Brexit-Verhandlungen - Londoner Banken haben Sorgen wegen der EU-Börsenäquivalenz

Die Gefahr eines «No-Deal-Brexit» ist nicht gebannt: Banken in Grossbritannien sorgen sich um einen reibunglosen Zugang zum EU-Finanzmarkt. Mit der Schweiz haben die Briten schon Vereinbarungen getroffen.
08.08.2020 20:10
Von Melanie Loos
Blick durch das Londoner Geschäftsviertel in Southwark auf die Tower Bridge.
Blick durch das Londoner Geschäftsviertel in Southwark auf die Tower Bridge.
Bild: unsplash.com

Grossbritanniens Banken werden in Zukunft keinen ungehinderten Zugang zu den Finanzmärkten der Europäischen Union haben, wenn am 31. Dezember die Übergangsfrist für den Brexit endet. Denn Brüssel will ihre Tätigkeit innerhalb der EU aus der Londoner City heraus einschränken. 

Für die Banken ist das ein Problem: In der EU haben sie ihre grössten Kunden, das Geschäft umfasst laut der Nachrichtenagentur "Reuters" umgerechnet 31 Milliarden Franken im Jahr. 

Grösster Finanzplatz Europas

Experten rechnen zwar damit, dass London weiterhin der grösste Finanzplatz Europas sein wird, denn der milliardenschwere Devisenhandel und das Derivate-Clearing bleiben in der City. Doch Brüssel will andere Geschäfte auf den Handel innerhalb der EU beschränken. 

Noch verhandeln Grossbritannien und die EU über die künftigen Beziehungen. Derweil schwindet die Hoffnung der Finanzindustrie auf eine umfassende Einigung bis Ende des Jahres, wie "Reuters" berichtet. Die wichtigste Frage dabei: ob Brüssel die britischen Finanzvorschriften als "gleichwertig" anerkennt. Grossbritannien pocht auf eine unkomplizierte Regelung.

Kürzlich sagte die EU jedoch, Banken in London dürften künftig keine Grosskunden-Geschäfte mehr für Investoren aus der EU tätigen. Die City müsste dann noch mehr ihrer Aktivitäten auf den europäischen Kontinent verlagern.

No-Deal-Szenario ist möglich

Da dies bis Anfang 2021 möglich ist, müssten sich die Londoner Banken auf ein No-Deal-Szenario einstellen, sagen Experten. Erste Banken reagieren bereits: ING und BNP Paribas haben angekündigt, dass sie mehr Handelsjobs aus London verlagern werden. Die französische Bank will 400 neue Stellen in der EU schaffen.

Laut dem Think-Tank New Financial haben bisher rund 330 Finanzunternehmen Teile ihres Geschäfts von Grossbritannien in die EU verlagert. Davon betroffen waren 5000 Mitarbeitende.

Auch die Bank of England warnte jüngst davor, dass der grenzüberschreitende Bank- und Derivatehandel ab Januar unterbrochen werden könnte, selbst wenn man sich auf eine Äquivalenz in anderen Bereichen einigen würde. 

Börsenäquivalenz steht auf dem Spiel

Eine weitere grosse Unbekannte ist die Frage, ob europäische Investoren in der EU kotierte Aktien weiterhin auf den in London betriebenen Plattformen handeln können. Eine endgültige Entscheidungen über die Äquivalenz wird erst dann erwartet, wenn ein umfassenderes Freihandelsabkommen ausgearbeitet ist – bis Ende des Jahres scheint dies derzeit unwahrscheinlich.

Die EU will den Finanzdienstleistern aus dem Vereinigten Königreich nur Zugang zum europäischen Kapitalmarkt gewähren, wenn es in ihrem eigenen Interesse sei. Umgekehrt muss auch Grossbritannien entscheiden, welchen Zugang EU-Firmen zu seinen Finanzmärkten haben werden. 

Schweiz und UK wollen Abkommen

Allerdings wartet das britische Finanzministerium ab, bis die EU sich in Sachen Äquivalenz positioniert. Die Branche jedenfalls müsse sich laut Bankenlobby UK Finance vorerst nur auf minimalistische Regelungen einstellen und entsprechende Vorkehrungen treffen. 

Die Schweiz ist der EU einen Schritt voraus: Jüngst unterzeichneten Finanzminister Ueli Maurer und der britische Schatzkanzler Rishi Sunak eine Erklärung mit dem Ziel eines Abkommens. Beide Länder wollen gegenseitig ihre Finanzmarktregulierungen anerkennen und den grenzüberschreitenden Marktzugang für Finanzdienstleistungen ermöglichen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf HZ.ch unter dem Titel «Die Londoner City steht vor dem Brexit-Chaos».