Auto-Legende Bob Lutz - «Die Situation bei Tesla ist fast hoffnungslos»

Der 87-jährige Ex-Automanager Bob Lutz erzählt im Interview über seine Zeit unter dem legendären Chrysler-Chef Lee Iacocca - und spricht Klartext zum Elektroauto-Hersteller Tesla.
11.07.2019 13:00
Interview: Marc Bürgi
Robert «Bob» Lutz, ehemaliger US-Automanager (GM, BMW, Ford, Chrysler) mit Schweizer Wurzeln (30.11.2010).
Robert «Bob» Lutz, ehemaliger US-Automanager (GM, BMW, Ford, Chrysler) mit Schweizer Wurzeln (30.11.2010).
Bild: Bloomberg

Letzte Woche starb der legendäre Chrysler-Chef Lee Iacocca. Sie waren während vieler Jahre sein Stellvertreter. Ihre Beziehung war offenbar schwierig.

Bob Lutz: Unsere Beziehung schwankte zwischen Hass und Liebe. Er mochte mich für meine Fähigkeiten und die Art, wie ich meinen Job erledigte. Er schätzte mich auch als Person. Gleichzeitig sah er in mir eine Gefahr für seine Autorität. Er hatte Angst, dass ich in unserem Geschäft besser als er werden würde. Ich war häufig anderer Meinung, weil er wie alle intelligenten Menschen nicht immer richtig lag. Wenn ich ihm widersprach, regte er sich sehr auf.

Ihre schwierige Beziehung war auch der Grund, wieso Sie nicht sein Nachfolger wurden.

Als es um seine Nachfolge ging, lancierte er ein Programm namens ABL: Es stand für 'Anybody but Lutz', Irgendjemand ausser Lutz.

Und trotz dieser Spannungen konnten Sie und Iacocca gut zusammenarbeiten?

Ja. Aber er wollte mich nicht als seinen Nachfolger, und das war eine Form von Strafe. Doch als Chrysler einige Jahre später an Daimler verkauft wurde, und dieser neue Konzern nicht in Fahrt kam, bezeichnete er den Entscheid, mich nicht zu seinem Nachfolger gemacht zu haben, öffentlich als den grössten Fehler seiner Karriere.

Hätten Sie dem Zusammengehen mit Daimler zugestimmt?

Ich sah nichts Falsches darin, Chrysler zu verkaufen. Iacocca lehnte den Verkauf vermutlich grundsätzlich ab. Das Problem war allerdings, wie das Verhältnis mit Daimler gepflegt wurde. Bob Eaton, der die Nachfolge von Lee Iacocca übernommen hatte, war sehr nett und sehr intelligent, aber er war eine schwache Führungsfigur.

Lee hatte wohl das Gefühl, dass wir ein besseres Verhältnis zu Daimler gehabt hätten, wenn Bob Eaton ein stärkerer Leader gewesen wäre. Er bereute es, Bob Eaton statt mich zum neuen Chrysler-Chef gemacht zu haben.

Sie haben den Kauf der Jeep-Marke durch Chysler als grössten Erfolg von Iacocca bezeichnet.

Ausser Iacocca waren alle im Management gegen den Kauf von Jeep-Eigner American Motors. American Motors macht damals grosse Verluste, ihre Fabriken waren veraltet, sie hatten keine neuen Produkte und waren zu 25 Prozent im Besitz von Renault. Wir konnten keine Vorteile erkennen. Aber Iacocca sagte: 'Ich will dieses Unternehmen und wir werden es kaufen.'

Lee war ein intelligenter Risikonehmer. Alle sagen, die Lancierung des Ford Mustangs und des Chrysler Minivans seien seine grössten Erfolge gewesen. Sie verstehen nicht, dass sein grösster Erfolg der Kauf der Marke Jeep war.

Jeep ist heute der wichtigste Ertragsbringer für den FiatChrysler-Konzern.

Die Marke bringt den Grossteil der Gewinne herein. Weltweit werden jährlich zwei Millionen Jeeps pro Jahr verkauft. Die Marke ist so gross wie ein Autokonzern. Und äusserst profitabel.

Bis vor kurzem war Sergio Marchionne der Chef von FiatChrysler. Kannten Sie ihn?

Ich kannte ihn, aber nicht sehr gut. Wir hatten einige Gespräche. Er war ein sehr willensstarker Manager, der wie Iacocca eigene Vorstellungen davon hatte, wie Dinge erledigt werden sollten. Er vertraute auf seine eigene Meinung. Das ist eines der Merkmale von starken Führungspersönlichkeiten.

Was meinen Sie damit?

Schwache Leader sind Verwalter, die allen zuhören und alle Meinungen einholen. Sie suchen den Konsens. Starke Leader sind anders. Sie sagen: 'Das will ich, und so soll es gemacht werden.'

Ist Tesla-Chef Elon Musk ein starker Leader?

Er zählt zu dieser Kategorie. Er ist brillant, ein Genie. Doch wie viele sehr intelligenten Menschen weiss er nicht, was er nicht weiss. Er weiss nicht, wie ein Autokonzern geführt werden muss. Er hat die finanzielle Seite nicht im Griff. Deshalb ist Tesla in einem sehr schlechten Zustand. Elon brachte sich in Schwierigkeiten und hörte nicht auf Leute, die sich auskennen. Das ist die Gefahr bei einer solchen Art von Führungspersönlichkeit.

Sie glauben nicht an den Erfolg von Tesla?

Das Schicksal von Tesla ist besiegelt. Die Situation ist fast hoffnungslos angesichts der Verluste, die sie derzeit schreiben. Die Nachfrage hat nachgegeben. Tesla hatte 400'000 Vorbestellungen für das Model 3. Tatsächlich haben sie davon nur 80'000 oder 90'000 Stück abgesetzt, haben Mühe, mehr zu verkaufen (Anm. d. Red.: Die Aussage bezieht sich auf die Zahl der vorbestellten Model 3, die schliesslich ausgeliefert wurden. Tesla hat allein in den USA im 2018 fast 140,000 Model 3 verkauft. Im zweiten Quartal 2019 lieferte Tesla weltweit 77'550 Einheiten des Fahrzeugs aus).

Das Model S ist mittlerweile zehn Jahre alt, auch hier verlaufen die Verkäufe schleppend. Das gleiche Bild zeigt sich beim Model X, der SUV mit den Flügeltüren – das ist ohnehin ein hässliches Fahrzeug. Tesla bleibt etwa ein Jahr Zeit, bis jeder der grossen globalen Autokonzerne eine eigene Flotte von Elektrofahrzeugen im Angebot hat. Diese Autos werden genauso gut oder sogar besser sein als die von Tesla.

Wie stehen Sie allgemein zu Elektrofahrzeugen? Sie waren ein Manager in der Ära des Verbrennungsmotors.

Das stimmt, aber ich war auch die treibende Kraft bei der Entwicklung des Chevrolet Volt von General Motors. Das war das erste Plug-Hybrid-Fahrzeug mit einer Reichweite von 80 Kilometern. Dieses Projekt habe ich gegen grossen Widerstand innerhalb des Konzerns vorangetrieben. Ich bin überzeugt von der Elektrifizierung. Der Elektromotor wird sich in der Industrie durchsetzen.

Elektrofahrzeuge haben erst sehr bescheidene Marktanteile – in der Schweiz haben nur gut drei Prozent aller neuen Autos einen Elektroantrieb.

Die Entwicklung benötigt Zeit. Der Knackpunkt sind derzeit die Leistung und der Preis von Batterien. Die Speicherfähigkeit muss sich erhöhen und die Preise müssen fallen. Bald werden Autokonzerne gleich viel mit Elektrofahrzeugen verdienen wie mit normalen Autos. Sobald dieser Punkt erreicht wird, ist die Entwicklung nicht mehr zu stoppen.

Die fehlende Infrastruktur ist kein Problem?
Die Tankstellenbetreiber werden die Stationen mit Ladesäulen ausrüsten. Das ist kein Problem, diese Infrastruktur kann in kurzer Zeit erstellt werden.

«Maximum Bob»

Name: Robert Anthony Lutz, Übername «Maximum Bob»

Aktuelle Funktion: Kommentator TV-Sender CNBC

Alter: 87

Ausbildung: Kampfpilot im US Marine Corps, Bachelor in Production Science an der University of California in Berkeley

Karriere:
1963 bis 1970: General Motors
1971 bis 1974: Verkaufschef BMW
1974 bis 1986: Chef Ford Europe, Chef Lastwagen-Division, Chef Internationale Division
1986 bis 1998: Vice Chairman Chrysler-Konzern
2001 bis 2010: Vice Chairman Product Development bei General Motors

Dieses Interview erschien zuerst in der Handelszeitung unter dem Titel «Das Schicksal von Tesla ist besiegelt»