Ausblick 2013: «Japanische Verhältnisse in Europa?»

CEO Martin Strobel ist optimistisch für Bâloise, blickt aber betrübt auf die Zinsen. Und als gebürtiger Deutscher fragt er sich, warum Deutsche immer Recht haben müssen. Teil vier der Interviewserie zum Jahresende.
20.12.2012 06:00
Interview: Daniel Hügli
Martin Strobel, CEO der Bâloise Group.
Martin Strobel, CEO der Bâloise Group.
Bild: ZVG

Bis Ende dieser Woche bringt cash jeden Tag ein Interview mit bekannten Personen aus der Schweizer Wirtschaftwelt und mit Menschen, die sich mit den Finanzmärkten beschäftigen. Sie halten Rückschau auf das ablaufende Jahr und werfen einen Blick auf 2013. Heute: Martin Strobel, CEO Bâloise Group

 
cash: Herr Strobel, hätten Sie ein derart gutes Börsenjahr 2012 erwartet?
 
Martin Strobel: Nein, anfangs 2012 war ich viel pessimistischer für die Aktienmärkte. Optimistischer war ich dagegen für die Zinsen, dass sie endlich steigen würden. Hier wurde ich enttäuscht.
 
Die Bâloise-Aktie hat in den letzten sechs Monaten bereits über 25 Prozent zugelegt. Warum soll man die Aktie noch kaufen?
 
Wir sind jetzt ungefähr mit einmal Buchwert bewertet und damit, historisch gesehen, immer noch tief bewertet. Der ideale Einstiegszeitpunkt für alle Liebhaber von Versicherungsaktien. Unsere operative Ertragskraft ist gross, unsere Bilanz ist solide, wir wachsen in unseren Zielsegmenten überdurchschnittlich. All das sollte zu weiterer Wertsteigerung führen.
 
Welche Begebenheit bereitete 2012 Ihrem Geschäft und Ihrem Unternehmen am meisten Mühe?
 
Ich bin mit dem Jahr 2012 sehr zufrieden. Zum Halbjahr konnten wir ein gutes Ergebnis vorweisen. Die Trends im zweiten Halbjahr weisen in die gleiche Richtung. Wenn jetzt auch noch die Zinsen anfangen würden zu steigen, dann wäre mein Glück perfekt. Leider sind sie eher weiter am Sinken.
 
Was erfreute Sie 2012 am meisten, beruflich und privat?
 
Beruflich durfte ich viel Highlights erleben. Spontan kommt mir in den Sinn, dass wir vor kurzem einen grossen Kunden in der zweiten Säule, dem Kollektivleben, neu gewinnen konnten, da ihm unter anderem unser Ansatz 'Sicherheitswelt', das heisst die intelligente Prävention gemäss unserer Positionierung 'Wir machen Sie sicherer', beeindruckt hat. Hier können wir uns positiv von der Konkurrenz abheben. Privat werden unsere beiden Kinder, 4-und 6-jährig – langsam selbständiger. Auf einmal haben meine Frau und ich wieder Zeit für einander – wunderbar!
 
Was war Ihre wichtigste persönliche Entscheidung in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht im ablaufenden Jahr?
 
Naturgemäss halte ich viele Bâloise-Aktien. In 2012 hat sich das als sehr überzeugende Anlagestrategie erwiesen: starke Performance bei gleichzeitig hoher Dividendenrendite.
 
Sie sind gebürtiger Deutscher und kamen im Jahr im Jahr 1998 nach Basel. Die Stadt fühlt sich von der übrigen Deutschschweiz oft unverstanden. Was unterscheidet die Basler vom Rest der Deutschschweiz?
 
Ich erlebe die Basler als freundlich und offen, meine Familie und ich fühlen uns hier sehr wohl. Man spürt die Vielfalt des Dreiländer-Ecks. Der feinsinnige, vielschichtige Humor hat es mir besonders angetan. Es gibt Themen, die in Basel unglaubliche Emotionen wecken. So zum Beispiel Siege des FC Basel, und dies am besten gegen Zürich, oder die potenzielle Wiedervereinigung der beiden Halbkantone.
 
Steuerabkommen, Fluglärmstreit: 2012 war ein Jahr der sich verschärfenden Probleme zwischen der Schweiz und Deutschland. Wo haperts?
 
In Deutschland ist Wahlkampf, da kommt natürlich den deutschen Politikern jede Profilierungsmöglichkeit wie gerufen. Die Schweiz und die Schweizer geniessen im 'normalen' Deutschland nach wie vor grossen Respekt. Mittelfristig werden sich daher Lösungen für die Probleme ergeben. Ohne Kavallerie, sondern am Verhandlungstisch.
 
Was nervt Sie an den Schweizern und was an den Deutschen? 
 
Ausgelassenes Feiern gehört nicht gerade zu den Kerntugenden der Schweiz. Hier haben die umliegenden Länder mehr zu bieten … ;-) An den Deutschen stört mich inzwischen das ab und an Laute und allzu Direkte. Warum glauben die Deutschen eigentlich, immer alles besser zu wissen?
 
Tja, diese Frage stellt man sich in Europa in den letzten drei Jahren immer öfter. Deutschland als Lehrmeister Europas? Hat der Euroraum denn die schlimmste Zeit hinter sich? 
 
Ich hoffe, dass es gelingt, die Eurokrise erfolgreich zu meistern. Wenn ich ehrlich bin, bin ich aber eher pessimistisch. Es könnte gut sein, dass wir in Europa auf japanische Verhältnisse zusteuern mit nachhaltig tiefem Wachstum, steigender Verschuldung und einer, vor allem in Südeuropa, dauerhaft hohen Jugendarbeitslosigkeit. Kein sehr erbauliches Szenario.
 
Wird 2013 ein ähnlich gutes Börsenjahr wie 2012?
 
Immer, wenn ich mir diese Frage stelle, lese ich cash.ch, um die Antwort zu finden. Leider sind sich die Experten dort auch nicht ganz einig.
 
Wie und wo verbringen Sie die Festtage?
 
Zu Hause in Riehen im Kreis der Familie. Wir hoffen natürlich auf weisse Weihnachten und werden dann, gemeinsam mit unseren kleinen Kindern, die besten Schlittenstrecken unsicher machen. 
 
Was wünschen Sie sich für 2013?
 
Beruflich wünsche ich mir, dass jetzt langsam mal die Finanzkrisen aufhören. In 2002, 2008 und 2011 hatten wir drei Jahrhundertkrisen. Das sollte jetzt erst einmal reichen. Wenn dem so wäre, ginge auch mein privater Wunsch in Erfüllung: mehr Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern.