Axel Weber warnt - Bei der Inflation droht «ein böses Erwachen»

Der UBS-Präsident sichtet am Horizont mehrere Alarmsignale: Angesichts der Geldschwemmen geraten die Notenbanken und die Weltwirtschaft in eine heikle Lage. Die Inflation könnte schneller als gedacht steigen.
23.02.2021 11:15
Von Ralph Pöhner
UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber während eines Interviews mit Bloomberg.
UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber während eines Interviews mit Bloomberg.
Bild: Bloomberg

Für sehr viele Wirtschafts-Experten bildet die Inflation derzeit kein Problem. Der IWF zum Beispiel erwartet noch auf Jahre hinaus tiefe Teuerungsraten in den meisten Ländern; und in der Schweiz rechnet die Nationalbank SNB bis Ende 2022 mit einer Inflation deutlich unter 1 Prozent.

Ein Argument dabei: Die Covid-19-Krise drückt die Preise eher nach unten als nach oben. Denn dabei hat vor allem die Nachfrage gelitten, nicht aber das Angebot. Die Ramsch-Offerten, mit denen sich die Läden nach der Wiedereröffnung über Wasser halten werden müssen, sind ein konkretes Beispiel dafür. Und auch in vielen anderen Bereichen herrscht eher ein Über- als ein Unterangebot.

Das bedeutet: sinkende Preise.

Eine respektable Minderheit der Experten erhebt nun allerdings langsam den Warnfinger. Jenseits des Rheins beispielsweise bekundete der Ökonom und "Wirtschaftsweise" Volker Wieland soeben: "Drei Prozent Inflation in Deutschland sind Ende des Jahres möglich", so Wieland am Montag im "Handelsblatt". 

«Böses Erwachen»

Und auch auch der Präsident der Bundesbank, Jens Weidmann, hält eine Teuerungsrate über 3 Prozent für realistisch: Nach dem Ende der Covid-19-Krise werde die Nachfrage boomen und so die Preise nach oben treiben.

Hier reiht sich nun auch der UBS-Präsident ein: Axel Weber warnt in einem neu publizierten Aufsatz, dass bei den Preisen ein "rude awakening" drohe.

Das Problem: Prognosen zur Teuerung sind speziell schwierig. Die Modelle dahinter bauen auf den Erfahrungen der letzten fünf Jahrzehnte. Aber die heutige Wirtschaftslage, so Weber, sei mit dieser Vergangenheit nicht zu vergleichen. "Die tiefen Inflations-Voraussagen von heute sind deshalb keine Garantie, dass die Teuerung auch wirklich tief bleiben wird."

Zwar habe die Pandemie tatsächlich bei vielen Dienstleistungen zu eher tieferen Preisen geführt: Beispielsweise wurden die Flugtickets billiger, weil die Leute jetzt auch weniger reisen. Doch dabei haben die Menschen viele Ausgaben zu den Gütern beziehungsweise Waren verlagert – zum Beispiel stieg die Nachfrage nach Möbeln. Und dort wiederum stiegen die Preise oft.

Ein Fazit: Die "Warenkörbe" der Konsumenten wurden schwerer, die Ausgaben dafür stiegen – also die Konsumausgaben insgesamt. Und zwar taten sie dies, ohne dass es die staatlichen Inflationsindizes ausweisen.

Gäste hungrig, Gastronomie kaputt

Axel Weber rechnet nun obendrein damit, dass sich die Preisspirale auch bei den Dienstleistungen zu drehen beginnt: Sobald die Einschränkungen verschwinden, wollen die Leute Vieles nachholen – beim Reisen, in den Hotels, in den Restaurants. Doch die höhere Nachfrage trifft auf ein kleineres Angebot. Denn die Lockdowns werden eben auch reihenweise Reisebüros, Restaurants, Airlines und Hotels zerstört haben.

Ein noch grösseres Risiko, so der UBS-Präsident, bilden die nie dagewesenen Staatsausgaben und Geldmengen-Erweiterungen. Die Defizite benötigen Investoren, die bereit sind, Staatsobligationen ohne Rendite zu übernehmen – doch wie lange geht das noch gut? "Sobald Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Investitionen auftauchen, veranlasst dies die Sparer und Investoren, in andere Anlagen zu wechseln; dies wiederum würde die Währungen der betroffenen Staaten schwächen und dort zu höheren Konsumentenpreisen führen."

Auf jeden Fall hätten frühere Phasen exzessiver Regierungsausgaben fast immer in hoher Inflation geendet. "Inflation, die aus Vertrauensverlust erwächst, kann rasch entstehen", so der ehemalige Bundesbank-Präsident, "und in einigen Fällen auch ohne vorangehende Lohn-Preis-Spirale."

Dass die offenen Geldschleusen nach der Finanzkrise 2008 nicht zu einer starken Teuerung führten, sei jedenfalls keine Garantie, dass es diesmal auch so laufen muss. Damals blieb das Geld weitgehend in den Finanzmärkten; nun aber könnte die Expansion der Notenbank-Bilanzen auch zu grossen Geldflüssen in die Realwirtschaft führen. 

Die Vorboten sind da

Am Ende könnte ein steiler Anstieg der Inflation desaströse Folgen haben: Denn dann wären die Notenbanken gezwungen, die Zinsen zu erhöhen. Was wiederum die schwer verschuldeten Regierungen, Unternehmen und Haushalte treffen würde. 

Dass die Rohstoffpreise, die Transportkosten, die Aktien oder der Bitcoin so stark angestiegen sind und dass der Dollar deutlich gesunken ist – all dies könnten Vorboten höherer Konsumentenpreise im Dollarraum sein. Und da die Inflationsraten international eng zusammenhängen, könnte dies weltweit einen Preisanstieg befeuern.

"Zu viele unterschätzen das Risiko eines Anstiegs der Inflation", meint der UBS, "und zuversichtliche Prognosen auf Modell-Basis tragen nicht dazu bei, meine Befürchtungen zu zerstreuen."

Dieser Artikel erschien zuerst auf handelszeitung.ch unter dem Titel: "Axel Weber warnt: Es droht eine Ära der Inflation"