«Es wäre verheerend, wenn sich die Schweiz auf dem Erreichten ausruhte»

Bruno Chiomento tritt nächste Woche nach acht Jahren als CEO von Ernst & Young Schweiz ab. Im cash-Interview warnt er vor einer Schwächung des Wirtschaftsstandortes und äussert sich zu Brexit-Folgen für die Schweiz.
27.06.2016 08:09
Interview: Daniel Hügli
Bruno Chiomento, CEO Ernst & Young Schweiz.
Bild: cash

cash: Herr Chiomento, dies ist Ihre letzte Amtswoche als CEO von Ernst & Young Schweiz, bevor Sie Verwaltungsratspräsident der Ländergesellschaft werden. Welches war Ihr prägendstes Branchenerlebnis in Ihren acht Jahren Amtszeit?

Bruno Chiomento: Das waren eindeutig die Folgen der Finanzkrise und die Zunahme der Regulierung. Das brachte die ganze Beraterbranche in Bewegung. Das Modell etwa, dass der Prüfer bei den Kunden zusätzliche Dienstleistungen zu platzieren versuchte, kam vor allem bei Finanzdienstleistern und kotierten Gesellschaften zunehmend unter Druck. Der Auditor konnte sich mehr und mehr nur noch auf die Prüfung beim entsprechenden Unternehmen konzentrieren. Die Finanzkrise hatte auch zur Folge, dass kleinere Audit-Firmen mit der sich rapide ausbreitenden Regulierung zunehmend Probleme kriegten.

Zunehmende Regulierung sollte ja positiv sein für die Beraterbranche. Es gibt mehr Aufträge.

Wir hören oft den unterschwelligen Vorwurf, dass wir an zusätzlicher Regulierung interessiert seien. Das stimmt natürlich nicht. Es mag stimmen, dass wir dadurch kurzfristig etwas mehr Arbeit erhalten. Aber mittel- und langfristig kann die Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsstandortes durch zunehmende Regulierung nachlassen, gerade in Ländern, die zu Überregulierung neigen. Das kann dazu führen, dass sich Firmen nicht mehr in der Schweiz ansiedeln. Das brächte eine Schwächung des Standortes Schweiz, und damit verbunden auch weniger Markt für Dienstleister wie uns. Die Schweiz erscheint in den Ranglisten der beliebten Standorte zwar noch immer ganz oben. Aber es wäre verheerend für den Standort Schweiz, sich auf dem Erreichten und Bewährten auszuruhen.

Die Finanzkrise und deren Folgen dauern nun schon fast zehn Jahre. Ist es nicht bedenklich, dass ein Ende noch nicht absehbar ist?

Die Zentralbanken senkten die Zinsen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Aber bildlich gesprochen zeigt sich folgendes: Es wird immer mehr Wasser zur Verfügung gestellt, aber es wird trotzdem nicht mehr getrunken beziehungsweise konsumiert. Kurz: All die Theorien aus den Wirtschaftslehrbüchern greifen nicht mehr. Die verschiedenen Massnahmen müssen aber irgendwann in einer Inflation münden, sonst geraten die Vorsorge- und Pensionssysteme in Europa weiter in Schieflage. Das ist eine ernst zu nehmende Entwicklung.

Ihr prägendstes Erlebnis in der Schweizer Wirtschaft während Ihrer CEO-Zeit?

Das war der zweifache Franken-Schock. Zuerst der freie Fall des Eurokurses im Jahr 2011 mit der nachfolgenden Einführung der Kursuntergrenze. Dann die Aufhebung der Untergrenze im Januar 2015. Das waren Bewegungen, die man so noch nie gesehen hatte. Die Situation mit dem Franken beeinflusst die Schweizer Wirtschaft nachhaltig. Die Arbeitsplätze, welche Schweizer Firmen wegen der Frankenstärke ins Ausland verlagern, kommen nicht mehr zurück.

Das tönt so, als ob die Aufgabe der Kursuntergrenze ein Fehler gewesen wäre?

Nein, das glaube ich nicht. Die Kursuntergrenze wirkte ja wie eine Versicherungsprämie. Sie gab den Firmen Zeit, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Aufhebung der Kursuntergrenze wäre ohnehin einmal eingetreten.

Die anhaltende Aufwertung des Franken fördert ja die De-Industrialisierung der Schweiz. Da muss Ihnen als langjähriger Prüfer von Industrieunternehmen das Herz bluten?

Man kann es auch positiv sehen. Die Firmen werden gezwungen, noch mehr auf Innovationen und qualitativ hoch stehende Spezialitäten zu setzen. Aber wenn wir keine Industrie mehr haben, dann gibt es auch keine Plätze mehr für Lehrlinge. Dann verschwindet auch unser hoch gelobtes duales Bildungssystem. Das ist nicht zuletzt für den sozialen Frieden wichtig. Bei einem Wegfall von gewissen Arten von Jobs steigen die Arbeitslosenquoten von ungelernten, weniger gut ausgebildeten Leuten. Das fördert soziale Spannungen, die ganz gefährliche Entwicklungen auslösen können, auch auf politischer Ebene. Es ist der Nährboden für populistische Parteien.

Welchen Stellenwert hatte das 'Ja' zur Masseneinwanderungsinitiative in Ihrer Amtszeit?

Speziell für unsere grossen Kunden war dies ein ganz schlechtes Zeichen. Wir brauchen nun bei der Umsetzung des Volkswillens flexible und vernünftige Lösungen, damit wir mittel- und langfristig einen Exodus vom Standort Schweiz verhindern können. Gerade im Zug der Digitalisierung brauchen wir hoch qualifizierte Fachkräfte in der Schweiz. Wir wollen auch in Zukunft die Googles, Microsofts und andere innovative Firmen anlocken können.

Waren die Befürchtungen der Wirtschaft wegen der Zustimmung zur Masseneinwanderungsintiative nicht ein wenig übertrieben? Die Konjunkturzahlen der Schweiz sind weiterhin einigermassen gut.

Das ist eine sehr gefährliche Sicht, die ähnlich ist wie die oft gehörte Aussage 'Uns geht es ja gut'. Aber schauen Sie: Wie in einer grossen Firma sollte man die Restrukturierung dann in die Hand nehmen, wenn es einem gut geht. Man muss aus der Position der Stärke die Weichen neu stellen. Diese Einsicht fehlt aber oft, vor allem in der Politik.

Ist der Standort Schweiz für ausländische Firmen unberechenbarer geworden?

Ein wenig schon. Ein Grund ist vielleicht unser politisches System mit der direkten Demokratie. Es ist zwar sehr konsens- und kompromissorientiert. Aber es kann auch etwas langsam sein.

Was sind die Vorzüge des Wirtschaftsstandortes Schweiz?

Die politisch stabilen Verhältnisse, das duale Bildungssystem, eine starke Währung, eine Administration, welche im Vergleich zum Ausland doch sehr effizient ist. Wichtig ist auch eine Rechtssicherheit, obwohl man gerade in der Finanzplatzdiskussion auf Druck von aussen einige Prinzipien über Bord werfen musste.

Der Finanzplatz Schweiz befindet sich im Umbruch. Hat er eine Zukunft?

Ja, sicher. Der Wettbewerbsdruck wird sicher nochmals enorm zunehmen, weil gewisse Rahmenbedingungen in der Schweiz nicht mehr so günstig sind. Die Konsolidierung und Spezialisierung wird voranschreiten. Vor allem für das Private Banking bin ich zuversichtlich. Die Institute beginnen sich auf die neue Welt einzustellen. Das Banking generell steht unter einem zunehmenden Digitalisierungsdruck, getrieben durch eine neue Generation, neue Zahlungsmittel und Zahlungsplattformen.

Was sind die möglichen Auswirkungen des Brexit auf die Schweizer Wirtschaft?

Die Auswirkungen dürften kurzfristig sicher negativ sein. Nachdem sich die Wechselkurse über die letzten Monate in relativ stabilen Bahnen entwickelt hatten, bringt diese neue Unsicherheit wieder vermehrten Druck auf den Schweizer Franken. Eine noch stärker werdende Währung dürfte den Anpassungdruck für viele im Land produzierende exportorientierte Firmen nochmals erhöhen und vor allem auch Investitionsentscheide für die Zukunft sehr negativ beeinflussen.

Die SNB interveniert gegen einen sich weiter aufwertenden Franken...

Auch wenn die Schweizerische Nationalbank so gut wie möglich darauf reagieren wird und damit den Wechselkurs vielleicht gar stabil halten wird, dürfte alleine die über einige Zeit anhaltende Verunsicherung auf den Märkten einiges an Wachstumspotenzial kosten. Falls wir dann quasi noch einige andere Standortfaktoren nicht rapide verbessern, wie zum Beispiel die dringend notwendige Unternehmenssteuerreform 3, würde ich mit einer Rezession in der Schweiz rechnen. Daran werden dann auch die immer verzweifelter wirkenden Massnahmen der Notenbanken nichts ausrichten können.

Muss die Schweiz nicht irgendwann einmal der Europäischen Union beitreten, wenn der Druck dann zu gross wird?

Nun, wir wissen ja gar nicht, wie sich die EU als Gebilde entwickeln wird. Wir wissen auch nicht, wie sich Europa wirtschaftlich entwickeln wird. Werden wir in Europa zu einem 'Renterparadies'? Der Blick auf die Geburtenraten und andere Indizien wie populistische Tendenzen in der Politik stimmen mich nicht so optimistisch, dass die EU sich unbegrenzt weiter entwickeln kann.

Bei den grossen Wirtschaftsprüfern in der Schweiz gibt es kaum Bewegungen bei den Marktanteilen. Kann man da noch von einem Konkurrenzkampf sprechen?

Da muss man unterscheiden. Der Anteil der Wirtschaftsprüfungen im Dienstleistungsportfolio nimmt sowohl bei uns wie auch bei unseren Mitbewerbern laufend ab. Er beträgt bei uns noch 40 bis 45 Prozent. Hier haben die vier grossen internationalen Player die grössten Marktanteile in der Schweiz. Es ist tatsächlich ein sehr stabiler Markt, obwohl wir in den letzten fünf Jahren eher etwas dazugewonnen haben und PriceWaterhouseCoopers eher etwas verloren hat. Das Wachstum findet in unserem Business in der Beratung statt. Hier gibt es eine gnadenlose Konkurrenz, weil auch weitere Konkurrenten wie McKinsey oder Boston Consulting Group mitspielen.

Ab 2020 müssen unter anderem börsenkotierte Firmen in der EU alle zehn Jahre die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften wechseln. Welchen Einfluss wird das auf die Schweizer Audit-Branche haben?

Wir stellen uns auf den Standpunkt, dass die Schweiz bislang eine gute Lösung hat. Hier wechselt ein Lead Auditor eine Firma, die er prüft, alle sieben Jahre. Wir erachten dies als genügend. Im übrigen sollten die Verwaltungsräte der Firmen selber entscheiden können, wenn sie die Prüfungsgesellschaft wechseln wollen. Es braucht keinen Regulator, der ihnen dies aufzwingt. Bei Schweizer Firmen aber, die seit 30 und mehr Jahren dieselbe Prüfgesellschaft verpflichtet haben, könnte die neue EU-Regulierung tendenziell schon zu Neuausschreibungen führen.

Bei Firmenskandalen geraten schnell einmal die Audit-Gesellschaften in Verruf. Ernst & Young wurde jüngst vorgeworfen, bei den Büchern der Tessiner Bank BSI nicht genau hingeschaut zu haben, die Anlagestiftung Ethos äussert immer wieder Bedenken bezüglich der Qualität der Rechnungsprüfung durch Ernst & Young bei der UBS. Da kommt immer der Spruch: Die Prüfer beissen nicht die Hand, die sie füttert…

Zu einzelnen Kunden nehmen wir keine Stellung. Natürlich stellt sich bei einem Firmenskandal schnell die Frage: Wo war denn der Prüfer? Diese Frage wird gestellt ohne Kenntnis der Hintergründe. Es kann sein, dass der  Prüfer ja gewisse Fakten selber aufgedeckt hat. Wir haben es hier mit einer Jahrzehnte alten Erwartungskluft, dem so genannten Expectation Gap zu tun. Es ist unmöglich, dass Prüfer alle Transaktionen einer Firma lückenlos anschauen. Das können Dutzende von Millionen von Transaktionen sein. Er muss Prozesse beobachten und gewisse Wesentlichkeiten festlegen, die sich in einem vorgegebenen Rahmen bewegen. Die Prüfung ist ein hochkomplexer Vorgang in einem immer komplexer werdenden Umfeld.

Sie übernehmen wie gesagt nächste Woche das Präsidium des Verwaltungsrates von Ernst & Young Schweiz. Wie unterscheidet sich die Arbeit von der des CEO?

Der CEO hat hauptsächlich operative Aufgaben, auch innerhalb unseres globalen Netzwerkes. Der Präsident kümmert sich um primär die Aktionäre, das sind bei uns die Partner. Der Präsident soll aber auch die Kundenarbeit fortsetzen. Dafür werde ich sicher auch mehr Zeit haben. Der Präsident ist zudem ein Sparringpartner des CEO.

Im Video-Interview äussert sich Bruno Chiomento zum Stand der Digitalisierung der Schweizer Firmen und bei Ernst & Young sowie zu seinen Führungsgrundsätzen.

Bruno Chiomento ist seit 2008 CEO von Ernst & Young Schweiz und übernimmt ab nächster Woche das VR-Präsidium der Ländergesellschaft. Sein Nachfolger wird Marcel Stalder. Chiomento, Sohn italienischer Einwanderer aus dem Veltlin, studierte Betriebs- und Volkswirtschaft an der Universität Basel und der Harvard Business School in Boston. Er lizenzierte sich auch als Certified Public Accountant in New York. Nach Anfangsjahren als Wirtschaftsprüfer bei Ernst & Young in Basel (bis 1993) verbrachte Chiomento fünf Jahre bei der International Federation of Accountants in New York. Nach seiner Rückkehr wurde er Partner von Ernst & Young in der Schweiz. Chiomento ist verheiratet und hat zwei Söhne. Er wohnt in Basel.