Christa Janjic-Marti - «China ist an vielen Stellen geschwächt»

Angst vor einem Wirtschafts- oder Aktiencrash in China hat Christa Janjic-Marti im Moment nicht. Die Asienexpertin nennt im Interview mit cash aber Punkte, wo die Grossmacht im Fernen Osten verwundbarer geworden ist.
03.09.2018 22:30
Interview: Marc Forster
Christa Janjic-Marti ist Head Investment Services bei Wellershoff & Partners.
Christa Janjic-Marti ist Head Investment Services bei Wellershoff & Partners.
Bild: ZVG

Von aussen betrachtet mehren sich die Probleme Chinas. Die Führung des Landes scheint verunsichert, die Konjunktur läuft nicht mehr so rund, und in den Schlagzeilen ist das Land nach wie vor wegen des Zollstreits mit den USA. Deutlich werden die Probleme des fernöstlichen Grossreiches unter anderem angesichts von rapide gesunkenen Aktienkurse. Der Shanghai Composite Index hat seit Anfang Jahr über ein Fünftel seines Werts verloren.

Manche sprechen daher schon von einem "schleichenden Crash" in der zweitgrössten Wirtschaftsmacht der Erde. Im Gespräch mit cash.ch sagt Christa Janjic-Marti von Wellershoff & Partners, ob dies ihrer Meinung nach zutrifft. Die Asienexpertin sagt, wo die grossen wirtschaftlichen und wirtschaftspolitischen Herausforderungen des Landes liegen.

cash: An Chinas Aktienmarkt sinken die Kurse, am US-Markt steigen sie immer noch – sind das deutliche Anzeichen für eine Schwäche Chinas?

Christa Janjic-Marti: Die Wirtschaftszahlen in China liefern klar einen Grund für diese Entwicklung. Die Wirtschaft verliert schon seit Anfang 2017 an Schwung. Die Gewinne von kotierten wie auch nicht kotieren Unternehmen gehen zurück. In den USA hingegen sehen wir ja einen massiven Anstieg der Unternehmensprofite.

Sie sagen, die Wirtschaft verliere an Schwung. Droht nun ein 'schleichender Crash'?

Die monatlich veröffentlichten Zahlen zur Industrieproduktion sind natürlich nicht so akkurat, wie wir uns das wünschen. Wenn man indessen die Produktionsvolumen der verschiedenen Sektoren überprüft, ergibt sich ein relativ schwaches Bild. Aber wir sehen nicht, dass diese Firmen im grossen Stil Verlust machen. Auch wenn die Börse von Shanghai seit dem Höchststand 20 Prozent verloren hat und China in einen Bärenmarkt eingetreten ist - für einen Crash wie 2015 sind die wirtschaftlichen Gründe aus heutiger Einschätzung nicht vorhanden. Ganz zu schweigen von der Bewertung: der Shanghai Aktienindex liegt heute 50 Prozent unter dem Niveau von Juni 2015.

Welche Rolle spielen andere Sektoren als die Industrie?

Der Bausektor macht in China den Zyklus aus. Wenn sich die Wirtschaft abschwächt, schwächt sich der Bausektor um das Drei- oder Vierfache ab. Dieser Hebel scheint diesmal erstaunlicherweise weniger stark zu sein. Der Bausektor hält das Wachstum eher aufrecht. Bei den Dienstleistungen ist die Lage etwas schwieriger abzuschätzen, aber man sieht, dass der Konsum eine wichtige Stütze bleibt.

Wie hält es sich mit dem Finanzsektor?

Dieser ist der Hauptgrund, weswegen wir die heutige Schwäche beobachten. Die chinesischen Firmen sind gegenüber den chinesischen Banken stark verschuldet. Das Finanzsystem ist eine der grossen Schwächen Chinas und ein Punkt, an dem das Land verwundbar ist. Seit Anfang 2017 will die Regierung das Finanzsystem wieder solider machen, und deswegen wird das Kreditwachstum zurückgefahren. Davor hatte jede Bank – aber auch Schattenbank – die Möglichkeit, mit Kreditvergaben zu wachsen.

Das heisst, das chinesische Bankensystem wird stabiler?

Die Verschuldung ist im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung nicht zurückgekommen, sondern hat sich nur stabilisiert. In den vergangenen drei bis vier Jahren ist zudem die private Verschuldung angestiegen. Nachdem die Kreditvergabe an die Firmen eingeschränkt wurde, haben die Banken vermehrt Kredite an Privatpersonen vergeben. Die Verschuldung der Haushalte ist absolut gesehen noch nicht besorgniserregend, aber deutlich höher als vor einigen Jahren.

Heisst das, dass die Banken den Vorgaben des Regimes auszuweichen versuchen?

Es gibt kaum so ein 'innovatives' Finanzsystem wie China. Die Banken selbst werden von den vier grossen Staatsbanken dominiert. Diese sind eher träge. Daneben gibt es aber einen Wildwuchs an neuen Finanzunternehmen, die aus dem Nichts entstanden sind: Internetbanken, Trusts, Broker, undsoweiter. Da kann der Regulator nur schwer mithalten.

Welches Risiko geht von den Schattenbanken aus?

China ist im Schattenbankwesen führend. Das ist immer ein Risiko. Bis vor wenigen Jahren war Chinas Bankensystem einfach gestrickt: Staatsbanken dominierten, die Ziele waren klar von der Regierung gegeben, und vor allem, die Banken vergaben an sich gegenseitig kaum Kredite. Mit dem schnell wachsenden Segment von neuen Banken und Finanzinstituten gibt es immer mehr einen Interbankenmarkt, mit allen systemischen Risiken, die das mit sich bringt. Das sind jene Risiken, die vor zehn Jahren den Ausbruch der Finanzkrise geprägt haben.

Ein Problem, das im Gegensatz zu bisher geschilderten Risiken von aussen kommt, ist der Handelskonflikt. Wie schwer ist China unter Druck?

Die chinesische Wirtschaft verliert nicht erst an Schwung, seit US-Präsident Donald Trump das Land ins Visier genommen hat. Aber man merkt immer mehr, dass Trump Chinas Rolle eindämmen will, weil er absolut davon überzeugt ist, dass China den USA schadet. Es ist geradezu seine Obsession.

Und warum ist dies gefährlich für China?

China importiert für 120 Milliarden Dollar aus den USA, exportiert aber für über 500 Milliarden in die USA. Das sind 20 Prozent der Exporte, was die USA zum grössten Handelspartner Chinas macht. Die USA hat damit den grösseren Hebel, weil sie theoretisch auf ein viel grösseres Volumen Zölle erheben können.

Hat Peking zur Bewältigung des Handelskonflikts einen Plan?

Im Moment versucht man wohl, das Ganze einfach einmal durchzustehen. China hat theoretisch gewichtige Trümpfe im Konflikt mit den USA: Die Regierung könnte US-Staatsanleihen verkaufen oder die Währung abwerten, aber das würde auch China selbst wehtun. Die Regierung scheint wenig Lust zu verspüren, diese Schüsse jetzt abzufeuern.

Aber der Ton gegenüber Washington ist ja teilweise rau, oder nicht?

Man gibt ein bisschen zurück, um das Gesicht zu wahren. Einige Zölle auf US-Waren wurden ja eingeführt. Man hofft im Allgemeinen, dass sich der Handelskonflikt nach den US-Kongresswahlen im November entspannt. Am Ende geht es aber darum, wer den längeren Schnauf hat.

Bestehen Sorgen wegen der chinesischen Währung?

In den USA steigen die Zinsen, und an sich müsste China die Zinsanstiege mitmachen: Die chinesische Währung, die über einen Währungskorb relativ stark an die USA gekoppelt ist, kommt sonst eigentlich unter Druck. Nun ist China aber wieder dabei, Kapitalverkehrskontrollen strikter umzusetzen: So lässt sich der Konnex zwischen Zinsen und Wechselkurs umgehen.

Welche Optionen hat das Regime sonst?

China versucht, sich vom Dollar zu emanzipieren. Das Land braucht 300 bis 400 Milliarden Dollar im Jahr, um von Öl über Kupfer bis Eisenerz lebenswichtige Rohstoffe zu kaufen. China ist es gelungen, beispielsweise mit Russland langfristige Gaslieferverträge zu schliessen, die in der chinesischen Währung Renminbi abgerechnet werden. Solche Initiativen gehen mit Vollgas voraus, um die Abhängigkeit von den USA zu reduzieren.

Wie verunsichert ist die chinesische Führung?

Also wir sehen: Ein verwundbares Finanzsystem, verschuldete Unternehmen, der Handelskonflikt und ein Zinsanstieg in den USA zum für China schlechtesten Zeitpunkt. Das Land ist derzeit an vielen Stellen geschwächt. Es ist am Ende aber ganz klar: Die Macht der Kommunistischen Partei Chinas basiert darauf, dass sie für den Machterhalt einen steigenden Lebensstandard sicherstellt. Wie schnell sich China vom Dollar abkoppeln kann, ist zu einer entscheidenden Frage geworden.

Christa Janjic-Marti ist Head Investment Services beim Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Die Ökonomin war davor für die UBS über zwölf Jahre lang für Anlagestrategien in Schwellenländern tätig und arbeitete unter anderem in Zürich, Singapur und London.