Kolumne

Essgewohnheiten - Der chinesische Brei

Essen ist jenseits aller Ideologie soziokulturell der entscheidende Punkt. Essen müssen alle. Amerikaner genauso gut wie Chinesen oder Schweizer. Wie ist die grosse Frage.
25.09.2020 15:35
Peter Achten, Asienkorrespondent
Der chinesische Brei

Chinas Regierung hat eben eine grosse Kampagne entfacht unter dem Slogan "Operation leere Teller". Verschwendung von Nahrungsmitteln soll damit eingedämmt werden. Landesweit wird darüber heftig diskutiert, denn es geht – buchstäblich – ums Eingemachte und ist – nochmals buchstäblich – in aller Munde.  Das Verschwenden von Nahrungsmitteln ist, wie Zahlen zeigen, nicht nur ein chinesisches sondern ein internationales Problem.

Rund 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel gehen pro Jahr auf der Welt verloren oder werden verschwendet. Das sind ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel. Alle zehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an Hunger, das sind aufs Jahr gerechnet 3,1 Millionen junge Leben. Zwei Milliarden Menschen leiden an Mangelernährung.

Jedes vierte Kind unter fünf Jahren ist weltweit chronisch unterernährt. An den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben mehr Menschen als an Malaria, Tuberkulose und HIV/Aids zusammen. 161 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind wegen Mangelernährung physisch und geistig unterentwickelt. Die UNO-Statistik verzeichnet jährlich dreissig bis vierzig Millionen Hungertote.

Welthunger besiegen

Die UNO-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung FAO definiert Hunger als dauerhafte Energiezufuhr unter 1800 beziehungsweise 2100 Kilo-Kalorien pro Tag und Person. Unter- und Mangelernährung wiederum wird nach FAO-Parametern durch Energie-, Proteinmangel sowie Fehlen von Mineralstoffen und Vitaminen hervorgerufen. Laut FAO-Zahlen von 2019 leiden elf Prozent oder 820 Millionen Menschen weltweit an Hunger.

Die reichen Industrieländer sind davon kaum betroffen. In der Schweiz beispielsweise stehen jedem Einwohner 3500 kcal zur Verfügung und die Schweizer Haushalte produzieren jährlich eine Million Tonnen Lebensmittelabfälle, pro Kopf und Jahr 330 Kilogramm. Die überwiegende Mehrheit der Hungernden, das heisst 98 Prozent, leben in Entwicklungs- und Schwellenländern, unter anderem 500 Millionen in Asien, 250 Millionen in Afrika, 25 Millionen in Lateinamerika und gerade einmal 15 Millionen in Industriestaaten. Das Ziel der Vereinten Nationen: Den Welthunger trotz steigender Weltbevölkerung bis ins Jahr 2030 zu besiegen.

Ehrgeiziges Ziel

Das Ziel der UNO ist ehrgeizig. Nicht etwa weil die verfügbare landwirtschaftlich nutzbare Fläche des Bevölkerungswachstums wegen schrumpft; Die Getreideproduktion pro Kopf und Jahr nämlich nimmt im Weltdurchschnitt dank Verbesserung der Anbaumethoden stetig zu. So stehen heute durchschnittlich ein Kilogramm Getreide (3000 kcal) pro Mensch und Tag zur Verfügung. Das UNO-Ziel ist jedoch schwer zu erreichen, weil Hunger durch Kriege und Konflikte, Armut, Verschwendung von Ressourcen, verzerrte Handelsstrukturen sowie Naturkatastrophen entsteht.

China hat mit Wirtschaftsreformen in den letzten vierzig Jahren Hunderte von Millionen Menschen aus der Armut befreit. In China gibt es heute keinen Hunger mehr. Doch Verschwendung von Lebensmittel ist ein grosses Problem. 35 Millionen Tonnen gehen nach offiziellen Statistiken bei Ernte und Lagerung verloren. Weitere 18 Millionen Tonnen landen von Haushalten und Gastronomie im Müll. Damit könnte man, so die Chinesische Akademie der Wissenschaften, bis zu 50 Millionen Menschen ein Jahr lang ernähren. Ziel der Regierung: Die Verschwendung bis ins Jahr 2030 halbieren.

Vier zu Eins

Staats- und Parteichef Xi Jinping hat seit seinem Machtantritt 2013 schon einiges unternommen. Als erstes hat er den Partei- und Regierungskadern mehr Frugalität verordnet. Den ansonsten mit Staatsgeldern fürstlich und üppig Tafelnden verordnete Xi kurz und bündig "4-1". Aus dem Parteichinesischen übersetzt: vier Gerichte und eine Suppe.

Das ist natürlich für chinesische Verhältnisse schon sehr, sehr wenig. Ihr Korrespondent erinnert sich noch lebhaft an sein erstes offizielles Bankett in der Grossen Hallte des Volkes am Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen Mitte der 1980er-Jahre. Es war delikat, köstlich und viel. Der Sorghum-gebrannte Maotai floss in Strömen. Tempi passati. Nach weiteren Kampagnen in den letzten Jahren entfachte nun KP-Vordenker Xi eine neue, landesweite Aktion mit dem Namen "Operation leere Teller".

Die Verschwendung von Nahrungsmitteln, so Xi, sei "schockierend" und "verwerflich". Xi zitierte ein Gedicht aus der Tang-Dynastie (618-907 AD): "Wer weiss, dass von unserem Essen in der Schüssel jedes Getreide aus harter Arbeit kommt?". Der Parteichef begründete seine "Operation" damit, dass es notwendig sei, "die Gesetzgebung und Aufsicht zu stärken, wirksame Massnahmen zu ergreifen, einen langfristigen Mechanismus zu schaffen, um Lebensmittelverschwendung entschlossen zu unterbinden".

Über eine Milliarde Köche

Die "Operation leere Teller" ist mittlerweile zum landesweiten Gesprächsstoff geworden. Denn Essen war und ist in China eines der ganz grossen Themen. Die chinesische Küche ist in allen Varianten bekanntlich die beste Küche der Welt. Es gibt in China über eine Milliarde Köchinnen und Köche, und die verderben – entgegen einem westlichen Sprichwort – keineswegs denn Brei, vielmehr machen sie den chinesischen Brei schmackhafter, köstlicher, leckerer.

Dass im Reich der Mitte Essen ein so grosses Thema ist, ist kulturell bedingt. Das Land war bis zur Machtübernahme der Kommunisten vor siebzig Jahren ein ländliches, landwirtschaftlich geprägtes Land. Die Landwirtschaft war über zweitausend Jahr lang der Mittelpunkt der chinesischen Wirtschaft. Essen und Hunger sind deshalb seit Jahrhunderten ein Thema.

Hungerstreik

Als bei den Arbeiter- und Studentenunruhen in Peking 1989 Dutzende von Studenten in den Hungerstreik traten, waren das nationale Schlagzeilen wert. Zudem liegt die letzte, von Maos Utopien verursachte Hungersnot während des "Grossen Sprungs nach Vorn" (1958-61) noch nicht lange zurück. Es war mit geschätzten 30 bis 45 Millionen Hungerstoten wohl die grösste Hungerkatastrophe der Geschichte.

Für Chinesinnen und Chinesen ist deshalb ein mit vielen Gerichten gedeckter Tisch ein Muss. Für einen Gastgeber gibt es nichts Negativeres als leere Teller. Ihr Korrespondent leerte beim bereits oben erwähnten Bankett, wie ihm das von Kindsbeinen eingetrichtert worden ist, stets den Teller und wollte damit den Gastgeber ehren. Voller oder halbvoller Teller, das war die erste kulturelle Lektion für Ihren Korrespondenten.

In China kommt noch etwas Entscheidendes hinzu, das wie bei vielem andern auch im Essen auf einen entscheidenden kulturellen Hintergrund hinweist. Chinesen und Chinesinnen definieren sich nämlich nicht über das Individuum sondern über die Gruppe, Familie, Arbeitseinheit. Das drückt sich in vielen Bereichen aus, und so auch beim Essen. Im Westen bestellt sich jeder sein eigenes Gericht. Im Reich der Mitte wird als Gruppe bestellt und gemeinsam gegessen.

Verschwendung als Schande

Nicht von ungefähr sagte Parteichef Xi bei der Präsentation seiner "Operation leere Teller", in der Gesellschaft solle "eine Atmosphäre geschaffen werden, wo Lebensmittelverschwendung als Schande gilt und man auf ein sparsames Verhalten stolz ist". Die Gastronomen reagierten auf die "leeren Teller" relativ gelassen. Als Grundlage gilt nun, dass es ein Gericht weniger gibt, als Menschen am Tisch sitzen.

Ein vorwitziger Chinese meinte darauf in den sozialen Medien, dass er nicht mehr alleine essen gehen könne, denn ein Mensch minus ein Gericht gebe Null, also Hunger. Im Lieblingsrestaurant Ihres Korrespondenten, einer auf Jiaozi (chinesische Ravioli) spezialisierter Gaststätte, gibt es pro Körbchen nicht mehr zehn sondern nur noch acht Jiaozi.

Bei einer Person und der Bestellung von mehr als zwei Körbchen, so Besitzer und Koch Xiao Chen, sage er natürlich als höflicher Gastgeber nicht nein, ziehe aber seine Augenbrauen fragend, leicht missbilligend nach oben; im Übrigen könne man auch einzelne Jiaozi bestellen, also ein Körbchen plus vier zum Beispiel. Der Esslieferdienst von Alibaba wiederum ermuntert seine Kunden mit dem Slogan "Iss die Hälfte", nur noch halbe Portionen zu bestellen. Ein Restaurateur in der Millionenstadt Changsha ging so weit und stellte seine Kunden auf eine Waage. Je nach Gewicht wurde er dann bedient….

Krisenmodus

Die "Operation leere Teller" hat auch einen aktuellen Hintergrund. Unwetter haben im Süden und Osten zu beträchtlichen Ernteausfällen geführt.  Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) formuliert es so: "Die Ernährungssicherheit ist eine wichtige Grundlage für die Sicherheit des Staates. Bei Lebensmittelverschwendung scheint es um individuelles Verhalten zu gehen, aber es könnte zu erheblichen Gefahren führen". Xi Jinping doppelt nach: "Wir befinden uns im Krisenmodus in Bezug auf die Ernährungssicherheit".

Chinas Getreideproduktion nimmt zwar Jahr für Jahr zu und das Land produziert den grössten Teil seiner benötigten Nahrungsmittel selbst, doch in bestimmten Bereichen – Soja und Getreide – sind Importe noch immer lebenswichtig.

Ob sich das Partei-Diktum von den "leeren Tellern" schnell durchsetzen wird, ist fraglich. Doch Staats- und Parteichef Xi Jinping weiss, dass sich Essgewohnheiten in jungen, ja jüngsten Jahren verfestigen. Deshalb setzt Xi als weiser Landesvater ganz auf die Jugend. Es sei – so Xi – besonders wichtig, das Bewusstsein, dass Lebensmittelverschwendung als Schande gilt, den Kindern beizubringen.

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.