Daniel Kalt im Interview - «Seit der Aufgabe der Kursuntergrenze lässt die SNB eine kontrollierte Franken-Aufwertung zu»

Der Franken wird sich langfristig Richtung Euro-Parität bewegen, sagt Daniel Kalt, UBS-Chefökonom Schweiz, im cash-Interview. Er analysiert die Wirtschaftslage, die Börsen und sagt, ob Kritik am Bundesrat berechtigt ist.
16.06.2020 20:45
Interview: Daniel Hügli
Daniel Kalt ist Chefökonom und Anlagechef bei der UBS Schweiz.
Daniel Kalt ist Chefökonom und Anlagechef bei der UBS Schweiz.
Bild: cash

cash: Herr Kalt, das Staatssekretariat für Wirtschaft veröffentlichte am Dienstag ein Update zu den Konjunkturprognosen 2020. Der Rückgang des Bruttoinlandproduktes wird auf 6,2 Prozent veranschlagt, das ist nur eine leichte Anpassung gegenüber der April-Schätzung. Wie werten Sie das?

Daniel Kalt: Es ist sicher gut, dass die Zahl nicht abgesunken ist. Aber sie ändert nichts an der Tatsache, dass es eine tiefe und scharfe Rezession geben wird. Viel wichtiger als die Zahl ist die Frage, wie schnell wir wieder aus der Talsohle herauskommen. Es scheint sicher so, als hätten wir den Tiefpunkt durchschritten. Immer natürlich unter der Voraussetzung, dass keine weiteren ‘Lockdowns’ beschlossen werden, auch nicht auf regionaler Ebene. 

Die Infektionszahlen in der Schweiz bleiben nach der Lockerung der Massnahmen auf tiefem Niveau. Nicht zuletzt deshalb steigt nun die Kritik am Bundesrat, er habe mit den Corona-Regeln im März überreagiert und der Schweizer Wirtschaft unnötig geschadet. Ist die Kritik berechtigt?

Im Nachhinein ist man immer schlauer, und wir alle befinden uns ja immer noch in einem Lernprozess. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass in einem Geschichtsbuch dereinst stehen wird, man habe die Schweizer Wirtschaft sehr, sehr hart heruntergefahren und es auch mit weniger scharfen Massnahmen gelungen wäre, das Virus zu stoppen. Immerhin hat der Bundesrat jetzt offensichtlich erkannt, dass er schneller öffnen kann, was auch zu klappen scheint.

Die Schweiz als Nachbarland von Italien stand Mitte März unter dem Eindruck der Bilder aus Bergamo.

Klar, man war damals schon ein wenig schockiert. Und der Bundesrat wollte die Überlastung des Gesundheitssystems vermeiden, was auch gelungen ist.

Auf welche Indikatoren achten Sie nun als Ökonom, um den Verlauf der Wirtschaft zu deuten und prognostizieren?

Wenn die halbe Wirtschaft nicht mehr läuft, wird vieles tatsächlich unscharf und nicht mehr messbar. Wir schauen derzeit vor allem auf Mobilitätszahlen. Bei Google oder anderen Anbietern sind diesbezüglich Daten von fast allen Ländern weltweit verfügbar. In China schauen wir zum Beispiel auch auf den Stromverbrauch. Solche Beobachtungen, die zeitnah und einigermassen zuverlässig sind, lassen Rückschlüsse über die Dynamik des Anspringens der Wirtschaft zu. 

Die Leute in der Schweiz sind verunsichert, es droht Arbeitslosigkeit, andererseits braucht die Wirtschaft jetzt die Konsumenten. Was raten Sie: Sollen die Leute das Geld sparen oder doch lieber ausgeben?

Einen generellen Ratschlag zu geben ist natürlich extrem schwierig. Es kommt auf die individuelle Situation an. Jemand, der von Arbeitslosigkeit oder gar Betriebsschliessung betroffen ist, wird wohl eher zurückhaltend sein mit dem Geldausgeben. Auf der anderen Seite sollte man den Leuten nun auch nicht empfehlen, flächendeckend zu sparen. Man kann ja gewisse Dinge nachholen und in die Ferien gehen, warum nicht in der Schweiz? 

Wie verunsichert sind die Leute derzeit?

Im Grossen und Ganzen konnte die Schweiz dank dem Kurzarbeitsregime sowie mit den Überbrückungs- und Liquiditätskrediten einen schnellen und drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit vermeiden. Das half natürlich, die Verunsicherung in der Bevölkerung zu minimieren. Nur ein Vergleich: In den USA wurden nach dem ‘Hire-and-Fire’-Prinzip rund 30 Millionen Leute auf die Strasse gestellt. 

Wegen der Notenbankmassnahmen entkoppeln sich die Aktienmärkte von realen Geschehen in der Wirtschaft. Ist das nicht gefährlich?

Die Aktienmärkte haben bereits verdaut, dass punkto Gewinnentwicklung nun eines oder zwei schwache Quartale anstehen. Und die Börsen wetten bereits darauf, dass die Unternehmen relativ zügig wieder ein normales Gewinnniveau erreichen. Aber das muss natürlich bestätigt werden. Insofern gibt es schon gewisse Gefahren, wie etwa der Rückschlag an den US-Börsen in der letzten Woche gezeigt hat. 

Höre ich da eine gewisse Skepsis heraus?

Es ist nicht unser Hauptszenario, dass es an den Börsen zu einem drastischen und massiven Rückschlag kommt. In dem Masse, wie sich die Wirtschaft wieder erholt, können sich auch die Märkte halten. Vor etwa einem Monat begann am Markt auch die Rotation von Wachstums- in Valueaktien. Aber eben, es bleiben die Unsicherheiten: Kommt es zu einer zweiten Welle? Kann das Virus mutieren? Eine gewisse Eintretenswahrscheinlichkeit haben solche Szenarien schon.

Gibt es Alternativen zu Aktien? Wie sollen sich Anleger positionieren?

Das ist das Problem. Bezüglich Staatsanleihen und Cash-Beständen ist man mit Aussagen von Zentralbankenvertretern konfrontiert, die auf Jahre hinaus Tiefst- und Negativzinsen signalisieren. Wir haben unseren Kunden während der ganzen Krise gesagt: Bleiben Sie investiert, insbesondere auch gut diversifiziert im Aktienbereich. Das hat sich ausbezahlt für Anleger, die am Tiefpunkt des Börsengeschehens nicht panikartig die Reissleine gezogen haben. Das heisst auch: Man soll weiter in Aktien investiert bleiben, weil es wenig Alternativen gibt. Wir sehen auch Chancen im Kreditbereich, um eine positive reale Rendite erreichen zu können. Das Spektrum reicht von Investment-Grade-Anleihen über High-Yield bis Schwellenländer-Obligationen. Dann empfehlen wir natürlich auch renditeorientierte Strategien im Aktienbereich wie Dividenden-Stocks oder Qualitätstitel, die einen gewissen defensiven Charakter haben.

Die US-Notenbank hat kürzlich als Folge der Krise langfristig tiefe Leitzinsen prognostiziert. Das heisst demnach wohl auch, dass wir 2025 das zehnjährige Jubiläum beim Negativzins in der Schweiz ‘feiern’ können?

Das ist gut möglich und denkbar. Der letzte Zyklus hat gezeigt, dass die US-Notenbank bei Zinserhöhungen den Anfang machen muss. Und es zeigte sich, dass dies lange dauert, bis auch Europa nachziehen kann. Die Fed begann ja 2014 und 2015 ganz sachte und homöopathisch mit Zinserhöhungen. Und nicht einmal in dieser Phase konnte die Europäische Zentralbank ihrerseits mit Zinsschritten nachziehen, weil sie ihr Inflationsziel nie richtig erreichte.

Die Schweizerische Nationalbank kämpft seit Jahren gegen die Frankenaufwertung. Wenn man den langfristigen Kursverlauf betrachtet, dann ist die Parität zum Euro nur eine Frage der Zeit.

Wenn wir von Jahren sprechen, dann geht die Reise wahrscheinlich Richtung Parität. Seit der Aufgabe der Kursuntergrenze von 1,20 Franken lässt die SNB ja eine kontrollierte Aufwertung des Frankens zu. Sie versucht, starke und schnelle Aufwertungsschübe zu verhindern. Das ist ihr auch gelungen. Gerade jetzt hat die SNB wegen des ’Risk-on’-Modus der Investoren wieder ein wenig Verschnaufpause. Wenn sich das gewünschte Konjunkturszenario weiter schön entwickelt, dann kann sich der Euro zwischen 1,05 und 1,10 einpendeln. Das wäre ein Glücksfall für die SNB. Wenn die Aktienmärkte aber wieder tauchen und falls sich die Konjunkturaussichten eintrüben, dann wird der Druck zurückkommen, das ist klar.

Der promovierte Volkswirtschaftler Daniel Kalt ist Chefökonom und Anlagechef bei der UBS Schweiz. Er ist seit 1997 bei der UBS beschäftigt.