Banken noch immer offen für heikle Kunden?

Abgewiesene Kunden von Auslandsbanken finden bei Schweizer Banken offenbar noch immer Aufnahme, lässt Raoul Würgler vom Auslandsbankenverband im cash-Interview durchblicken. Er äussert sich zur Zukunft des Finanzplatzes.
29.10.2014 01:00
Interview: Frédéric Papp
Raoul Würgler ist stv. Geschäftsführer beim Verband der Auslandsbanken in der Schweiz.
Raoul Würgler ist stv. Geschäftsführer beim Verband der Auslandsbanken in der Schweiz.
Bild: ZVG

cash: Herr Würgler, in den letzten fünf Jahren sind einige Auslandsbanken aus der Schweiz abgewandert beziehungsweise wurden aufgekauft.

Raoul Würgler: Ja, es gibt hierzulande weniger Auslandsbanken als noch vor ein paar Jahren. Es sind auch Schweizer Banken verschwunden. Der Konsolidierungsprozess findet bei allen Banken statt.

Und was sind die Gründe?

Die regulatorischen Anforderungen haben deutlich zugenommen. Vor zehn Jahren hatten Banken mit einer halben Milliarde Franken an verwalteten Vermögen gut gelebt. Einige Banken dieser Grösse haben sich aus Kostenüberlegungen aus dem Markt zurückgezogen oder wurden von anderen, oft auch Auslandsbanken, übernommen. In anderen Fällen fand der Verkauf als Folge einer neuen strategischen Positionierung des Mutterkonzerns statt.

Wie weit fortgeschritten sind denn die Auslandsbanken im Regulierungsprozess?

Viele sind weiter fortgeschritten als Schweizer Banken. Die Schweizer Töchter gehören zu Konzernen, welche die internationalen Entwicklungen oft viel direkter miterleben als Schweizer Banken. Der Druck der Mutterhäuser, fragwürdige Beziehungen zu bereinigen, ist gross. So haben zum Beispiel viele amerikanische Banken, die seit Jahrzehnten in der Schweiz agieren, nie amerikanische Kunden aufgenommen. Zwar hat sich die Definition der US-Person geändert, dennoch sind die Probleme kleiner als bei Schweizer Banken.

Im Markt hört man hin und wieder munkeln, dass heikle Kunden von Auslandsbanken bei Schweizer Banken mit offenen Armen empfangen werden. Stimmt das?

Dies wurde mir in der Tat von diversen Auslandsbanken berichtet. Belegen kann ich dies aber nicht.

Was hält ausländische Banken eigentlich in der Schweiz? Der Finanzplatz ist im grundlegenden Wandel...

Die Schweiz ist ein sehr wichtiger Finanzplatz. 25 Prozent der grenzüberschreitenden Vermögen werden in der Schweiz verwaltet. Auch im Asset Management ist die Schweiz ein wichtiger Player. Ebenso in den Bereichen Retailbanking, Trading oder Kreditgeschäft ist die Schweiz für Auslandsbanken attraktiv. Kürzlich eröffnete die britische IG-Bank eine Niederlassung in Genf…

… eine auf Online-Trading spezialisierte Bank.

Genau. Die IG Bank ist in über 25 Ländern präsent. Aber nur in der Schweiz – abgesehen vom Hauptsitz in London – wurde eine vollständig inkorporierte Bank gegründet. Das ist ein klares Bekenntnis zum Finanzplatz Schweiz.

Also alles bestens?

Nein, vor allem Banken aus Schwellenländern sind rar. Wenn wir aber ein internationaler Bankenplatz sein wollen, dann braucht es Beziehungen zu diesen Wirtschaftsregionen. Dies hätte auch Vorteile für die hiesigen Unternehmen. Es ist einfacher für eine Schweizer Firma, die Finanzierung einer chinesischen Produktionsstätte mit einer chinesischen Auslandsbank in der Schweiz zu tätigen als in China.

Was bräuchte es, damit sich dies ändert?

Was fehlt ist ein klarer Entscheid der Schweizer Regierung. Ist die Regierung bereit, die Entwicklung in diese Richtung zu unterstützen? Ja oder nein. Die ausländische Finanzindustrie wartet auf ein solches Zeichen. Kürzlich sagte mir ein Chinese: Ihr müsst schauen, dass eine chinesische Bank in der Schweiz eine Niederlassung gründen darf. Dann kommen weitere Banken. Wenn das offenbar so einfach funktioniert, dann sollte man dazu Hand bieten.

Wie wird sich der Schweizer Finanzplatz in den kommenden zehn Jahren entwickeln?

Der Schweizer Finanzplatz wird deutlich stärker sein als heute, wenn wir nur die richtigen Karten zum richtigen Zeitpunkt ausspielen. Wir stehen unter globaler Beobachtung im positiven wie im negativen Sinn. Wenn wir das richtige Zeichen setzen, entfaltet sich eine positive Dynamik. Wichtig dabei ist, dass wir uns nicht nur auf die private Vermögensverwaltung einschiessen. Das waren die letzten 60 Jahre. Aber die Geschichte der Auslandsbanken ist eine andere.

…die wäre?

Die erste Auslandbank gründete die italienische Familie Medici in Genf 1430 zum Zweck der Handelsfinanzierung. In Zürich wurde die auf das Börsengeschäft spezialisierte Société Générale vor fast 100 Jahren gegründet.

Also zurück zu den ursprünglichen Geschäften?

Ganz genau. Gerade das Finanzierungsgeschäft eignet sich gut für die Schweiz. Denn wir haben einen liquiden Markt, eine funktionierende Börse, eine starke Währung und globale Vernetzung. Wir könnten viel mehr Geschäft anziehen. 

Doch bislang wird die gute Ausgangslage wenig genutzt.

Ja, die Schweiz geht zu wenig strategisch vor und spielt ihre Trümpfe nicht aus. Dies hat zum einen mit der Geschichte zu tun. Jahrzehntelang floss das Geld hierher zur Verwaltung, ohne grossen Aufwand betreiben zu müssen. Nun müssen wir auf die Hinterbeine stehen. Zum anderen ist es eventuell auch eine Mentalitätssache. Der Schweizer hält sich nach dem Motto: "Eigenlob stinkt."

Raoul Würgler ist seit 2001 stellvertretender Geschäftsführer beim Verband der Auslandsbanken in der Schweiz. Er arbeitet zusammen mit Regierung, Behörden und Verbänden dafür, die Attraktivität des Standortes Schweiz zu wahren. Bevor Raoul Würgler zum Verband stiess, arbeitete er in der Firmenkundenberatung bei einer Schweizer Grossbank. Er studierte Politikwissenschaften in Lausanne.

Beinahe die Hälfte aller Banken in der Schweiz sind Auslandsbanken. Neben der Vermögensverwaltung bieten diese vermehrt Finanzdienstleistungen für Retail- und Firmenkunden an.