Eichenberger: «Schweiz bleibt eine fette Beute»

Am Freitag jährt sich die Einführung der SNB-Kursgrenze zum zweiten Mal. Im Interview mit cash äussert sich Prof. Reiner Eichenberger zur heiklen Lage der Nationalbank und zur Hochpreisinsel Schweiz.
03.09.2013 01:00
Interview: Frédéric Papp
«Die Einführung des Euro-Mindestkurses vor zwei Jahren war sinnvoll»: Reiner Eichenberger, Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg.
«Die Einführung des Euro-Mindestkurses vor zwei Jahren war sinnvoll»: Reiner Eichenberger, Professor für Theorie der Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Universität Freiburg.
Bild: ZVG

cash: Professor Reiner Eichenberger, die Kursuntergrenze jährt sich am 6. September 2013 zum zweiten Mal. War der Beschluss der SNB in der Rückschau betrachtet sinnvoll?

Prof. Eichenberger: Ja, aus heutiger Optik war der Entscheid sinnvoll. Wegen der damaligen immensen wirtschaftlichen Unsicherheit im Euroraum flüchteten alle in sichere Häfen wie dem Franken. In der Folge verzerrte der Markt den eigentlichen Wert des Frankens massiv. Insofern war es richtig, dass die SNB eingegriffen hat.

Kann die SNB den Euro-Mindestkurs jemals aufheben?

Das ist schwierig zu sagen. Falls die Wirtschaft in der Eurozone wieder stärker Tritt fasst, dann wird es Inflationsdruck geben, weil die EZB wahrscheinlich die Geldmengen nicht sofort abschöpfen kann. Und die EZB kann dies vermutlich schlechter als die Schweizerische Nationalbank. Die Inflationsdifferenz zwischen Euro und Franken würde auseinandergehen.

Das heisst, der faire Wert des Frankens würde sich immer näher an der aktuellen Kursuntergrenze orientieren?

Genau. Ein Beispiel: Wenn die Inflation im Euro drei Prozent höher ist als im Franken, dann wird der faire Wert in zwei Jahren bei 1,20 Franken pro Euro liegen. Für die Exportindustrie wird dann das Problem wesentlich kleiner werden, weil die ausländischen Konkurrenten inflationsbedingt höhere Kosten haben. Dann kann die SNB die Kursuntergrenze aufheben. Das geht aber nur auf, wenn keine weiteren spekulativen Attacken gegen den Franken geritten werden.

Ist das realistisch?

Die Euro-Schuldenkrise ist noch nicht vorbei, die Angst unter den Anlegern ist nach wie vor gross. Es kann gut sein, dass der Markt in Zukunft einen Euro-Franken-Kurs bei Parität oder 1,10 Franken sieht, obwohl der faire Wert höher liegt. Die SNB müsste dann die Kursuntergrenze nach unten anpassen oder bei jeder spekulativen Attacke Gegenwehr leisten. Dies käme die SNB aber teuer zu stehen.

Lange haben sich die Importeure geweigert, die Preise in der Schweiz zu senken. Nun sind sie ins Rutschen gekommen. Hält die Rutschfahrt weiter an?

Bei den Autos werden die Preise nicht mehr signifikant sinken. Denn je grösser die Produkte, desto näher liegen die tatsächlichen Preise schon heute bei denjenigen in Deutschland. Für grosse Anschaffungen sind Schweizer eher bereit, ins Ausland zu fahren und die Preise zu vergleichen. Anders sieht es bei Konsumgütern des täglichen Bedarfs aus.

Wie gross schätzen Sie hier die Preisdifferenz?

Je nach Produkt sind es zumeist zwischen 20 und 60 Prozent. Auch innerhalb der Europäischen Union sind die Preise übrigens nicht einheitlich. Dänemark oder Finnland zum Beispiel sind wohlhabender als andere EU-Länder und haben deshalb ein wesentlich höheres Preisniveau, wenn auch nicht ganz so hoch wie in der Schweiz.

Und deshalb werden solche Staaten ausgenutzt?

Ja, die Markenprodukthersteller nutzen die Kaufkraft der Schweizer weiterhin aus. Das Prokopfeinkommen in der Schweiz ist beim heutigen Wechselkurs 90 Prozent höher als in Deutschland und mehr als doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt. Das macht die Schweiz zu einer fetten Beute für Preisdifferenzierungsstrategien, und zwar für ausländische wie auch einheimische Markenprodukthersteller.

Um die Preise zu drücken, führte der Bundesrat einseitig das Cassis-de-Djion-Prinzip ein. Ist dies nutzlos?

Es ist sehr wichtig, löst die Preisdifferenzen aber bei weitem nicht ganz auf. Richtig war, das Prinzip einseitig einzuführen. Denn die Europäische Union, beziehungsweise die Markenhersteller, haben ein Interesse an einer Preisdifferenzierungsstrategie. Sie wollen die Schweiz weiterhin ausbeuten.

Und Parallelimporte bringen auch nichts?

Parallelimporte sind eine trickreiche Sache. Vieles muss 'just-in-time' abgewickelt werden. Das heisst, es braucht einen Lieferanten, der eine genügend grosse Produktmenge zeitnah liefern kann. Und wenn Unilever oder andere Nahrungsmittelriesen merken, dass ein Abnehmer grosse Mengen an einen Schweizer Detailhändler verkauft, dann wird er schlicht nicht mehr beliefert oder dann bloss mit viel kleineren Mengen. Die Markenhersteller haben diverse Mittel in der Hand, um Einkäufer der Migros oder Coop zu zermürben.

Zum Beispiel?

Angenommen, ein Schweizer Grossist bezieht 100 Produkte über einen Generalimporteur des Markenherstellers. Hat er nun die Frechheit, ein Produkt günstiger über einen Parallelimport im Ausland zu beziehen, tauchen beim Markenhersteller plötzlich 'technische Probleme' für die Lieferung einiger der restlichen 99 Produkte auf. Ein weiteres Druckmittel haben die Markenhersteller bei den diskretionären Rabatten für Schweizer Detailhändler in der Hand. Sie lancieren immer wieder Halbpreisaktionen und übernehmen gar die Marketing- und Werbekosten für solche Aktionen. Wer dennoch Produkte unter Umgehen des Generalimporteurs im Ausland billiger bezieht, kommt einfach nicht mehr oder nur noch selten in den Genuss solcher Rabattaktionen.

Coop versuchte, mittels Boykottdrohungen von Markenprodukten Druck aufzubauen.

Boykotte lassen aufhorchen und generieren Publicity. Allerdings flacht die Werbung auch wieder rasch ab.

Was wäre denn Ihr Rezept, um die Preise in der Schweiz zu senken?

Eine radikale Öffnung der Märkte, damit die Konsumenten Waren zoll- und mehrwertsteuerfrei in die Schweiz einführen können. Produkte, die aktuell im Ausland viel weniger kosten, verteuern sich durch die Administration wieder deutlich. Somit lohnt es sich nicht mehr, kleinere Mengen einzuführen.

Dem Staat entgingen dadurch Einnahmen in Milliardenhöhe.

Dieser Ausfall kann durch eine vernünftige Besteuerung des Verkehrsbereichs kompensiert werden: Erstens müssen dem Privatverkehr seine Externalitäten wie Umweltverschmutzung, Staus und Unfälle mittels Verkehrssteuern angerechnet werden. Dies bringt etwa 8 Milliarden Franken. Zweitens müssen die Subventionen im öffentlichen Verkehr aufgehoben werden, was weitere 8 Milliarden Franken bringt. Selbstverständlich müsste dies stufenweise eingeführt werden.

 

Reiner Eichenberger, 52, ist ordentlicher Professor für Theorie der Wirtschafts- und Finanzpolitik an der Universität Freiburg (Schweiz). Ausserdem wirkt er als Gründungsmitglied und Forschungsdirektor beim privaten Institut Crema (Center for Research in Economics, Management and the Arts) in Zürich mit. Einer seiner Schwerpunkte ist die ökonomische Analyse politischer Prozesse und Institutionen.