Kolumne

Corona-Krise - Warum man Pandemien nicht versichern kann

Im Gegensatz zu Erdbeben kann man Pandemien nicht nach privatwirtschaftlichen Kriterien versichern – wegen dem Klumpenrisiko.
13.09.2020 12:36
Von Claude Chatelain
Warum man Pandemien nicht versichern kann
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne «Gopfried Stutz» erschien zuerst im 

Prisca Birrer-Heimo, SP-Nationalrätin aus dem Kanton Luzern, will eine obligatorische Epidemie- beziehungsweise Pandemieversicherung einführen. Die entsprechende Motion reichte sie im Juni ein.

Warum braucht es Covid-19, um auf die Idee einer Pandemieversicherung zu kommen? Man wird mir entgegnen, mit einer Pandemie wie der jetzigen seien wir alle überrascht worden. Niemand hätte damit gerechnet.

Das mag bei mir, Gopfried Stutz, zutreffen. Ich bin aber nicht massgebend. Nicht wirklich überrascht war zum Beispiel Bruno Spicher. Der 58-jährige ist Präsident der Nationalen Plattform Naturgefahren (Planat). Der Spezialist für Grossrisiken war früher bei der Mobiliar und der Allianz tätig. Er hat sich inzwischen selbständig gemacht.

Er erzählte mir kürzlich, wie er als Oberstleutnant im Stab strategische Führungsausbildung den Fall einer Pandemie übte. Das war im Jahr 2005. Gemäss dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz haben wir es in der Schweiz mit fünf Grossrisiken zu tun: Neben Pandemie sind das Erdbeben, Stromausfall, Nuklearkatastrophe und Hochwasser.

Kommen wir also zum Erdbeben. Gemäss einer vor neun Jahren eingereichten Motion hätte der Bundesrat eine obligatorische Erdbebenversicherung einführen sollen. Doch der Widerstand der Hausbesitzer und Kantone erwies sich als zu gross. Der Bundesrat wollte deshalb die Motion in der Sommersession abschreiben. Ironischerweise in der gleichen Woche, in der Prisca Birrer-Heimo ihre Motion zur Pandemieversicherung deponierte.

Der Ständerat wollte übrigens von einer Abschreibung der Motion nichts wissen. Sie liegt nun beim Nationalrat. Doch wenn man in der Schweiz nicht willens ist, eine obligatorische Erdbebenversicherung auf die Beine zu stellen, so ist erst recht nicht einzusehen, wie eine obligatorische Pandemieversicherung funktionieren soll.

Es gibt einen wesentlichen Unterschied: Man weiss zum Beispiel, dass das Risiko eines verheerenden Bebens in Basel oder im Wallis ungleich grösser ist als etwa im Waadtland. Bei einem Erdbeben trifft es nur eine Region. Man kann das Risiko diversifizieren, wenn sich das ganze Land solidarisiert und Prämien zahlt. Bei einer Pandemie liegen die Dinge anders. Sie trifft das ganze Land. "Pandemien kann man nicht nach privatwirtschaftlichen Kriterien versichern. Ein klassisches Klumpenrisiko. Es gibt nur hundert oder null", sagt mir Bruno Spicher.

Hausbesitzer können sich heute privat gegen Erdbeben versichern. Die wenigsten tun es. Einige sind der irrigen Meinung, sie seien mit der obligatorischen Elementarschadenversicherung gegen Erdbeben versichert. Andere sagen sich, der Staat werde es schon richten. Wie das geht, hat er eben mit Notrecht vorgemacht.

Sollte dereinst die Erde am Rheinknie so schütteln wie anno 1356, wird der Ruf nach einer obligatorischen Erdbebenversicherung sehr laut. Und man wird sich sagen: Mit einem Erdbeben wie diesem seien wir alle überrascht worden. Niemand hätte damit gerechnet.

 

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».