Der Mann, der alle US-Präsidenten voraussagte, lag schon wieder richtig

Der Historiker Allan Lichtman sagt die Gewinner der US-Wahlen seit 1984 richtig voraus. Er verwendet keine komplizierten Befragungstechniken wie die Meinungsforscher. Er blickt in die Geschichte.
10.11.2016 11:50
Von Marc Forster
Allan Lichtman lehrt Geschichte an der American University in Washington DC.
Allan Lichtman lehrt Geschichte an der American University in Washington DC.
Bild: Wikipedia (PD)

Hillary Clinton war die Favoritin der US-Präsidentenwahlen in so gut wie allen Prognosen. Noch in der letzten Meinungsumfrage vor der Wahl führte die ehemalige Aussenministerin, Senatorin und First Lady, mit drei Prozentpunkten. Dabei war eigentlich bekannt, dass Umfragen generell immer ungenauer werden. Der Ausgang des Brexit-Votums am 23. Juni wurde ebenfalls mehrheitlich falsch vorausgesagt. Auch bei den britischen Parlamentswahlen 2015 oder der Masseneinanderungsinitiative in der Schweiz 2014 hatten Umfragen jeweils ein anderes Bild gezeigt.

Was Trumps Wahlsieg betrifft, lag aber ein Mann richtig: Allan Lichtman, ein Geschichtsprofessor, der seit 1984 alle vier Jahre richtig gelegen hatte, als es ums Präsidentenamt ging. Er veröffentlichte das Buch "Predicting the Next President: The Keys to the White House 2016". Er hält dieses Buch Wahl für Wahl auf dem laufenden.

Warum weiss Lichtman im Voraus so gut, wer die Schlüssel zum Weissen Haus in die Hand bekommt? Er schaut sich schlicht die Voraussetzungen an. Daraus leitet er ab, wie sich die Wähler verhalten werden.

Seine Prognose beruht unter anderem darauf, dass es ein amtierender Präsident leichter hat als ein neuer Kandidat: In der Tat: Barack Obama trat nicht mehr an, Hillary Clinton musste sich durchsetzen. Lichtman geht auch davon aus, dass eine dritte Partei neben den Demokraten oder Republikanern der regierenden Partei schadet: Ja, Trump und Clinton traten am vergangenen Dienstag auch gegen chancenlose Splitterkandidaten an, die den beiden Hauptkandidaten aber wertvolle Stimmen wegnehmen können.

Keine «Nationalheldin»

Wenn der amtierende Präsident in seiner Amtszeit aussenpolitisch erfolgreich gewesen ist, nützt das dem Kandidaten seiner Partei, postuliert Lichtman weiter. Aber auch diese Vorgabe erfüllt sich nicht, denn Barack Obamas zweite Amtszeit war geprägt von den Problemen mit Russland, den Krisen und Kriegen im Nahen Osten und der internationalen Terrorismusgefahr. Leittragende dieser gemischten Bilanz war Hillary Clinton.

Am wenigsten schmeichelhaft für die Ex-Aussenministerin ist wohl die Voraussetzung, dass der Kandidat der regierenden Partei charismatisch oder ein "Nationalheld" sein muss. Am 8. November hat sich gezeigt, dass Hillary Clinton zu wenig gut bei den Wählern ankam, vor allem bei traditionellen Wählern der Demokraten. Und es gab genügend Leute, die im Herzen gar nicht so sehr für Trump, aber mit Überzeugung gegen Clinton stimmten.

Lichtmans Prognose basiert insgesamt auf 13 Behauptungen zur herrschenden Partei, die entweder wahr oder falsch sind. Sind mindestens sechs der Behauptungen falsch, siegt die andere Partei: So kam es, Trump wurde gewählt. Lichtmans Prognoseerfolge bestätigen aber vor allem auch eine Annahme, die heute etwas aus der Mode gekommen ist. Nämlich jene, dass Fragen zur Gegenwart und zur Zukunft oft mit der Geschichte erklärt oder gedeutet werden können.

Lichtman selber ist schon ein Star in den sozialen Medien, wie folgender Tweet zeigt: