«Die Fed wird vorsichtig sein müssen»

Zinserhöhung, teure Aktien und das Griechen-Drama: Auf die USA kommen herausfordernde Zeiten zu. Chefökonomin Ellen Zentner von Morgan Stanley sagt im Interview mit cash, was sie der globalen Wachstumslokomotive zutraut.
30.06.2015 01:05
Interview: Ivo Ruch
Ellen Zentner erwartet die Zinswende in diesem Jahr.
Bild: cash

cash: Ein möglicher Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone ist derzeit das grosse Thema in Europa. Wie sieht die amerikanische Perspektive auf dieses Drama aus?

Ellen Zentner: Die US-Geldpolitiker werden genau beobachten, wie die Europäische Zentralbank mögliche Übertragungseffekte in Grenzen halten wird. In erster Linie hat die amerikanische Notenbank den Auftrag, die eigene Wirtschaft zu unterstützen. Erst wenn Übertragungseffekte aus Europa den Ausblick für die amerikanische Konjunktur und die Inflation negativ beeinflussten, wäre eine Reaktion der Fed denkbar. Wie der Offenmarktausschuss jüngst bekannt gab, werden internationale Entwicklungen genau betrachtet.

Verglichen mit dem Zustand vor der Finanzkrise, wo steht die Weltwirtschaft heute?

Vor der Krise verliefen die Konjunkturzyklen verschiedener Volkswirtschaften sehr ähnlich. Heute stehen sie an unterschiedlichen Punkten. Das ist einer der Gründe, wieso die expansive Geldpolitik länger anhalten könnte als erwartet. Da die amerikanische Notenbank auf eine Zinserhöhung zusteuert, stehen jene Länder vor den grössten Problemen, die am meisten Schulden in Dollar haben. Und die sind vor allem in den Schwellenländern zu finden.

Auf ein gutes erstes folgte ein schwaches zweites Quartal, wie geht es der amerikanischen Wirtschaft wirklich?

Grundsätzlich haben wir immer noch eine anziehende Konjunktur. Es gibt viele Faktoren, die mich positiv stimmen: Die Ausgaben der Konsumenten nehmen zu und ihr finanzieller Zustand ist robust. Die Einkommen steigen, die Jobangebote ebenfalls. Und auch die Löhne erholen sich. Hinzu kommen gute Aussichten für zunehmende Investitionen. Wir müssen realistisch sein, was weiteres Wachstum betrifft. Die schnelle Aufwertung des Dollar ist schmerzhaft.

Wann erwarten Sie dementsprechend die US-Zinserhöhung?

Noch in diesem Jahr. Die Fed hat eine starke Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass die Zinsen in diesem Jahr ansteigen sollen. Aber die ökonomischen Daten müssen auch mitspielen. Weniger sich ist die Fed, ob sie in diesem Jahr eine oder zwei Zinserhöhungen durchführen wird.

Wie werden die Märkte reagieren?

Nach Ansicht der Fed werden es die Märkte gut verdauen, aber es bleibt eine Unsicherheit. Um vorsichtig zu sein, haben sie versprochen, die Zinsen sukzessive zu erhöhen.

Was wäre in Ihren Augen besser: eine oder zwei Zinserhöhungen in diesem Jahr?

Wenn die Fed die Zinsen erhöht und die Welt zuckt nur mit den Schultern, folgt ein zweiter Schritt. Wenn aber die Finanzmärkte verrücktspielen, dauert es länger bis zum zweiten Schritt. Die Fed weiss nicht, in welchem Rhythmus sie vorgehen wird. Aber sie weiss, dass sie vorsichtig sein muss, weil die Situation beispiellos ist. Wir hatten noch nie Nullzinsen über eine so lange Zeit.

So oder so werden die Zinsen noch lange tief bleiben. Welche langfristigen Konsequenzen könnte das haben?

Nehmen wir an, dass die Fed die Zinsen graduell erhöhen kann. Überall dort, wo viele Schulden in Dollar bestehen, sind die Politiker gefordert, die Verschuldung zu reduzieren. Weil die Zinskosten immer höher werden. Höhere Zinsen sind aber gut für die Sparer. Es gibt also viele positive Aspekte, aber auch Fallgruben. Anpassungen werden auf jeden Fall nötig sein. Und das wird möglichweise nicht einfach.

Gibt es andere Trends, welche die Märkte in den kommenden Monaten bewegen werden?

Ich bin gespannt, welche Regionen der Weltwirtschaft am meisten vom vielen Zentralbankengeld profitieren wird. Dieser Geldregen ist noch lange nicht vorbei.

Als die amerikanische Notenbank 2013 die lockere Geldpolitik zurückzufahren begann, reagierten die Märkte heftig. Halten Sie das nochmals für möglich?

Ich glaube nicht, dass wir noch einmal eine solche Reaktion sehen werden. Aber das finanzielle Umfeld wird sich anspannen. Jede Veränderung in der Geldpolitik zieht eine Marktreaktion nach sich und das ist in Ordnung. Der Unterschied zwischen 2013 und heute ist, dass die Fed die Märkte dieses Mal vorbereitet hat.

Was trauen Sie unter diesen Umständen dem amerikanischen Aktienmarkt, dem S&P 500 noch zu in diesem Jahr?

Unsere Aktienstrategen sind optimistisch für US-Aktien. Ihrer Meinung nach kann der Anstieg zu einem der längsten überhaupt werden. Sie schauen sich Kennzahlen wie Investitionsausgaben im Verhältnis zu Verkäufen an und sehen positive Signale. Genauso wie beim Umschlag des Warenbestandes. Auch die Bargeld-Bestände sind hoch. Die Unternehmen sind viel gesünder als vor der finanziellen Krise.

Sie sehen also keine Überhitzung?

Ich wäre besorgter, wenn Daten aus der breiten Wirtschaft überhitzen würden. Es ist unwahrscheinlich, dass die Aktienmärkte heiss laufen ohne dementsprechende ökonomische Daten im Hintergrund. Denn etwas muss die Aktienmärkte ja antreiben.

Welche Daten schauen Sie sich denn an?

Ich schaue, wie sich die Haushalte verhalten und sehe, dass sich Zahlungsausfälle zurückgehen, die Verschuldung nimmt ab und das Konsumentenvertrauen zieht an. Wir haben zudem einen erstarkenden Arbeitsmarkt.

Von welchem Teil der US-Wirtschaft erwarten Sie in diesem Jahr das stärkste Wachstum?

Der Häusermarkt ist sehr wichtig für die USA, weil viele Konsumentenausgaben damit zusammenhängen. Ein Wirtschaftsabschwung bei gleichzeitig wachsendem Häusermarkt ist fast unmöglich. Auch die Aussichten auf mehr Infrastrukturausgaben sind intakt. Das ist dringend nötig, um die Produktivität zu erhöhen. Das Alter der Infrastruktur ist auf einem Rekordlevel.

Die Blase im Häusermarkt war aber ein Auslöser der Finanzkrise.

Als die Immobilienblase platzte, verloren die Eigenheime innert kurzer Zeit bis zu 60 Prozent an Wert. Aber wie immer, treten neue Käufer auf, wenn die Preise genug gefallen sind. Ermutigend ist nun, dass nicht mehr nur Investoren Immobilien kaufen sondern zunehmend auch Erstbesitzer. Und es findet eine grosse Verschiebung statt. Vom Hauskauf hin zur Miete. Das hat mit demographischen Entwicklungen zu tun. Die alternde Bevölkerung wohnt immer öfter zur Miete. Und in der schnell wachsenden jungen Bevölkerung ist die Mehrheit ebenfalls Mieter.

Wo in der Weltwirtschaft warten positive Überraschungen?

In den USA. Man unterschätzt immer noch, wie viel Geld die Leute durch den tiefen Benzinpreis sparen konnten. Dieses Geld wird nun allmählich ausgegeben. Die positive Überraschung in den USA wird von den Konsumenten kommen. Auch sind die US-Haushalte gut aufgestellt. 75 Prozent der Vermögen sind in Hypotheken parkiert. In den USA haben wir das einzigartige Produkt einer 30 Jahre laufenden fixen Hypothek zu 3,8 Prozent. Hinzu kommen Kredite für Studiumskosten und das Auto, die ebenfalls fix verzinst werden. Das heisst, nur 10 Prozent der Haushalt-Bilanzen sind von Zinsverschiebungen betroffen. Amerikanische Konsumenten werden eine Zinserhöhung also gut verkraften.

Wo sehen Sie negatives Potenzial?

Natürlich denken alle an Griechenland. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ist eine weitere Gefahr. Auch China steht immer zuoberst auf der Liste. Chinas Wirtschaftsabschwung ist eine Tatsache. Aber das muss so sein, weil strukturelle Anpassungen notwendig sind. China kommt zugute, dass die Regierung viel Spielraum hat, um die Wirtschaft zu unterstützen. Die Sorge bleibt allerdings, ob die Regierung es schafft, den Abschwung geregelt zu steuern.

Wie beurteilen Sie die Situation in der Schweiz mit dem staken Franken?

Eine starke Währung ist nichts Schlechtes. Das Tempo der Aufwertung ist entscheidend. In den USA haben wir eine ähnliche Situation. Der starke Dollar ist Zeichen einer starken Wirtschaft. Aber die schnelle und starke Aufwertung, die wir erlebten, ist sehr schmerzhaft und störend. Wir hoffen, das war eine Korrektur im Hinblick auf eine erste Zinserhöhung. Zentralbanken mögen unruhige Bewegungen der Währungen nicht, ob nach oben oder unten. Sie mögen geordnete Veränderungen. Wir dürfen ihre Entschlossenheit diesbezüglich nicht unterschätzen.

Im Video-Interview mit cash sagt Ellen Zentner zudem, welche Zentralbank momentan den schwierigsten Job hat und wieso in den USA mehr Frauen wichtige Banken-Jobs innehaben.

Ellen Zentner ist US-Chefökonomin der Grossbank Morgan Stanley. Vom Nachrichtendienst Bloomberg wurde sie zu einer der treffsichersten Prognostikerinnen der amerikanischen Wirtschaft gekürt. Zuvor war sie unter anderem bei Nomura tätig. Ellen Zentner hat an der Universität von Colorado Betriebs- und Volkswirtschaft  studiert.