«EU-Länder verstecken sich hinter Grossbritannien»

Hugo Brady vom Center of European Reform nimmt bei der Beschreibung der Beziehungen zwischen Grossbritannien und der EU kein Blatt vor den Mund. Zudem sagt er, wieso das Schweizer Modell für die Briten keine Option sei.
25.04.2013 01:00
Interview: Frédéric Papp, Luzern
Hugo Brady, Europaspezialist am Center for European Reform.
Hugo Brady, Europaspezialist am Center for European Reform.
Bild: ZVG

cash: Die Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Grossbritannien sind angespannt. Wie beurteilen Sie das Verhältnis?

Hugo Brady: In Grossbritannien war schon immer ein latenter Europa-Skeptizismus vorhanden. Der Beitritt in die Europäische Union im Jahre 1970 gelang primär, weil Grossbritannien damals in einer Wirtschaftskrise steckte, während die deutsche und französische Konjunktur vorne weg stürmten. Damals war sogar Margaret Thatcher pro-europäisch.  Aber seit der Zuspitzung der Euro-Krise hat sich der Europa-Skeptizismus verschärft.

Wie äussert sich dieser?

Kein britischer Politiker unter Vierzig würde sich heutzutage selber als pro-europäisch bezeichnen. Es wäre einfacher, sich als Homosexueller zu outen. Die EU wird in Grossbritannien als morbide Wirtschaft gesehen, welche die britische Wirtschaft am Wachsen hindert, und durch dumme EU-Vorschriften behindert werde.

Diese Kritik würden auch andere europäische Staaten teilen.  

Ja, aber die EU-Vorschriften haben zum Beispiel Deutschland nicht davon abgehalten, Exportweltmeister zu werden. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in England sind vielmehr auf mangelhaftes Ausbildungssystem und eine dürftige Infrastruktur zurückzuführen.

Was würde ein Austritt Englands aus der EU für das Land bedeuten?

England wäre dann so etwas wie Australien. Das Land wäre intrinsisch mit allem verbunden, aber ein Kleingewicht bezüglich politischem Einfluss. Ein Austritt würde zudem die Bewegungsfreiheit der Briten stark einschränken. Über eine Million Engländer leben beispielsweise in Spanien, und gut eine Million Polen leben und arbeiten in England. Dies ist die Folge des freien Personenverkehrs. Leider wird der freie Personenverkehr sehr kontrovers diskutiert in England, obwohl er die britische Wirtschaft stützt.

Sind sich die Engländer dem bewusst?

Nein, im Moment sind sich die Engländer der Vorteile nicht bewusst. Aber sie werden gezwungen sein, diese einzusehen, falls es zu einem Referendum kommt. David Cameron hat ja den Briten, falls er wiedergewählt wird, 2017 eine Abstimmung über den Verbleib in der Staatengemeinschaft versprochen. Die Engländer erhalten dann eine Art Crash-Kurs in europäischen Angelegenheiten. In den letzten 20 Jahren haben es die Politiker verpasst, die EU ihrem Volk näherzubringen.

Wie gross schätzen Sie die Chance für einen Austritt aus der EU ein?

Es besteht die Möglichkeit, dass die Briten der EU in den nächsten fünf bis sechs Jahren der EU den Rücken kehren. Aber in meiner Sicht ist ein Austritt in der finalen Analyse aber eher unwahrscheinlich. Ich schätze, England wird zu 60 Prozent in der EU verbleiben.

Was hätte ein Austritt Englands für die EU zur Folge?

Es gäbe eine Destabilisierung. Andere europäische Staaten würden sich fragen: Seht her, England gibt den Austritt. Lasst uns das auch tun. Grossbritannien ist ein wichtiger Pfeiler in der Europäischen Union, sowohl wirtschafts- als auch sicherheitspolitisch. Kontinentaleuropa profitiert stark von der britischen Wirtschaft. Denn das Geld, das zuvor in die Commonwealth-Staaten floss, geht nun nach Europa. Das grösste Handelsdefizit unterhält England mit Europa. Zudem sind gewisse Länder froh, England am Verhandlungstisch zu haben.

Wie ist das zu verstehen?  

Einige Länder verstecken sich hinter Briten, wie zum Beispiel die Iren, die Dänen oder die Schweden. Denn England ist sehr liberal und glaubt an eine andere Form von EU. Die Engländer drücken aus, was die anderen auch denken, aber nicht getrauen auszusprechen. Für die Dänen, Schweden und Iren ist es hilfreich, England am Verhandlungstisch zu haben.

Was denken die Engländer über das Schweizer Modell?

Sehr viele Engländer mögen das Schweizer Modell. Aber für die politische Elite in England käme ein solches Modell nicht in Frage. Die Politiker fühlen sich wohler mit der Vorstellung: Je mehr eingebunden man ist, desto einflussreicher ist man – oder wie die Briten sagen: If you are not at the table, you are on the menu. Aber die Bevölkerung sieht es gerade umgekehrt: Je weiter weg man vom EU-Projekt ist, desto freier ist man. Die Wahrheit liegt vermutlich eher bei der ersten Aussage.

 

Hugo Brady forscht seit 2005 am Center for European Reform, einem der führenden britischen Think Thanks mit Spezialisierung auf Europafragen. Er kommentiert und forscht insbesondere zur Europapolitik im Generellen und zur britischen EU-Debatte. Der gebürtige Ire war zuvor im Aussendepartement von Irland am Institute for European Affaires in Dublin tätig.

Das Interview wurde am Rande des Europa Forum in Luzern durchgeführt.