«Die WM ist ein Fluch für Brasilien»

Die Schweizerin Moema Wertheimer führt in São Paulo ein Architekturbüro. Im Interview sagt sie, wieso die Fussball-WM Brasilien wenig nützt und wo das Land Potenzial hat. Teil I der cash-Serie zur Fussball-WM 2014.
21.05.2014 01:00
Interview: Ivo Ruch
Die Architektin Moema Wertheimer ist schweizerisch-brasilianische Doppelbürgerin.
Die Architektin Moema Wertheimer ist schweizerisch-brasilianische Doppelbürgerin.
Bild: ZVG

cash: Frau Wertheimer, Sie sind in São Paulo aufgewachsen, haben aber auch in der Schweiz gearbeitet. Was an Ihnen ist typisch schweizerisch?

Moema Wertheimer: Ich denke, es ist die Liebe für Perfektion und Details, aber auch der Respekt vor Tradition und der Sinn für Gleichberechtigung.

Wie sind Ihre Geschäfte in den letzten Jahren gelaufen?

Recht gut, aber dementsprechend auch mit viel Einsatz und Hingabe. Brasilien ist kein einfaches Land, da die ökonomischen Verhältnisse sehr labil sein können und man stets in der Lage sein muss, sich anzupassen. Im Geschäftsleben ist viel Kreativität erforderlich, nicht nur im architektonischen Bereich.

Welches sind die grössten aktuellen Probleme für die brasilianische Wirtschaft?

Korruption und Politik. Das führt dazu, dass das Vertrauen in unsere politische Führung leider ziemlich schwach ist. Am dringendsten sind Investitionen in die Infrastruktur des Landes und in unsere jungen Bevölkerungsschichten. Im Bildungswesen braucht es bessere Schulen und eine angemessene Entlöhnung der Lehrer. Ein weiterer Punkt ist die mangelnde medizinische Unterstützung für die Bevölkerung.

Welche Hindernisse gibt es konkret im Bereich Architektur und Infrastruktur?

Im privaten Bereich, speziell in São Paulo und im Süden Brasiliens, gibt es sehr wenige Hindernisse. Brasilien braucht immer noch fast alles: mehr Wohnungen, Schulen, kulturelle Institutionen und Kongress-Infrastruktur, aber auch Hotels und Grossbauten. Damit aber privat investiert wird, muss das Vertrauen in eine stabile Wirtschaft vorhanden sein. Die Investitionen des öffentlichen Sektors sind immer noch zu klein für die recht grossen Probleme des Landes. Hinzu kommt, dass die Qualität oft unter der Korruption leidet. Wir arbeiten praktisch nie für den Staat.

Was müsste getan werden, um diese Probleme zu beseitigen?

Brasilien braucht eine langfristige ökonomische Planung und mehr Vertrauen in die politischen Kräfte und Repräsentanten. Aber leider ist diesbezüglich wenig Besserung in Sicht. Denn die Opposition ist, meiner Meinung nach, zu schwach, um die jetzige politische Führung abzulösen.

In welchen Bereichen hat Brasilien unausgeschöpftes Potenzial?

Fast überall, denn Brasilien ist immer noch Land, das es 'zu bauen' gilt. Wir brauchen bessere Schulen, Spitäler, Wohnungen und mehr Infrastruktur wie Strassen, Häfen und Flughäfen. Auch in den Bereichen Landwirtschaft, Forschung und Tourismus gibt es viele Entwicklungsmöglichkeiten. Brasilien ist ein riesiges Land, mit einer reichen und wunderschönen Natur und einer sehr positiven und gastfreundlichen Bevölkerung. Das Potenzial ist wirklich riesig!

Ist die Fussballweltmeisterschaft für Brasilien Fluch oder Segen?

Meiner Meinung nach ist sie eher ein Fluch. Schuld daran ist die weit verbreitete Korruption und eine sehr schlechte Planung und Vorbereitung. Der eigentliche Skandal ist, dass viel Geld für die WM-Bauten irgendwo versickert ist. Die breite Bevölkerung hingegen muss sich weiterhin mit sehr schlechten Schulen, Spitälern und Transportmitteln sowie riesigen sozialen Unterschieden abfinden. Deshalb erleben wir hier auch so viele Demonstrationen in den letzten Tagen. Die bevorstehende WM wird wohl ein Fenster sein, in dem die  ganze Welt sehen kann, wie schlecht dieses Land geführt wird.

Welche Vorzüge bietet Brasilien gegenüber der Schweiz?

Es ist ein riesiges Land mit vielen Möglichkeiten für ausdauernde Unternehmer, da wie gesagt vieles noch gebaut werden muss. São Paulo ist dabei eine Ausnahme, da wir hier in dieser Millionenstadt eher einen Lebensstandard wie in New York, London oder anderen globalen Städten der Welt haben. Mit Ausnahme der mangelnden Sicherheit.

Zu Ihren Kunden gehören Novartis und Roche. Profitieren Sie oft von Ihren Schweizer Wurzeln?

Am meisten hilft mir meine Schweizer Ausbildung. Ich habe in São Paulo die Schweizer Schule besucht und die Matur absolviert. Wir arbeiten mit und für verschiedene globale Konzerne, mit verschiedenen Traditionen und Kulturen, und da sind sprachliche Kenntnisse und eine globale kulturelle Ausbildung ebenfalls von grosser Hilfe. Andererseits sind lokales Networking und Kenntnisse der brasilianischen Kultur und des Geschäftslebens unabdingbar. Diese Balance hat mir immer geholfen und mit zum Erfolg und zum Wachstum meines Geschäfts beigetragen.

 

Was bedeutet die Schweiz für Sie?

Die Schweiz ist meine zweite Heimat, die ich genauso intensiv liebe wie Brasilien. Die Hälfte meiner Familie lebt in der Schweiz sowie einige sehr gute Freunde. Zudem habe ich dem Land die Hälfte meiner Kultur und meiner Ausbildung zu verdanken.

Worüber nerven Sie sich, wenn Sie in der Schweiz sind?

Eigentlich über fast nichts. Manchmal fehlt mir ein wenig die Leichtigkeit, Spontanität und der entspanntere und flexiblere brasilianische Lebensstil.

Wie informieren Sie sich über die Geschehnisse in der Schweiz?

Hauptsächlich über das Internet und durch Kontakte mit meiner Familie und Freunden in der Schweiz. Dann bin ich Mitglied einer ETH-Alumni-Gruppe in São Paulo und der schweizerisch-brasilianischen Handelskammer. Und gelegentlich lese ich Nachrichten über die Schweiz in brasilianischen Zeitungen.

Wem drücken Sie an der WM die Daumen?

Natürlich Brasilien und der Schweiz! Viele Brasilianer wünschen sich zwar keinen Sieg der Brasilianer, weil sie nicht wollen, dass die Regierung den Anlass als vollen Erfolg verbuchen kann. Ich kann das gut nachvollziehen. Denn im Herbst sind Wahlen, und die aktuellen Parteien an der Macht sollen abgestraft werden dafür, was sie diesem Land eingebrockt haben. Es ist unglaublich, was mit den Geldern für die WM passiert. Diese Zustände sind wirklich eine Schande. Doch die Brasilianer sind ein sehr friedliches Volk, das sich immer noch zu wenig wehrt. In vielen anderen Ländern hätte eine solche Regierung kaum noch Chancen.

Moema Wertheimer ist die Tochter einer Schweizerin und eines Brasilianers. Sie besuchte in São Paulo die Schweizer Schule und studierte anschliessend Architektur. Ende der 1980er Jahre arbeitete sie für einige Zeit in der Schweiz. Seit 1991 führt sie in São Paulo ein eigenes Architekturbüro