«Banker-Boni sind in Ordnung»

Im cash-Interview sagt der Frankfurter Hochschulprofessor Thomas Heidorn, wann Banker-Boni angebracht sind und warum er das US-Investmentbanking kristisiert. Er verrät auch, ob er nun Grossbankenaktien kaufen würde.
12.09.2013 01:00
Interview: Daniel Hügli, Frankfurt
Thomas Heidorn, Professor an der Frankfurter School of Finance & Management.
Bild: cash

cash: Herr Heidorn, würden Sie jetzt Aktien von Grossbanken kaufen?

Prof. Thomas Heidorn: Das ist jetzt mal gleich eine schlechte Frage… (lacht)

Die schlechten Fragen sind meistens die guten…

Ich halte Bankaktien derzeit nur indirekt via Index, also mittels ETF.

Sie sind vorsichtig.

Ja. Ich sehe derzeit bei den Banken noch kein Geschäftsmodell, das für den Eigenkapitalgeber nachhaltig gewinnerzielend ist. Die Erträge sind im besten Fall zufriedenstellend. Dann werden die Eigenkapitalquoten durch die Regulatoren deutlich über das notwendige Niveau erhöht. Diese Konstellation spricht nicht dafür, dass für Bankaktionäre goldene Zeiten angebrochen sind.

Wäre heute eine Kettenreaktion wie nach dem Lehman-Kollaps vor fünf Jahren wieder möglich?

Wir haben die Krise ja noch nicht überwunden, weil der Interbanken-Geldmarkt in der Form, wie wir ihn vor der Krise kannten, noch nicht wieder da ist. Aber die Situation ist anders. Wenn heute Banken umfallen, dann sind die Geldbestände bei Gegenbanken viel kleiner. Daher ist die Krisengefahr heute viel geringer. Überdies sind und werden die Informationen für Regulierer bei den Banken viel schneller erhältlich. Gefeit vor einer neuen Krise sind wir aber auf keinen Fall.

Was könnte denn eine neue Krise auslösen?

Ein grosser Verlust ist immer möglich. Das ist in der US-Bankengeschichte zig Mal vorgekommen, einige Banken haben aus den Immobilienkrisen nichts gelernt. Banken bauen aber auch logischerweise Risikopositionen auf. Wenn dann systematisch Liquidität abgezogen wird, können diese Häuser nicht gegensteuern. Das kann jederzeit zu einer Krisensituation führen.

Moody's hat letzte Woche den Ausblick für die deutschen Banken von 'negativ' auf 'stabil' hochgeschraubt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Grundsätzlich ist die Situation sicherer geworden, weil im Umfeld der Banken deutlich weniger Ausfälle zu verzeichnen sind. Aber das Kernproblem ist weiter da: Die Banken zahlen einen relativ hohen Credit-Spread verglichen zu den Unternehmen mit einem gleichen Rating.

Das Universalbankenmodell, wie es in der Schweiz auch die Credit Suisse oder die UBS betreiben, hat keine Zukunft mehr, lautet eine Forderungen nach der Krise. Sind Sie gleicher Meinung?

Ich bin absolut gegenteiliger Meinung. Ein breites Portfolio an Aktivitäten ist eine der sichersten Sachen für eine Bank. Da bin ich ganz konservativ.

Die Begründung lautet ja, dass Investmentbanken innerhalb der Universalbanken zu viel Eigenkapital absorbieren, Aktionärswert zerstören und zu gefährlich sind.

Es kommt bei dieser Argumentation darauf an, was man unter Investmentbanking versteht. Man kann sich tatsächlich fragen, ob eine Beratung für Mergers & Acquisitions mittelfristig sinnvoll ist. Aber eine Bank, die keinen Handel mit Derivaten und Anleihen betreibt, kann auch kein gutes Corporate Finance betreiben. Das ist ein Standard-Produkt, das für die Betreuung von Firmenkunden notwendig ist.

Vor allem der Eigenhandel der Banken steht und stand massiv in der Kritik.

Die Frage nach dem Eigenhandel kann ich nur mit 'ja' beantworten. Wenn Sie nicht wissen, wo die Marktpreise liegen, können Sie die Kunden auch nicht beraten. Die Investmentbanken brauchen ein Minimum an Eigenhandel.

Die UBS fährt den Handel mit Festverzinslichen herunter.

Ich meine, das ist ein Problem. Das ist ein Kerngeschäft einer Bank wie der Zahlungsverkehr auch. Wenn eine Bank sich von solchen Geschäften verabschiedet, dann kennt sie die Märkte nicht mehr.

Sie haben als Investmentbanker bei der Dresdner Bank gearbeitet. Sie kritisierten einmal das US-Investmentbanking, dort herrschten 'kurzfristiges Denken' und 'rüde Umgangsformen'…

Ich stehe zu diesen Aussagen. (lacht)

Hat dieses Denken und Handeln der US-Investmentbanker den Absturz von Lehman und die Krise gefördert?

Das kurzfristige individuelle Gewinndenken hat natürlich dazu geführt, dass die Leute mit einem solchen Zeithorizont gearbeitet haben. Wenn ich als Investmentbanker weiss, dass ich in einem Jahr woanders bin, dann muss ich mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, wenn in zwei Jahren die Bank explodiert. Solches Verhalten ist für die Gesamtwirtschaft tödlich. Es gab wenig Verantwortungsempfinden dafür, welche Sachen mittelfristig passieren konnten.

Schweizer Grossbanken, gerade auch eine Credit Suisse, haben ihr Investmentbanking mit Akquisitionen in den letzten 20 Jahren massiv amerikanisiert. Müssen sie es entamerikanisieren?

Ich war da immer ein einsamer Rufer. Ich habe immer gesagt, es macht Sinn, zwei Konzepte zu haben. Das klassische angelsächsische Investmentbanking und dann das eher langfristig ausgerichtete europäische Investmentbanking. Das letztere ist fast gestorben. Aber ich meine noch immer, dass ein langfristiger 'Touch' eher hilfreich ist für die Banken und für die langfristigen Kundenbeziehungen. Die Klagewelle, welche nun auch die Schweizer Banken trifft, wäre mit einem solchen Konzept um einiges kleiner gewesen. Aber solche Überlegungen waren in den Jahren vor der Krise wegen der Orientierung am kurzfristigen Gewinn nichts Wert.

Wie stehen Sie zu Bonifikationen bei Banken?

Wenn ein Banker einen Wert geschaffen hat, finde ich Bonus-Zahlungen durchaus in Ordnung. Aber dieser Wert sollte nachhaltig sein. Dass dies nicht der Fall war, war das Problem in der Vergangenheit. Der Bankensektor hat in der Vergangenheit einen überraschend grossen Anteil an der Wertschöpfung verteilt. Der Bonus hat den grossen Vorteil, dass er in schlechten Zeiten nicht gezahlt wird. Ein grosser Boni-Teil eines Gehaltes wirkt daher tendenziell eher stabilisierend. Dass man diesen variablen Teil in das Festgehalt der Banker schieben will, ist für die Bankensicherheit nicht gut.

Sind Sie da sicher?

Ja. Ein relativ hoher Fix-Block beim Gehalt ist gerade im Investmentbanking keine gute Idee. Das führt dazu, dass man Leute hinauswerfen muss, denn das Investmentbanking ist sehr zyklisch. Die Boni sollten besser an langfristige Erfolge gekoppelt werden.

Hohe Banker-Boni, das kommt in der öffentlichen Wahrnehmung nun definitiv nicht mehr gut an.

Das finde ich nicht. Eine Relation der Einkommen muss zwar erhalten bleiben. Aber ein Banker kann bestimmt mehr Wert schaffen als ein Fussball-Mittelfeldspieler, den sich Real Madrid für 100 Millionen Euro geleistet hat…

Wie sehen Sie die Entwicklung der langfristigen Zinsen?

Tja, wir kriechen da ja seit einiger Zeit etwas hoch. Aber ich sehe keine wesentlichen Änderungen. Wir haben einen hohen Liquiditätsdruck, weil sich die Zentralbanken nicht aus ihren Programmen zurückziehen können, ohne dass sie eine grosse Krise riskieren. Und es sind grosse Mengen an Pensionskassengeldern da, die nur begrenzte Nachfrage in der realen Wirtschaft finden. Daher sehe ich das Zinssteigerungspotenzial begrenzt.

Im cash-Video-Interview äussert sich Prof. Thomas Heidorn auch zum Unterricht und zur Zukunft des Investmentbanking.

Prof. Thomas Heidorn ist seit 1991 Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Schwerpunktgebiete sind Investmentbanking, Risikomanagement und geschäftspolitische Fragestellungen. Neben der Tätigkeit an der Hochschule unterrichtet Heidorn bei Banken und ist Berater von Firmen. Schwerpunktgebiete sind Liquidität, Derivate (Marktpreis- und Kreditderivate) sowie Finanzmathematik. 1983 schloss er an der University of California, Santa Barbara, mit einem Master of Arts in Economics ab. Von 1984 bis 1987 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel tätig, wo er 1986 seinen Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ablegte. Von 1988 bis 1991 arbeitete er bei der Dresdner Bank in der Abteilung Neuemissionen und war später als Vorstandsassistent verantwortlich für Treasury und Wertpapiergeschäfte.