Berufliche Vorsorge - So reagieren die Schweizer Pensionskassen auf die Coronakrise

Die Erholung der Finanzmärkte hat die Lage der Pensionskassen für den Moment stabilisiert. Dennoch wird die Lage der zweiten Säule immer noch schwieriger - und Versicherte bekommen dies zu spüren.
25.10.2020 19:56
Von Marc Forster
Jüngere Leute gehen später mit deutlichen Nachteilen in die Pension.
Jüngere Leute gehen später mit deutlichen Nachteilen in die Pension.
Bild: Pixabay

"Mit einem blauen Auge davongekommen" - so könnte man derzeit die Lage der Pensionskassen (PK) angesichts der Coronakrise umschreiben. Die weitgehende Erholung der Finanzmärkte seit Mitte März hat grössere Minusrenditen verhindert.

PKs halten zwischen 25 und 45 Prozent ihrer Anlagen in Aktien. Im März und April sah es wegen der stark gesunkenen Aktienkurse noch danach aus, dass deutliche Minusrenditen drohten. Die Aktienmärkte haben sich aber erholt: Dem Schweizer Aktienleitindex SMI fehlen etwa 10 Prozent zum Vorkrisenstand, beim amerikanischen Dow Jones sind es rund 3 Prozent.

Trotz leicht tieferer Marktzinsen hat sich auch die Lage an den Obligationenmärkten alles in allem entspannt. Da viele PKs in der Krise bei ihren Anlagen keine Panikverkäufe tätigten, nahmen sie die Erholung der Märkte weitgehend mit. Grosse Umschichtungen innerhalb der Anlageklassen beobachten PK-Experten im Moment nicht.

Durchschnittsrendite ist bereits problematisch

Trotz steigender Infektionszahlen hat es an den Finanzmärkten jetzt im Herbst keinen erneuten Einbruch der Kurse gegeben. Die Renditen der PKs dürfte dieses Jahr wohl bei etwa Null liegen. Während in den vergangenen Jahren gute Aktienrenditen erzielt wurden, sprechen Experten bei 2020 von einem nur "leicht unterdurchschnittlichen" Jahr. Doch schon dies führt zu Schwierigkeiten. 

Auch wenn die PKs dieses Jahr puncto Anlageperformance wohl einigermassen davonkommen: In den vergangenen Jahren, in denen hohe Aktienrenditen möglich gewesen waren, musste viel von diesen Renditen gleich an Rentner weitergegeben werden.

Nicht erst seit der Coronakrise sind die PKs deswegen in Schieflage. 2019 wurden schätzungsweise sieben Milliarden Franken von den Versicherten zu den Rentenbezügern umverteilt – dies, obwohl in der PK grundsätzlich jede und jeder zusammen mit dem Arbeitgeber zunächst im "eigenen" Topf spart.

Sollten die Aktienmärkte aber auch in den nächsten Jahren schwach performen, dürfte dies deutliche Spuren bei den PKs hinterlassen. "Bei einer schlechten Konjunkturlage können wir bei der Aktienperformance schwache Resultate sehen. Auch Immobilien könnten schlechter rentieren: Dies würde die PKs klar belasten", sagt André Tapernoux, PK-Spezialist bei der Beratungsfirma Keller Experten in Frauenfeld, auf Anfrage von cash.

Deckungsgrade dürften etwas sinken

Der Kurswert der Anlagen beeinflusst das Verhältnis, in denen die Vermögen zu den Verpflichtungen der PKs stehen. Vereinfacht gesagt müssen die Vermögen idealerweise über 100 Prozent der Verpflichtungen liegen, damit gewisse Schwankungen aufgefangen werden können. 

Handelszeitung-Podcast zur Lage der zweiten Säule: 

Das müssen Versicherte über die Pensionskassen wissen

Experten nehmen als Massstab gern den ökonomischen Deckungsgrad  zur Hand. Dort spielt die sinkende Verzinsung bei den Obligationen durchaus eine Rolle, wie Hansruedi Scherer, Verwaltungsratspräsident und Partner beim Beratungsunternehmen PPCmetrics sagt: "Viele PKs haben im Bilanzstrukturmanagement auf der Verpflichtungsseite längere Laufzeiten und damit mehr Zinsrisiko als auf der Anlageseite, deswegen sind Zinssenkungen für die Summe der PKs negativ."

Die Vorsorge reagiert auf die eine oder andere Weise auf die Krise des Jahres 2020. Die wichtigsten Punkte:

  • Mit der besseren Marktperformance ist die Gefahr von Nullverzinsungen der angesparten Guthaben in den PKs zunächst geringer geworden: Wäre die Rendite für 2020 bei -7 Prozent, würde die Lage anders aussehen als bei einer Nullrendite. Allerdings: "Dieses Jahr wird ein grosser Teil der PKs nur den BVG-Mindestzins von 1 Prozent anwenden. Eine Bonusverzinsung wird es nur bei Kassen geben, die einen einigermassen stabilen Deckungsgrad erwarten", sagt PK-Experte Tapernoux. Eine hohe Unsicherheit, wie sie wegen der Coronaviruskrise herrsche, habe bei den PKs generell eine grosse Vorsicht ausgelöst.

Der Mindestzins gemäss dem Gesetz über die berufliche Vorsorge (BVG), der politischen Grundlage für die PKs, ist in den vergangenen Jahren trotz guter Finanzmarktperformance stetig gesunken. 2009 hatte er bei 2 Prozent gelegen und wurde später weiter gesenkt. Seit 2017 liegt er bei 1 Prozent. Im vergangenen August schlug die BVG-Kommission dem Bundesrat für 2021 einen Mindestzins von 0,75 Prozent vor.

Umwandlungssatz: Es geht nur nach unten

Die Umverteilung von den Versicherten zu den Neurentnern wird seit Jahren mit einer Senkung der Umwandlungssätze entgegengewirkt. Treiber dieser Entwicklung sind die tiefen Zinsen, die älter werdende Bevölkerung, aber auch der Reformstau im ganzen PK-Wesen.

Beim Umwandlungssatz wird der obligatorisch versicherte Teil des Lohns von 21'330 bis 85'320 Franken mit 6,8 Prozent in eine Rente umgerechnet. Pro 100'000 Franken Alterskapital werden pro Jahr 6800 Franken ausbezahlt. Im Überobligatorium, also bei Lohnanteilen über 85'320 Franken, können die PKs einen anderen Satz anwenden. So bekommen die meisten beim Rentenantritt einen deutlich tieferen Umwandlungssatz als 6,8 Prozent.

  • PKs teilen ihren Versicherten mit, dass für Renten im Jahr 2020 beispielsweise noch ein Umwandlungssatz von 4,9 Prozent gilt, dieser aber jährlich um 0,1 oder 0,125 Punkte sinkt. Wer 2026 die Pension antritt, kommt dann noch auf 4,3 Prozent. Dies heisst: Künftige Rentnerinnen und Rentner werden beim Umwandlungssatz stark getroffen. 
  • Dieser Trend läuft auf breiter Front, und eine Umkehr ist absolut nicht absehbar. Dazu Vorsorgeexperte Scherer: "Von Umwandlungssätzen zwischen 6,8 und 4,0 Prozent sieht man alles. Der Trend zur Senkung besteht schon lange und verläuft kontinuierlich." Die Geschwindigkeit der Senkung der Umwandlungssätze sei aber limitiert. Bei zu starken jährlichen Senkungen würde ein Frühpensionierungs-Effekt entstehen. "Mehr als 0,125 Prozent pro Jahr geht bei den meisten PKs nicht."

Sanierungsbeiträge bei schwachen PKs möglich

Wenn der technische Deckungsgrad unter 90 Prozent fällt, müssen die Kassen in der Regel Sanierungsmassnahmen ergreifen. Eine PK, die saniert werden muss, wird wohl eine Senkung der Verzinsung und des Umwaldungssatzes ins Auge fassen. Allerdings müssen auch die Versicherten je nach Situation mit Sanierungsbeiträgen gerade stehen. Finanziell saniert werden kann auch durch Mittel der Arbeitgeber, zu einem bestimmten Grad ist gar die Einforderung von Beiträge von den Rentnern möglich.

  • Im Moment sind Sanierungsbeiträge auf breiter Front nicht absehbar. Es verhält sich ein bisschen wie in der Wirtschaft generell: Unternehmen, die schon vor der Krise wacklig waren, sind von der Krise noch mehr in Schwierigkeiten geraten. Bei PKs, die schon vor der Krise stark unterdeckt waren, dürfte sich die Lage mit der Zeit noch verschärfen. 

Ausschlaggebend ist die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist vor allem auch die konjunkturelle Lage. Die Zahlen des Staatsekretariats für Wirtschaft Seco sind zuletzt weniger schlimm ausgefallen als befürchtet. Angespannt bleibt die Lage dennoch.

  • Höhere Arbeitslosigkeit kann dazu führen, dass weniger Versicherte mehr Rentenbezüger finanzieren müssen. Dies verstärkt allenfalls die Schieflage der PKs. Noch aber ist keine Massenarbeitlosigkeit in der Schweiz absehbar.

Die Erholung der Wirtschaft ist aufgrund der Entwicklung der vergangenen Wochen wieder in Gefahr. Der Grund sind massiv ansteigende Fallzahlen bei den Coronavirus-Infektionen, eine anziehende Positivitätsrate bei den Tests und eine wachsende Anzahl von Spitaleinweisungen. Je nachdem, ob ein neuer Lockdown kommt – dieser kann kurz, lang, mild oder streng sein – wird sich die Konjunktur anders entwickeln. Und die Lage ist dieser Tage schwer vorhersagbar.