Corona-Krise - «Ich rechne im Welthandel mit einem grösseren Einbruch als 2009»

In der Corona-Krise ziehen viele Länder wieder Handelsschranken hoch. Auch für die Schweiz ist diese Entwicklung gefährlich, sagt Simon Evenett, Handelsökonom und Professor an der Universität St. Gallen.
12.04.2020 10:00
Interview Melanie Loos und Seraina Gross
Ein Frachtschiff von Maersk aus Kopenhagen, der grössten Reederei der Welt.
Ein Frachtschiff von Maersk aus Kopenhagen, der grössten Reederei der Welt.
Bild: ZVG

Wie sehr leidet der internationalen Handel unter der Corona-Pandemie?

Simon Evenett: Wir sehen einen Zusammenbruch der internationalen Transportsysteme, vor allem der Luftfracht. Auch die Kapazitäten der Häfen sind deutlich reduziert, das wirkt sich auf die grenzüberschreitenden Handelsströme aus. Die Lieferketten in lebensnotwendigen Sektoren wie Nahrungsmittel und Landwirtschaft funktionieren noch weitgehend, aber in der Industrieproduktion gibt es einen starken Einschnitt.

Wie stark wird der Handel einbrechen?

Ich rechne mit einem grösseren Einbruch als 2009 während der Finanzkrise.

Damals ging der Handel um 13 Prozent zurück.

In diesem Jahr dürfte es doppelt so viel sein. Es gibt zwar noch keine offiziellen Zahlen, klar ist aber: Einen derartigen Zusammenbruch der Transportinfrastruktur gab es noch nie.

Lässt sich das Ausmass mit früheren Krisen vergleichen?

Nein, zumindest nicht in unserer Lebenszeit. In der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahr war der Einbruch sicher noch grösser – und ich glaube auch nicht, dass es so gravierend sein wird. 

Ist der internationale Handel heute überhaupt vergleichbar mit früher, durch die Globalisierung sprechen wir heute von ganz anderen Dimensionen?

In absoluten Zahlen ist das richtig. Aber es gibt durchaus Parallelen: Gemessen an der Grösse der nationalen Volkswirtschaften war der Welt auch schon vor 1940 sehr globalisiert. Die interessante Frage wird nun sein, ob der aktuelle Zusammenbruch wirklich eine Grössenordnung erreicht wie in den 1930ern – ich denke nicht.

Warum?

Damals dauerten die Krise und der darauffolgende Einbruch des Welthandels mehrere Jahre an, derzeit geht niemand davon aus, dass die Corona-Krise zwei bis drei Jahre andauern wird – noch nicht. Bisher gehen wir ja davon aus, dass sich die globale Wirtschaft V-förmig entwickelt, sprich nach einem kurzen Einbruch sich in der zweiten Jahreshälfte oder Anfang 2021 wieder erholt. 

Viele Regierung haben in der Corona-Krise Exportbeschränkungen eingeführt. Welche sind am gravierendsten?

Dabei muss man zwischen zwei Arten unterscheiden. Erstens, bei Medizingütern und Medikamente werden die Massnahmen der EU, Indiens und der USA den Handel am stärksten einschränken, da sie einen Grossteil dieser Güter herstellen. Zweitens, bei den Nahrungsmitteln hat bisher nur Russlands Exportverbot, vor allem für Weizen, weltweite Auswirkungen – und wird voraussichtlich zu steigenden Preisen führen. 

Erwarten Sie weitere Exportbeschränkungen für Nahrungsmittel?

Das lässt sich nur schwer vorhersagen, denn erst in den vergangenen Wochen haben einzelne Länder die ersten Exportverbote ausgesprochen und sie dann teilweise wieder zurückgezogen. Bisher sehen wir aber noch keine systemische Gefahr wie etwa bei den Medizingütern. Das heisst aber nicht, dass sich die Lage auch bei Lebensmitteln noch zuspitzen könnte.

Besteht die Gefahr, dass es zu einer protektionistischen Welle kommt?

Hier gibt es zwei Antworten: Dass Länder ihre Zölle anheben wie in den 1930er Jahren, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Denn Zölle sind ja kein Mittel, um Unternehmen in dieser schwierigen Situation schnell genug zu helfen. Doch Exportbeschränkungen werden zunehmen, bei den Medizinalgütern sind sie bereits Realität, bei den Nahrungsmitteln werden sie womöglich kommen.

Big Government ist zurück. Wir erleben gerade ­staatliche Eingriffe in die Wirtschaft in historischem Ausmass. Was ist gefährlicher: der Einbruch der ­Weltwirtschaft oder die Interventionen der Politik?

Für die Unternehmen stellen die politischen Massnahmen das grössere Risiko dar. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Regierungen in einer so stressbeladenen Zeit wie der aktuellen Entscheidungen treffen, die sorgfältig durchdacht sind.

Was befürchten Sie?

Ich habe nichts dagegen, wenn Regierungen schauen, dass Jobs nicht verloren gehen. Meine Sorge ist, dass diese Krisenhilfe nicht zurückgefahren wird; dass ­Unternehmen auch nach der Krise noch von staat­lichen Beihilfen profitieren werden, um sie gegenüber ihren ausländischen Wettbewerbern zu bevorteilen.

Bereits wird vor allem in Europa die Forderung laut, die Pharmaproduktion wieder «nach Hause» ­zurückzuholen. Was bedeutet das für die Schweiz als zweitwichtigsten Pharmastandort weltweit?

Es besteht in der Tat die Gefahr, dass grosse Player wie die USA oder die EU die Wertschöpfung wieder näher zu sich zu holen versuchen. Die interessante Frage wird sein, ob es darauf hinausläuft, dass auch Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in den jeweiligen Jurisdiktionen stattfinden müssen, was in der Tat eine grosse Gefahr darstellen könnte. Dazu muss man sagen, dass die grossen Schweizer Pharmaunternehmen bereits heute einen umfangreichen Footprint in den USA haben, sodass es hier wohl nicht zu einer grossen Veränderung käme. Aber die Gefahr besteht, dass es zu einem gewissen Shift kommt – mit dem ­Risiko, dass viele hochqualifizierte und gut bezahlte Jobs aus der Schweiz abgezogen werden könnten.

Die internationalen Wertschöpfungsketten sind heute extrem komplex, selbst für simple Güter des täglichen Bedarfs braucht es oft das Zusammenspiel von ­Dutzenden von Akteuren. Wird die Krise dazu führen, dass man hier nochmals über die Bücher geht?

Ja, aber nicht nur wegen der aktuellen Krise. Dieser Prozess ist bereits im Gange. Schon im Zuge des Handelsstreits zwischen den USA und China ist bei vielen Wirtschaftsführern das Bewusstsein für die politischen Risiken gewachsen. Heute wird in vielen Unternehmen nach Wegen gesucht, die internationalen Lieferketten zu verkürzen und so zu gestalten, dass sie weniger anfällig sind für Störungen.

Sollte dabei die Politik eine Rolle spielen?

Nein, das sollten rein unternehmerische Entscheidungen sein. Industriepolitik oder der Ruf nach ­Autarkie mögen vielleicht bei einigen Wählern ankommen oder auf Twitter gut klingen. Doch wenn sie tatsächlich politisch umgesetzt werden, dann sind sie eher schädlich.

Was bedeutet diese Verkürzung der Wertschöpfungsketten für Wohlstand und Wachstum?

Auf den Wohlstand wirkt sich das sicher aus, denn die internationalen Lieferketten haben dazu geführt, dass sich bestimmte Länder auf die Herstellung gewisser Güter spezialisiert haben. Wenn dies nun bis zu ­einem gewissen Grad wieder rückgängig gemacht wird, dann werden viele Produkte teurer werden. Ob dies zu mehr Ungleichheit führen wird, hängt davon ab, ob diese Neukonfigurierung der Wertschöpfung Pro­dukte betrifft, die von Konsumenten mit niedrigem oder von solchen mit hohem Einkommen gekauft ­werden.

Mit den Exportbeschränkungen bei den Medizinal­gütern schneiden sich die Regierungen gegenseitig von lebenswichtigen Gütern ab. Was bedeutet das für die internationale Zusammenarbeit?

Die internationale Zusammenarbeit erleidet gerade einen massiven Rückschlag und ich denke, es wird uns zehn oder zwanzig Jahre kosten, bis wir uns von dem, was nun passiert, wieder erholt haben. Dabei treten die schlimmsten Formen von Verhalten zutage: Wenn man sieht, wie die Regierungen miteinander um Medizinalgüter wetteifern, wird sich das, so fürchte ich, negativ auf das gegenseitige Vertrauen und auf den Willen zur Zusammenarbeit auswirken.

Welche Wege gibt es, dass die Regierungen aus der Logik des sich gegenseitig Schadens ausbrechen können?

Ein einzelnes Land wird hier wenig ausrichten können. Die amerikanischen Massnahmen sind, ganz ­offen gesagt, extrem. Die Medizinalgüter, welche sich die Amerikaner gerade sichern, sind ein Bruchteil dessen, was sie brauchen. Was die US-Regierung und viele andere Regierungen wissen müssen, ist: Sie können diese Probleme nicht alleine lösen. Das widerspricht zwar dem Instinkt nationaler Politiker, aber Exportbeschränkungen helfen nicht, die Pandemie einzudämmen.

Gibt es Länder, die versuchen, diese Logik zu ändern?

Die gibt es. Es begann mit einer Vereinbarung zwischen Neuseeland und Singapur, den bilateralen Handel offen zu lassen. Inzwischen sind es acht Länder, darunter zwei G20-Staaten, nämlich Kanada und Australien. Ich denke, diese Art der Bottom-up-Initiative von Ländern, die ein grosses Interesse an internationalem Handel haben, hat im Moment die besten Chancen.

Würden Sie der Schweiz empfehlen, sich dieser Bewegung anzuschliessen?

Ja, das würde ich.

Dieses Interview erschien zuerst bei handelszeitung.ch mit dem Titel: "Simon Evenett: «Autarkie klingt zwar gut, ist aber schädlich»".