Kolumne

Corona-Krise - Masken-Ball

Die chinesische Wirtschaft ist durch das neuartige Corona-Virus arg gebeutelt worden. Geboomt jedoch hat die Produktion von medizinischen Gütern. Der absolute Renner: Masken.
15.04.2020 11:25
Peter Achten, Asienkorrespondent
Masken-Ball

Die chinesischen Wirtschaftszahlen des ersten Quartals lassen auf sich warten. Doch bereits die Zahlen für Januar und Februar lassen nichts Gutes erwarten. Zwar hat die Wirtschaft seit Anfang April langsam wieder an Fahrt aufgenommen, doch die internationalen Wertschöpfungs- und Lieferketten sind der Pandemie wegen fast gänzlich unterbrochen. Chinesische wie ausländische Oekonomen prognostizieren denn fürs laufende Jahre deutlich weniger Wachstum. 

Generierte das Reich der Mitte 2019 mit 6,1 Prozent noch ein ansehnliches Wachstum des Brutto-Inlandprodukts, werden es 2020 je nach Schätzung nur noch zwischen 5 Prozent und 1 Prozent sein. Das ist für China und die gesetzten Wirtschaftsziele der allmächtigen Kommunistischen Partei keine gute Nachricht. Doch wie für Prognosen zum Corona-Virus sind, auch und gerade in "normalen" Zeiten, Wirtschaftsprognosen immer cum grano salis zu nehmen.

Doom and Gloom

Inmitten des ökonomischen Doom- und Gloom-Szenarios blüht aber ein Bereich der chinesischen Wirtschaft wie noch nie zuvor, die Produktion von medizinischen Materialien nämlich. Also Schutzkleidung für medizinisches Personal, Beatmungsgeräte, Infektionsmittel und, dies vor allem, Masken. Der Eigenbedarf ist immens, aber auch der Export ins Ausland lockt mit schönen Gewinn-Margen.

Noch Ende Januar gaben sich Amerikaner, Europäer und, nicht zu vergessen, die Schweizer sehr selbstbewusst. Gesundheitsminister Berset gab sich am World Economic Forum gelassen und sagte, man habe alles im Griff. Auch Bundesarzt Daniel Koch, von den Schweizer Medien täglich hochgejubelt, befand noch anfangs März, dass alles unter Kontrolle sei.

Nichts war unter Kontrolle, denn schon wenig später beklagten sich Spitäler über einen Mangel an Schutzausrüstung, Infektionsmitteln und Masken. Selbst Medikamente wurden knapp. Und das in einem der teuersten und nach Selbsteinschätzung besten Gesundheitssysteme der Welt.

Amnesie

Man darf sich zu Recht fragen, was Gesundheitsminister Berset und die beamteten Aerzte des Bundesamts für Gesundheit in den letzten Monaten und Jahren gemacht haben. Die Warnung vor einer neuen Corona-Epidemie durch chinesische und amerikanische Wissenschaftler zwischen März und Oktober 2019, um nur ein Beispiel zu nennen, sind offenbar nicht zur Kenntnis genommen worden.

Man darf auch auf die Begründung gespannt sein, wenn Berset und Koch demnächst bekannt geben werden, dass bei einer Lockerung des freiwilligen Hausarrests Masken empfohlen werden. Koch betont ja seit Wochen, wie unnütz Masken für den Normalbürger seien, obwohl das Bundesamt für Gesundheit noch 2018 der Meinung war, Maskentragen bringe durchaus etwas. Amnesie auf Bürokratensesseln also.

Die Nützlichkeit von Masken ist medizinisch tatsächlich nicht zweifelsfrei bewiesen, jedoch auch nicht widerlegt. Grosse, mittlere und kleinere Länder Asiens haben das Virus jedenfalls relativ schnell in den Griff bekommen. Fast überall herrscht Maskenpflicht. Die Epidemiologen, Virologen und Aerzte in China, Japan, Vietnam, Hong Kong, Singapur oder Südkorea liegen offenbar nach Ansicht der arroganten Amerikaner, Europäer und Schweizer alle falsch.

Flexibel und innovativ

Doch Schutzanzüge, diagnostische Tests, Beatmungsgeräte und vor allem Masken importiert man jetzt aus China noch so gern. Die flexiblen und innovativen chinesischen Unternehmer lassen sich nicht zweimal bitten. Innerhalb von wenigen Wochen haben sich seit Januar die Maskenproduzenten vervielfacht. Textilfirmen, unter anderem Socken- und Windelfirmen, haben sofort umgestellt.

Aber auch Grossunternehmen wie Apple-Fertiger Foxconn oder BYDAuto – Marktführer in Elektroautos – produzieren jetzt Masken. BYD allein fünf Millionen pro Tag.  Das kantonesische Grossunternehmen für Windeln und Damenbinden Guangzhou Xingshi Equipments hat sofort in die Herstellung von medizinischen N95- und FFP3-Masken investiert und betreibt jetzt eine vollautomatische Produktion mit einer Kapazität von 1,4 Millionen Masken pro Tag.

Strenge Qualitätskriterien

Insgesamt sind in China derzeit rund 3'000 Unternehmen in der Maskenproduktion tätig. Der chinesische Zoll erhöht deshalb die Kontrollen, denn für den Export sind strenge Qualitätskriterien zur Zertifizierung zu erfüllen. Wie streng die Export-Kriterien sind, zeigt folgende Aufstellung: vom 1. bis zum 12. April sind zurückgewiesen worden 31,65 Millionen Masken, 509'000 Schutzanzüge, 1,19 Millionen Diagnose-Tests, 677 Beatmungsgeräte und 46'000 Infrarot-Fiebermesser.

Heute ist China weltweit der grösste Exporteur und Hersteller von Masken. Anfang Februar lag die Kapazität bei 20 Millionen Stück pro Tag. Heute sind es täglich 120 Millionen. Chen Hongyan, Generalsekretär der Abteilung für Medizinbedarf des Verbandes Chinesischer Arzneimittel-Hersteller, umschreibt den Maskenboom so: "Vor dem Ausbruch der Coronavirus-Epidemie produzierte China die Hälfte aller Gesichtsmasken auf der Welt. Seit der Pandemie ist die Produktion um das Vielfache angestiegen".

Gin, Tonic und Masken

Auch die Schweiz deckt sich mit Masken aus dem Reich der Mitte ein. In den kommenden Wochen und Monate sind vermutlich zig-Millionen nötig. Innovativ und flexibel ist man nicht nur in China sondern auch in der Schweiz. Nationalrätin, Masken-Vorkämpferin und Ems-Chemie-Chefin Magdalena Martullo-Blocher hat zum Beispiel 600'000 Masken importiert, um sie an Coiffeure und Coiffeusen zum Preis von 90 Rappen pro Stück abzugeben.

Dabei macht Frau Martullo nicht, wie da und dort gemunkelt worden ist, einen Gewinn. Denn in China werden Masken für zwei bis vier Yuan pro Stück in Peking oder Shanghai verkauft (umgerechnet 27 bis 55 Rappen), dazu kommen Frachtkosten und Umtriebe.

Schnell hat laut "Blick" auch Alexander Curiger gehandelt. Der drinks.ch-Gründer, sonst zuständig für Gin and Tonic, hat bereits 2,6 Millionen Masken aus China importiert. Curiges Business-Plan: Import pro Woche von ein- bis zweimal 3,5 Millionen Masken. Eine Packung mit zehn oder fünfzig Stück soll pro Maske 80 Rappen kosten. Zu hoffen ist, dass auch das Bundesamt für Gesundheit aus China importiert.

Etwas teurer

Designer-Masken sind da schon etwas teurer. Die seit zwei Jahrzehnten in Peking arbeitende, international renommierte deutsche Mode-Entwerferin Kathrin von Rechenberg hat aus chinesischer Tee-Seide, Silbergewebe und Seide in ihrem Atelier in der Nähe der Verbotenen Stadt einen effizienten, schönen Mundschutz kreiert. In dunkelbraun und dunkelblau gehalten ist er mit einem PM2.5-Filter ausgestattet. Das ist nicht N95- oder FFP3-Standard, aber effektiver als die üblichen Wegwerf-Masken.

Von Rechenbergs Designer-Masken können zweihundertmal gewaschen werden, haben aber einen stolzen Preis von 120 Euro. Doch Ein-Tages-Wegwerfmasken sind unter dem Strich nicht billiger. Bestellt werden können sie über die Digitalplattform WeChat.

Kreativ ist nach einem Bericht von journal12.ch auch ein Ehepaar aus Zürich. Die Modedesignerin Maya Trachsler und ihr Ehemann Renato vertreiben Masken in bunten Stoffen für 40 Franken das Stück. Zahnarzt Renato Trachsler kann derzeit wegen Corona nicht praktizieren und amtet als Assistent seiner Frau als Zuschneider und Bügler. Maya Trachsler entwarf schon vor Corona medizinische Berufskleidung, zum Beispiel herrlich bunte OP-Hauben. Schon fast logisch, dass sie nun in Zeiten von Corona das Sortiment um doppellagige Masken erweitert. Der auch bei Masken modebewusste Kunde kann den schönen Stoff selbst aussuchen. 

Masken selber herstellen

Last but not least: Der kluge cash.ch-Leser und die smarte cash.ch-Leserin können auch selbst Hand anlegen. Mit einer Schere, einer Nadel oder einer Nähmaschine können alte T-Shirts, Hemden und dergleichen in aparte Masken geschneidert werden. Anleitungen auf dem Netz der Netze gibt es zu Hauf. An die Arbeit und keine falsche Scheu!

Wenn denn das neuartige Corona-Virus auch in der Schweiz im Griff ist, kann wohl die Fasnacht 2021 stattfinden. BAG-Rentner Daniel Koch wäre dann ganz herzlich zum Maskenball eingeladen. Allerdings sei er gewarnt. Die Herstellung einer Basler Larve – für Ausserschweizer: Maske – ist sehr viel aufwändiger und komplizierter als die Produktion einer höchst-zertifizierten N95- oder FFP3-Maske…

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.