Covid - Von der Lachnummer zum Heilsbringer in der Coronapandemie: mRNA revolutioniert die Medizin

Eine 60 Jahre alte Entdeckung ist dank überaus erfolgreicher klinischer Studien zur grössten Hoffnung der Menschheit im Kampf gegen das Coronavirus gereift.
21.11.2020 20:56
Labormitarbeiterin hebt Corona-Impfstoff in die Illustration des Coronavirus.
Labormitarbeiterin hebt Corona-Impfstoff in die Illustration des Coronavirus.
Bild: imago images / pixsell

Nachdem in der Vorwoche bereits die Mainzer Biotechfirma BioNTech und ihr US-Partner Pfizer als weltweit erste Unternehmen Erfolg in der relevanten Impfstoffstudie meldeten, zog die amerikanische Moderna mit ihrem ebenfalls auf der mRNA-Technologie basierenden Vakzin diese Woche nach. Doch Experten zufolge könnte mRNA nicht nur den Kampf gegen Covid, sondern auch gegen andere zukünftige Pandemien und sogar Krebs umkrempeln.

"Wir werden auf die Fortschritte im Jahr 2020 zurückblicken und sagen: Das war ein Moment, in dem die Wissenschaft wirklich einen Sprung nach vorn gemacht hat", sagt Jeremy Farrar, Leiter eines Forschungsteams an der Universität Oxford. Die so genannte Boten-RNA (mRNA) nutzt das Nachrichtensystem des menschlichen Körpers, um Zellen in Fabriken zur Krankheitsbekämpfung zu verwandeln. Die Boten-RNA weist Zellen an, Proteine herzustellen, die für fast alle menschlichen Funktionen benötigt werden. Bei den neuen Impfstoffen wird im Labor hergestellte mRNA in menschliche Zellen eingeschleust, um Viren-Proteine zu produzieren, die schließlich eine Immunreaktion auslösen.

Dabei sah es lange nicht nach einer Erfolgsgeschichte für die 1961 entdeckte mRNA aus. 1990 war es einem Team von Wissenschaftlern gelungen, mRNA in Mäuse zu injizieren. Doch in den Jahren danach kämpften Forscher wie Katalin Kariko von der University of Pennsylvania nicht nur mit Finanzierungsproblemen, sondern auch mit der Instabilität der mRNA im Körper und der Neigung, Entzündungsreaktionen auszulösen.

Ein Durchbruch gelang um das Jahr 2005, als Kariko zusammen mit Kollegen herausfand, wie man mRNA ohne unerwünschte Nebenwirkungen verabreichen konnte. "Die Leute an der Universität von Pennsylvania haben mich oft ausgelacht", sagte die in Ungarn geborene Kariko zur Nachrichtenagentur Reuters. "Das letzte Mal, dass sie sich über mich lustig machten, war vor sieben Jahren, als sie erfuhren, dass ich bei BioNTech einsteigen wollte, und ihnen klar wurde, dass diese Firma nicht einmal eine Website hatte", sagte sie.

Massenproduktion mit der neuen Methode wesentlich einfacher

"Aber jetzt hören sie von BioNTech und dass wir Gutes tun können." Kariko hofft, dass ihr Lebenswerk dazu beiträgt, Impfstoffe gegen Grippe und andere Infektionskrankheiten zu finden. Moderna und BioNTech testen die mRNA-Technologie auch bei experimentellen Krebsmedikamenten. Kariko räumt allerdings ein, dass immer noch hohe Hürden für eine solche Anwendung bestehen. Denn während ein Virus ein fremder Eindringling ist, stammen Krebszellen aus unserem eigenen Körper. Das macht sie zu einem schwierig zu bekämpfenden Ziel.

Gegen Covid haben mRNA-Impfstoffe vor allem zwei Vorteile. Der eine ist die Entwicklungszeit. Einer niederländischen Studie aus dem Jahr 2013 zufolge dauerte es für die Herstellung von Impfstoffen mit der traditionellen Methode durchschnittlich mehr als zehn Jahre. Beim Moderna-Vakzin waren es lediglich 63 Tage von der Bestimmung der Gensequenz bis zur ersten Injektion bei einem Menschen. Bei BioNTech lief es ähnlich. Beide Impfstoffe könnten noch in diesem Jahr, etwa zwölf Monate nach dem Auftreten des Coronavirus, zugelassen werden.

Zudem ist die Massenproduktion mit der neuen Methode wesentlich einfacher. Anlagen zur Herstellung von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten kosten bis zu 700 Millionen Dollar, die für die Herstellung von synthetischer mRNA notwendigen Reinräume dagegen nur etwa zehn Millionen Dollar. Zoltan Kis, der am Imperial College in London forscht, schätzt, dass in einer 20 Millionen Dollar teuren Anlage jährlich eine Milliarde Dosen einiger Typen von mRNA-Impfstoffen hergestellt werden könnten.

Weniger erfolgreich bei Grippe

Der Arznei-Auftragsfertiger Lonza, der an Standorten in der Schweiz und in den USA Ingredienzien für den Impfstoff von Moderna herstellt, soll noch in diesem Jahr mit der kommerziellen Produktion beginnen.

Gemäß den klinischen Studien kommen die Impfstoffe von Moderna und BioNTech auf eine Wirksamkeit von über 90 Prozent. Ob die mRNA-Methode gegen Grippe ähnlich erfolgreich sein wird, ist nach Einschätzung des Direktors der einflussreichen Gesundheitsinstitute der USA, Francis Collins, angesichts der häufigen Mutationen der Viren zwar unwahrscheinlich. Für die Covid-Pandemie dürfte mRNA aber eine Revolution bedeuten. "Sie ist eindeutig mehrere Monate schneller als jede andere Methode", sagte Collins. "In einer Krise sind mehrere Monate wirklich bedeutsam.

(Reuters)

 
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