufnehmen, die heute noch stehen", so Keller.

Der 64-jährige Keller betont nicht nur, dass sein Schwiegersohn und er das Tunesien-Projekt "alles ausserdienstlich" managten. Auch die 120 Bauern vor Ort, die am Projekt angeschlossen sind, leisteten praktisch Fronarbeit. So auch 2002, als beschlossen wurde, eine eigene Fabrik für die Exporte der Datteln in Hazoua zu bauen. Die Wirtschaftskrise in Europa liess den Markt dann zwar um die Hälfte sinken, der Einbruch konnte in den Folgejahren aber aufgeholt werden. "Und während der tunesischen Revolution wurden wir zu hundert Prozent verschont, weil unsere Bauern mit den herumziehenden 'Zerstörern' sprachen und ihre Arbeit verteidigten."

Die Anstrengungen haben sich gelohnt. 2013 war wohl das erfolgreichste Jahr für Beni Ghreb: "Um der stark gestiegenen Nachfrage gerecht zu werden , mussten wir die Exportstation um 700 Quadratmeter vergrössern. Und endlich sind wir auch zu eigenen Kühlräumen zur Lagerung der Datteln gekommen", sagt Keller stolz.

Verlesen und verpackt: Die Datteln sind bereit für den Transport nach Europa.

Beni Ghreb erzielte 2012 einen Umsatz von 2,5 Millionen Dinar (1,1 Millionen Franken) bei 250‘000 Dinar Gewinn, welcher vollständig in das Projekt reinvestiert wird. Von den 120 Bauern der Kooperative erntet jeder etwa 10 Tonnen Datteln pro Jahr. Etwas mehr als die Hälfte der Gesamternte, also die 700 Tonnen, vermarktet Beni Ghreb.
Die Kapazitätsgrenze der Fabrik liege bei 1200 Tonnen Datteln pro Jahr, sagt Keller. In den nächsten Jahren gelte es, zu konsolidieren und die Eigenkapitalbasis zu stärken. Dies auch deshalb, um den Bauern die im Fair-Trade-Gedanken verlangten Erntevorausleistungen bezahlen zu können.

Und Beni Ghreb ist in Tunesien mittlerweile das Bio-Vorzeigeprojekt. "Meine Motivation war zu helfen, den Leuten vor Ort zu zeigen, wie es möglich ist, als Kleinproduzenten einen Markt zu finden. Die Beduinen-Bauern dürfen stolz sein, was sie praktisch in Eigenleistung erreicht haben."

Sagts und spricht gleich vom Gästehaus in Hazoua, das oberhalb des Dorfes gebaut wird und das einen Blick auf die Oasen-Palmen freigibt. Mit dem Bau des Gästehauses liegt Keller auch auf der Linie der Tourismus-Verantwortlichen Tunesiens, welche ausländische Gäste vermehrt ins Landesinnere locken und die Abhängigkeit von den Strandferienorten an den Küsten vermindern wollen.

In der Bergoase Tamarza etwa eine Auto-Fahrstunde von der Stadt Tozeur.

Die Region um die Stadt Tozeur bietet eine Fülle von Bergoasen, Palmenwäldern und Salzseen. Die mitunter bizarr anmutende Landschaft haben auch ausländische Hotelbetreiber entdeckt. Darunter befindet eine Hotelgruppe, die in Tunesien ein mutiges Projekt wagt.

Mitten in der Kleinstadt Nefta (zwischen Hazoua und Tozeur) entstand das Boutique- und Designer-Hotel "Dar HI", das vom französischen Architekten Matali Crasset im Stil der arabischen Architektur der Nachbarhäuser gebaut wurde. Das Hotel richtet sich an Öko-Touristen aus dem zahlungskräftigen Segment. Die riesigen Frontscheiben geben den Blick frei auf die Minarette der Stadt, die Wüste in der Ferne oder die Oase vor dem Hotel. Das Hotel offeriert einen Bio-Swimming-Pool, Massagen und einen Hammam.

Die HI-Hotelgruppe ist bekannt für ihre Konzept-Hotels in Nizza und Paris. Das Hotel in Nefta wurde erst Ende 2010 eröffnet.

Das modernistische Hotel "Dar HI" mitten in der Stadt Nefta.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der das tunesische Tourismusbüro in Zürich eingeladen hatte.