cash-Interview - Tobias Straumann: «Die prägendste Folge des Coronavirus ist ein dramatischer Anstieg des Schuldenbergs»

Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann kritisiert im cash-Interview das Zögern der Politik bei den Corona-Lockerungen. Er glaubt dennoch an eine rasche Erholung der Wirtschaft und lobt die Notenbanken.
04.05.2020 07:10
Interview: Henning Hölder
Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich.
Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich.
Bild: ZVG

cash.ch: Kritiker sagen, wir zerstören mit dem Lockdown unsere Wirtschaft und richten noch grösseren Schaden an. Haben sie recht?

Tobias Straumann: Ich finde, wir haben genug getan, um die Pandemie einzudämmen. Die Diskussion, ob wir jetzt lockern müssen oder nicht, erübrigt sich. Wir haben schlicht und einfach keine Wahl. Wir müssen jetzt einen Weg finden, die Wirtschaft wieder zum Laufen bringen, ohne dass die Ansteckungen wieder hochschnellen. Ein noch längerer Lockdown wäre absolut verheerend.

Nun kommen ja die ersten Lockerungen in der Schweiz.

Ja, aber das hätte viel früher schon passieren müssen. Ich war schon immer der Meinung, dass man die Wirtschaft relativ schnell hätte öffnen können. Ende März war bereits zu beobachten, dass die Infektionsrate stark zurückgegangen ist. Spätestens am 20. April hätte man öffnen können. Wir haben drei Wochen verloren, die sehr kostspielig waren. Die prägendste Folge des Virus wird nicht eine beschleunigte Digitalisierung sein. Diese findet ohnehin statt. Sondern ein dramatischer Anstieg des Schuldenbergs.

Die Regierung hat offenbar Vorsicht walten lassen und wollte kein Risiko eingehen.

Das war völlig richtig, aber ich habe nicht verstanden, warum man ab Mitte April auf Zeit gespielt hat. Es wurde bisher kein einziges Leben leichtsinnig verspielt. Die Bekämpfung der Pandemie hat ja sehr gut funktioniert. Die Ansteckungsrate ist deutlich runter gegangen. Das Gesundheitssystem kam nie an seine Grenzen.

Die Regierung will um jeden Preis verhindern, dass es zu einem zweiten Lockdwon kommt.

Die Angst vor einem zweiten Lockdown ist verständlich. Aber noch mal: Wir haben keine andere Wahl, als die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. Viele Politikerinnen und Politiker scheuen sich, Risiken einzugehen, weil sie scheitern können. Der Lockdown war so gesehen natürlich bequem.

Jetzt braucht es unbequeme Entscheidungen?

Wir sind jetzt in einer Phase, in der sich zweifellos schwierigere Fragen stellen. Doch die Politik muss sich diesen stellen. Vieles von der Rhetorik, dass die Gesundheit prioritär sei, halte ich für reine Ablenkungsmanöver. Niemand bestreitet dies, es geht jetzt vielmehr um eine neue Phase in der Eindämmung der Pandemie.

In letzter Zeit werden häufig Parallelen zur Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre gezogen. Ist dieser Vergleich haltbar?

Nein, das ist er nicht. Die grosse Depression war eine viele Jahre anhaltende Krise, die durch eklatante geldpolitische Fehler verursacht wurde. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass in der jetzigen Corona-Krise, so kostspielig sie auch ist, die Gegenbewegung im Mai oder Juni einsetzen wird. Spätestens im zweiten Halbjahr wird die wirtschaftlich schon wieder viel besser aussehen.

Bei den vielen Horror-Prognosen über kurzfristige Wirtschaftseinbrüche wird oft beiläufig erwähnt, dass für 2021 Wachstumsraten von 6 Prozent oder mehr erwartet werden. Das klingt doch eigentlich gut, oder?

Es ist in der Tat eigenartig, wie beispielsweise die IWF-Prognose in der Öffentlichkeit als Katastrophe verkauft wurde. In der Pressekonferenz fiel auch das Schlagwort "grösste Krise seit der Depression", welches sofort überall aufgenommen wurde. Aber wenn man sich die Prognosen genauer anschaut, sieht man, dass sie eigentlich recht optimistisch sind. Auffällig ist, dass sie dem wirtschaftlichen Verlauf nach der Finanzkrise sehr ähneln. Damals hatte der IWF den Aufschwung noch total unterschätzt.

Man hat also aus der Finanzkrise gelernt?

Damals herrschte das Gefühl, dass so viel kaputt gegangen sei, dass die Erholung ewig dauern müsste. Die Gegenkräfte wurden massiv unterschätzt. Es besteht eine grosse Chance, dass die jetzige IWF-Prognose von knapp sechs Prozent Weltwirtschaftswachstum im nächsten Jahr eintrifft. Auch weil die Schäden damals grösser waren als heute. Immerhin war damals das ganze Finanzsystem kaputt.

Ist das auch der Grund für die Turbo-Erholung an den Börsen? Im März dachte man ja beim Blick auf die Aktienmärkte, die Welt gehe unter.

Bei der Finanzkrise kam die Wende im Frühling 2009. Der Startschuss für die Gegenbewegung war damals die Erkenntnis, dass die Rettungsmassnahmen der neuen US-Regierung funktionierten – ebenso wie die geldpolitischen Massnahmen. Auch wenn es heute falsch wäre, einen weiteren Einbruch auszuschliessen, ist auch die Gegenbewegung der letzten Wochen an den Märkten durchaus rational gewesen.

Inwiefern?

Erstens merkte der Markt sehr schnell, dass die weltweiten Lockdowns zu dramatischen Rückgängen der Infektionsraten führten. Das konnte man Mitte März bereits beobachten. Zweitens hat sich vor allem das Fed wider Erwarten als sehr handlungsfähig erwiesen. Die Angst, dass Powell der Situation nicht gewachsen wäre, hat sich zwar zunächst bestätigt…

… mit einer überhasteten Zinssenkung verunsicherte er die Märkte.

Da merkte man, er hat den Ernst der Lage noch nicht ganz verstanden. Doch er hat sehr schnell gelernt und geldpolitische Lockerungen vollzogen. Für die EZB gilt ähnliches. Drittens kam es im US-Kongress bei der Verabschiedung von Milliarden-Hilfs-Paketen zu einem nicht unbedingt erwartbaren Schulterschluss zwischen Demokraten und Republikanern. Das war so etwas wie die Krisenwende.

Trotzdem: Beunruhigt Sie das Tempo der Erholung an den Märkten nicht?

Im Gegenteil: Es macht mich optimistisch, denn bei der Finanzkrise ging es sechs Monate nur abwärts, bis die Wende kam, diesmal nur ein paar Wochen. Die entscheidende Frage ist aber eine andere: Wie lange wirkt sich diese Krise auf die Realwirtschaft aus? Richtig dramatisch war es eigentlich nur im März und im April – also während zwei Monaten. Das sollte zu reparieren sein, auch wenn der Einbruch historisch beispiellos ist.

Derzeit wird gerne das Model einer V-, U-, W-, oder L-förmigen Erholung herangezogen. Was ist Ihre Prognose?

Jetzt in der ersten Phase werden wir eindeutig eine V-förmige Erholung sehen. Aber diese hält natürlich nicht durchgehend an, bis wir wieder das alte Niveau erreicht haben. Ich glaube eher, vereinfacht ausgedrückt, die ersten 50 Prozent der Erholung verläuft V-förmig. Danach verlangsamt sich der Aufschwung.

Also ein V mit Knick.

So kann man es sagen. Das war 2009 übrigens ähnlich. Vieles, was sich beim Konsum aufgestaut hat, wird jetzt nachgeholt werden. Wenn die erste rasche Erholung mal abgeschlossen ist, wird entscheidend sein, dass die Wirtschaft durchhält und sich kein Pessimismus breit macht wegen der schleppenden Erholung.

In der Corona-Krise sind die Notenbanken mal wieder gefragt. Sie pumpen «so viel wie nötig» Liquidität in die Märkte. Wie oft funktioniert «whatever it takes» eigentlich noch?

Es heisst ja schon länger immer mal wieder, das Pulver der Notenbanken sei verschossen. Das Gegenteil ist richtig: Das Pulver ist noch längst nicht verschossen. Die Notenbanken haben noch immer viele Mittel. Zur Erinnerung: In der Krise ist es ja nicht die Aufgabe der Notenbanken, das Wachstum ankurbeln. Wachstumspolitik von Notenbanken – wie etwa die Einführung von Negativzinsen, welche Banken dazu bringen sollte, mehr Kredite an Firmen zu vergeben, damit diese mehr investieren – hat ohnehin noch nie funktioniert.

Aber?

Die ureigene Aufgabe der Geldpolitik ist es, die Finanzmärkte zu stabilisieren. Diesen Auftrag erfüllt sie sehr gut und hier gibt es eigentlich auch keine Limite. Im Gegenteil. Dass das Fed den Notenbanken von Schwellenländern Geld geliehen hat, war entscheidend, um eine Welt-Finanzkrise zu verhindern. Die sogenannte Geldflut der Notenbanken ist zentral für das Überwinden der Krise. Ohne die Fed wären wir schon lange in einer viel schlimmeren Situation. Als Krisenmechanismus ist eine expansive Geldpolitik absolut unverzichtbar.

Und die Schweizerische Nationalbank?

Die Unterstützung des Bankensystems ist wichtig, was auch passiert. Das Zweite ist das Management des Wechselkurses, der nicht kurzfristig allzu schnell in die Höhe schiessen sollte. Die Exportindustrie hat es momentan schwer genug.

Wie müssen sich die Notenbanken nach der Krise positionieren?

Sie müssen zur alten Bescheidenheit zurückkehren und einsehen, dass Wachstumspolitik nicht die Aufgabe der Notenbanken ist. Das müssen nicht zuletzt auch die Regierungen einsehen. Zudem müsste der negative Einlagensatz der EZB endlich mal abgeschafft werden. Das würde das Bankensystem letzten Endes stärken. Wegen ihm müssen Finanzinstitute ja jährlich Milliarden-Beträge abführen, was ihre Eigenmittel reduziert. Der Einlagensatz müsste auf Null angehoben werden. Das wäre verkraftbar.

Führt der Corona-Schock zu einer Beschleunigung der Deglobalisierung? Mancherorts wird bereits eine Renationalisierung von Lieferketten diskutiert.

Kurzfristig wird das kaum passieren. Schon allein, weil das Überleben der Unternehmen davon abhängt, dass die alten Lieferketten schnell wieder repariert und genutzt werden können. Man kann nicht innerhalb von kurzer Zeit eine Krise bewältigen und sein ganzes Geschäftsmodell auf neue Lieferketten ausrichten. Das würde viele Firmen überfordern.

Trotzdem scheint der Trend in diese Richtung zu gehen.

Das stimmt, aber es ist vieles noch unklar. Die Abhängigkeit von China ist mittlerweile so gross, dass man nicht einfach rausgehen kann, auch wenn es wünschenswert wäre. Sich neu zu positionieren, ist letzten Endes eine Kostenfrage. China hat diesbezüglich eben schon enorme Vorteile, auf die man dann verzichten würde.

Wird das irgendwann der Fall sein?

Langfristig haben wir einen Systemwettbewerb, der mit dem Kalten Krieg vergleichbar ist. Insbesondere die USA werden darauf drängen, dass der Westen sich stärker von China abgrenzt. Aber das ist ein langsamer Prozess.

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker und Titularprofessor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Zudem lehrt er am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel. Er forscht vor allem über die europäische Geld- und Finanzgeschichte sowie über die Wirtschaftsgeschichte und -politik der Schweiz.